Die Abstiegsangst geht um

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 06. Januar 2019

Tischtennis

Der Sonntag Die Tischtennisspielerinnen des ESV Weil erleben in der 2. Bundesliga eine harte Saison.

Eine durchwachsene Vorrunde haben die Tischtennisspielerinnen des ESV Weil auf dem drittletzten Platz beendet. In der 2. Bundesliga stecken sie im Abstiegskampf. Immerhin: Der Trend zeigte zuletzt nach oben. Sie hoffen, dass die Winterpause diesem nicht entgegenwirkt.

Über Weihnachten warteten sie in Weil auf die frohe Botschaft. "Das Kind ist aber noch nicht da", scherzt Serge Spiess, Sportlicher Leiter des ESV. Fast schon geknickt klingt er, schiebt aber hinterher: "Wir hoffen, dass bei der Geburt alles gut geht und sie schnell zurückkommt." Seit neun Monaten müssen sie in der Rheinstadt auf ihre beste Spielerin verzichten. Ievgeniia Vasylieva erwartet Nachwuchs. An Tischtennis ist nicht zu denken. In Weil vermissen sie die Rechtshänderin schmerzlich.

Vasylieva ist ukrainische Nationalspielerin und war in den letzten Jahren Garant dafür, dass sich der ESV in der 2. Bundesliga bis zum Aufstiegskandidaten gemausert hat. An Position Eins schlug sie sich zwei Saisons mit großartiger Bilanz.

Punktegarant war sie aber vor allem im Doppel mit Charlotte Carey – walisische Nationalspielerin und vierfache nationale Meisterin in ihrer Heimat. Gemeinsam verloren sie in den letzten beiden Spielzeiten gerade einmal ein Match. Besser war in der Liga kein anderes Doppel.

Diesen Herbst aber galt: "Da müssen wir wieder konstanter werden", fordert Trainer Alen Kovac. Nur fünf Doppel haben die Weilerinnen in der Hinrunde gewonnen, 13 verloren. Die Bilanz im Einzel liest sich besser: 33:35. Aber auch das reicht nicht. Kovac erklärt: "Wir müssen im Einzel punkten, weil wir im Doppel keine Sicherheit haben." Patzt eine Spielerin, gerät jede Partie zum Vabanque-Spiel. Patzen mehrere Spielerinnen, sind Pleiten programmiert.

So geschehen im Dezember. Die Partie gegen Tabellenschlusslicht NSU Neckarsulm sollte zum Befreiungsschlag für den damaligen Vorletzten werden. Ein Heimkracher im Abstiegskampf. "Aber da haben alle nicht ihre Leistung abgerufen ", erinnert sich Spiess an den dunkelsten Weiler Dezembertag. Mit 2:6 fertigte der Abstiegskandidat den ESV ab. So deutlich hatten sie bis dahin noch nicht verloren.

Die Rehabilitation folgte aber auf den Fuß. In der Folgewoche kamen die Kovac-Frauen gegen den TTK Großburgwedel stark zurück. 6:4 hieß es am Ende. Auch weil sie auf dem sonst schwächeren vorderen Doppelpaar (Carey/Eline Loyen) punkteten. "Wir hatten nicht mit einem Sieg gerechnet", sagt Kovac, was für ihn zeigt: "Die Liga ist unglaublich eng. Es entscheidet die Tagesform."

Brisantes Duell gegen das Team aus Leipzig

Der unerwartete Sieg hat ihnen etwas ruhigere Weihnachtstage beschert. Weil überwintert auf dem drittletzten Platz, dem ersten Nichtabstiegsrang. "Es bleibt also gefährlich", warnt Kovac. Der Auftakt hat es in sich. Ende Januar empfängt der ESV die Leutzscher Füchse aus Leipzig. In der Tabelle stehen die einen Platz hinter Weil.

Sorgenfalten bereitet, dass Kovac da vermutlich wieder nicht auf sein bestes Team zurückgreifen kann. Topspielerin Vasylieva fehlt wie schon die gesamte Runde, aber auch Eline Loyen muss wohl passen. Prüfungsphase für die 20-jährige belgische Meisterin, die 2017 Doppeleuropameisterin wurde. "Wir versuchen, noch einen Direktflug zu bekommen, aber es sieht schlecht aus", murrt Kovac.

Was auf eine Weiler Eigenart verweist. Der ESV ist ein Team der Pendler. Vivien Scholz (21 Jahre) und Qian Wan (19 Jahre) leben und trainieren am Stützpunkt in Düsseldorf, Loyen im belgischen Leistungszentrum und die Waliserin Carey in Schweden. Sie ist die Verkörperung der Weiler Wandertruppe. In Halmstadt trainiert sie seit knapp vier Jahren am schwedischen Leistungszentrum und fliegt von da um die Welt. Ihr Turnierplan letztes Jahr war immens: Thailand, Bulgarian, Polish, Spanish und Czech Open, die Commonwealth Games, die Waliser Meisterschaften, die Welt- und Europameisterschaft – Carey war immer auf Achse.

"Ich war auch körperlich fertig", erklärt die 22-Jährige, warum sie Mitte der Hinrunde in ein kleines Loch viel. "Sie ist aber zurückgekommen", findet der Sportliche Leiter. Die neue Nummer Eins betont: "Ich muss jetzt das Team führen." Vor einem ereignisreichen Januar fordert sie: "Wir müssen zusammenstehen." Sie sitzt auf gepackten Koffern. Vor dem Abstiegskracher gegen die Leutzscher Füchse spielt die Linkshänderin noch Turniere in Ungarn und Portugal. Spiess hofft, dass sie durch die Spielpraxis das Team führen kann. Gemeinsam mit Frau Doris (Vorstand) lenkt der Sportliche Leiter seit Jahren die Geschicke in Weil. Sie streben in die Belletage. Für ihr Aufstiegs-Projekt ist der Klassenerhalt überlebenswichtig.

Im Hintergrund werkeln sie fürs Oberhaus. Ein Problem stellen die Schiedsrichter da. Für die Zweite Liga reicht ein Bundesschiedsrichter, eine Klasse höher aber bräuchten sie fünf davon. So viele gibt es in ganz Südbaden kaum. "Die müssten wir dann einfliegen", erklärt der 66-Jährige. Ein gewaltiger Kostenpunkt in einer ohnehin finanzstärkeren Liga. Die Topteams können auf einen Etat im mittleren sechsstelligen Bereich zurückgreifen, leisten sich davon gleich mehrere Profis. Davon ist Weil weit weg. Erst einmal gilt es ohnehin, die Klasse zu halten. Dabei hoffen sie, dass Topspielerin Vasylieva bald zurückkehrt. Spiess Neujahrsgrüße an die vermisste Nummer Eins enthielten daher auch einen Wunsch: Das Kind soll sich beeilen.