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28. Oktober 2009

Der den Trainer korrigiert

Marvin Nöltge ist als zweimaliger deutscher Meister bei den geistig Behinderten das Aushängeschild des Karate-Dojo Emmendingen.

  1. Marvin Nöltge Foto: MARKUS GERSTNER

BEHINDERTENSPORT. Seinen exquisiten Armani-Anzug streift er sich selbstredend nur zu besonderen Anlässen über. Beispielsweise wenn es darum geht, die Ehrungen seiner Heimatgemeinde für seine außerordentlichen Leistungen entgegen zu nehmen.

Doch auch auf der Matte macht Marvin Nöltge eine sehr gute Figur: Das 22-jährige Aushängeschild des Karate-Dojo Emmendingen ist zweimaliger deutscher Meister in der Kategorie Geistig Behinderter. Sein Trainer und Mentor Hans Kölz unterstreicht, dass eine eiserne Trainingsdisziplin, eine ausgeprägte Willenskraft und eine hohe Konzentrationsfähigkeit zu den großen Stärken des jungen Sportlers mit Down-Syndrom zählen.

Diese Stärken waren auch nötig, um sich von anfänglichen Schwierigkeiten nicht entmutigen zu lassen. Als Nöltge mit 14 Jahren mit dem Training in der Jugendgruppe seines Vereins begann, fand er dort nur begrenzt Akzeptanz. Besser wurde es, als er in das Erwachsenen-Training wechselte. Dort trainiert er nun dreimal pro Woche verschiedene Varianten von einer der fünf Stilrichtungen im Karatesport – der Kata. Diese ist körperkontaktlos und demonstriert die Technik mit einem imaginären Gegner. Die besondere Herausforderung für Nöltge besteht darin, die Geschwindigkeitswechsel von schnellen zu langsamen Bewegungen zu koordinieren.

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Sein Beispiel zeigt, dass sich der Leistungssport von Menschen mit einer Behinderung in weiten Teilen weder in Training noch Wettkampf vom Leistungssport Nichtbehinderter unterscheidet. Personen aus seinem unmittelbaren Umfeld bestätigen, wie wichtig es für die persönliche Entwicklung des jungen Leistungssportlers war, 2007 erstmals bei der nationalen Meisterschaft des Deutschen Karate-Verbandes in Erfurt den Titel in seiner Kategorie zu erringen. Nicht zuletzt durch zahlreiche Zeichen der Anerkennung seiner Erfolge wurde Nöltges Selbstbewusstsein enorm gestärkt. "Früher trainierte Marvin allein in der Ecke – nun zeigt er seinen Vereinskollegen, wie sie ihre Katas perfektionieren können. Es kommt sogar vor, dass er seinen Trainer korrigiert", sagt Coach Kölz – und freut sich darüber. Nach der Verteidigung seines deutschen Meistertitels in diesem Jahr ist die Motivation des sympathischen Karateka ungebrochen, weitere Wettkampferfolge – auch auf internationaler Ebene – zu erzielen.

Allerdings steckt der Karatesport für Menschen mit Behinderung noch in der Entwicklungsphase, national und vor allen Dingen international. Um diesen Prozess voranzutreiben, hat der 110 000 Mitglieder zählende Deutsche Karate Verband eine Abteilung für "Karate für Menschen mit Behinderung"geschaffen. Ob die gewünschte Umstrukturierung vom Breiten- zum Leistungssport hin gelingt, wird auch von der Qualität der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Nationalverbänden und ihrer Talentförderung abhängen.

Ein weiteres Aufgabenfeld: Trotz der großen Bandbreite an Behinderungen starteten bisher alle Wettkampfteilnehmer in nur einer Klasse. Derzeit wird an neuen und gerechteren Klassifizierungssystemen getüftelt.Ein wichtiger Schritt wäre mit der Zulassung von Karate bei den Paralympics erreicht. Bisher sind Sportler mit einer geistigen Behinderung dort nur zu Demonstrationswettbewerben zugelassen. Der Antrag des Karate-Weltverbandes liegt dem Internationalen Paralympischen Komitee bereits vor.

Es überrascht nicht, dass Marvin Nöltge, der in seiner Freizeit mit Freude Klavier spielt, für die Karate-Saison 2010 ehrgeizige Ziele hat: Im März möchte er bei der deutschen Meisterschaft im saarländischen Völklingen seinen Titel zum dritten Mal erringen und bei den Specialympics in Bremen die Juroren und das Publikum mit seinen beeindruckenden Katas überzeugen.

Wenn der junge Mann weiterhin die gleiche Professionalität wie bisher an den Tag legt, ist davon auszugehen, dass sein Armani-Anzug schon bald wieder Verwendung finden wird.

Autor: Markus Gerstner