Das Kometenjahr

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 31. Dezember 2017

Ringen

Der Sonntag Die Ringer des TuS Adelhausen stehen im Halbfinale der deutschen Meisterschaft.

Die Bundesliga-Ringer des TuS Adelhausen stehen erstmalig in einem Halbfinale der deutschen Meisterschaft. Dem Seuchenjahr 2016 ist ein Highlightjahr gefolgt. Der Verein liebäugelt nun gar mit dem ganz großen Wurf. Momente eines Kometenjahrs, in dem die Highlights über den Dinkelberg hinwegfegten.

Was war das für ein Moment. Was für eine Ekstase. Die volle Dinkelberghalle am Überkochen. Coach Florian Philipp rennt begeistert auf die Matte, herzt den Helden des Abends. Was hatte er zuvor leiden müssen. Gegen den bis dahin ungeschlagenen Spitzenreiter Mainz lag der Ringer-Bundesligist TuS Adelhausen vor dem entscheidenden Kampf im Weltergewicht mit 14:15 zurück. Aber – ach du Schreck! – nach der Hälfte der Kampfzeit lag WM-Teilnehmer Alexander Semisorow gegen den Mainzer Dzhan Bekir deutlich zurück.

Der Bodenspezialist blieb aber ruhig. Der wieselflinke 24-Jährige konterte seinen Konkurrenten und warf ihn auf beide Schultern. Ekstase: 4:0-Sieg für Semisorow, 18:15-Erfolg für Adelhausen, der erste Fleck auf der Mainzer Weste. Platz zwei für Adelhausen. Die Playoffs zum Greifen nah. Und ein Aha-Moment für die Verantwortlichen. "Da habe ich zum ersten Mal gespürt, dass dieses Jahr richtig was geht", sagt Trainer Philipp. Vorstand Aribert Gerbode ergänzt: "Von dem Moment an war klar, dass mit uns zu rechnen ist."

Fast zwei Monate liegt der spektakuläre Heimerfolg über Mainz zurück. Es sind etliche weitere Höhepunkte gefolgt. Mit einem unbändigen Teamgeist haben sich die Griffkünstler durch eine schwierige Rückrunde gekämpft. "Für uns hieß es ja nach der Hinrunde alles oder nichts. Wir mussten alle Kämpfe gewinnen, um noch in die Playoffs einzuziehen", sagt Philipp drei Tage vor der Silvesternacht. Seine Kämpfer haben die Bürde der Siegpflicht hervorragend geschultert. Zwölf Mal in Serie haben die Dinkelberger die Gegner nun schon bezwungen. Das Halbfinale wird ein Duell der Superlative. Köllerbach ist der einzige Verein, der in der aktuellen Saison noch nicht verloren hat. Die Adelhausener träumen von einem zweiten Mainz-Moment. Wie damals im November, als Semisorow eine lange Partynacht einläutete.

Der Trainer und 31-jährige Zollbeamte hat sich wegen des Halbfinals, das kommenden Samstag mit einem Heimkampf gegen den KSV beginnt, freigenommen. "Das ist auch die Belohnung für die harte Arbeit in den vergangenen Jahren", sagt das Muskelpaket und gesteht: "Das ist jetzt auch Genugtuung." Das derzeitige Stimmungshoch fällt auch deswegen so gewaltig aus, weil die Adelhausener vor knapp anderthalb Jahren noch ganz anders dastanden. "Das war ein Krisenjahr, kurz vorm Crash", gesteht Philipp.

Seit knapp fünf Jahren ist er in leitender Position beim TuS tätig. Unter der Woche ist er Zollbeamter, der sich um die sportliche Ausbildung seiner Kollegen kümmert, am Wochenende trainiert er Weltklasse-Ringer in der Bundesliga. An Wochentagen Lehrer und Grenzschützer, dann, wenn andere den ruhigen Lenz schieben, Dompteur und Motivator. Er ist ein Dauerbrenner, den scheinbar nichts umwirft: "2016 war aber ganz schwer." Als das Geld damals weniger floss, umstrukturiert werden musste, da waren sie sehr verunsichert am Dinkelberg. "Was wir dann geleistet haben, war besser als erwartet", findet Philipp. Nur knapp verpassten sie im Vorjahr den Playoff-Einzug.

Klasse aus Ispringen geholt

Dass die Querelen zwischen Ringerbund (DRB) und Ringerliga (DRL) im Sommer hochkochten und eskalierten, kam dem Philipp-Team gut gelegen. Traditions-und Top-Club Ispringen ringt seit dem nicht mehr in der ersten Liga, sondern in der neu geschaffenen DRL. Der dortige Ex-Trainer Bernd Reichenbach, der auch ehemaliger Trainer in Adelhausen ist, wechselte zurück an den Hochrhein. Und brachte über eine Handvoll Ringer mit. Inklusive dem neuen sportlichen Leiter Alen Kovacevic. Eine Ispringen-Connection für den Erfolg also. Zakarias Berg, Nick Matuhin, Aleksandar Maksimovic, Michael Kaufmehl und Konstantin Schneider rangen allesamt letztes Jahr beim Vizemeister. Die Sportler schätzen Reichenbach, in der Szene ist der nicht Unumstrittene vernetzt wie kaum ein zweiter. Die Arbeitsteilung sieht folgendermaßen aus: Philipp betreut die Greco-Ringer, Reichenbach die Freistiler.

So wurde 2017 doch noch zum Höhepunktjahr. Manchmal braucht man nur etwas Geduld. Zur Rückrunde wurden die vielen Verletzten wieder fit – über acht Ringer fehlten in der Hinrunde. Besonders Semisorow, Iwo Angelov und Marcel Ewald punkten beständig. Auch der kubanische Neuzugang Reinier Perez, der anfänglich mit erheblichen konditionellen Defiziten zu kämpfen hatte, punktet konstant. "Es ist schon großartig derzeit", findet der sportliche Leiter.

Die erste Mannschaft hat realistische Chancen auf den Einzug ins Finale um die deutsche Meisterschaft, die zweite Mannschaft hat die Regionalliga dominiert und ist mit Abstand Meister geworden und das dritte Team holte ungeschlagen den Bezirksliga-Titel. Geschäftsführer Gerbode ist immer auf Achse. Ausgerechnet kommende Woche hat der Vorstand aber einen Urlaub gebucht. Südamerikareise statt Halbfinale. "Das haben wir bereits im April abgemacht", ächzt Gerbode. So wird er kommenden Sonnabend am Liveticker hängen. Und hoffen, dass er den größten Erfolg der Clubgeschichte aus der Ferne verfolgen kann. Ein Start ins neue Jahr könnte schlimmer sein.