Ein goldener Abschluss

Georg Gulde und dpa

Von Georg Gulde & dpa

Mo, 13. August 2018

Leichtathletik

Hindernis-Läuferin Gesa Felicitas Krause siegt / Medaillengewinner der Leichtathletik-EM in Berlin kritisieren die Kanzlerin.

BERLIN/FREIBURG. Gesa Felicitas Krause feierte in den Armen von Maskottchen Berlino und warf mit strahlendem Lächeln immer wieder Kusshändchen ins Publikum. Mit einem unwiderstehlichen Schlussspurt verteidigte der deutsche Läuferin am Sonntagabend ihren EM-Titel über 3000 Meter Hindernis. Auch die 4x100-Meter-Staffel der Frauen gewann zum Abschluss der stimmungsvollen Europameisterschaft in Berlin eine Medaille – Bronze.

Die 26-jährige Krause setzte sich souverän in persönlicher Saisonbestleistung von 9:19,80 Minuten durch. Zweite wurde Fabienne Schlumpf aus der Schweiz in 9:22,29 Minuten, die lange Zeit für ein hohes Tempo gesorgt hatte. Bronze holte Karoline Bjerkeli Grovdal aus Norwegen in 9:24,46 Minuten.

Im EM-Vorlauf hatte Krause sich nun mit der drittbesten Zeit noch "ein paar Körner aufgespart" - im Finale hielt sie sich zunächst etwas zurück. An der Seite von Burkard blieb Krause zu Beginn in fünfter Position und beachtete damit die Vorgabe ihres Trainers Wolfgang Heinig, keine Führungsarbeit zu erledigen. Die Schweizerin Schlumpf machte das Tempo, Krause hielt mit und zog am letzten Wassergraben 150 Meter vor dem Ziel davon. Bei ihrer ersten EM-Goldmedaille vor zwei Jahren in Amsterdam lag sie noch knapp zehn Sekunden vorne. 2012 hatte sie in Helsinki bereits EM-Bronze gewonnen. Krause hatte bei der WM in London vor einem Jahr durch einen unverschuldeten Sturz alle Medaillenchancen eingebüßt, sich aber trotz eines Blutergusses am Knie wieder aufgerappelt und war noch Neunte geworden. Dass sie anschließend nicht lamentierte oder ihr Schicksal beklagte, brachte ihr weitere Sympathien ein.

Mit dem erneuten Coup von Krause ging in der jüngsten EM-Disziplin der Frauen im Stadion der Titel zum dritten Mal in Serie an Deutschland. 2014 in Zürich hatte noch Antje Möldner-Schmidt triumphiert. Diesmal schied die 34 Jahre alte Cottbusserin nach ihrer Babypause bereits im Vorlauf aus. Bis einen Tag vor ihrem ersten EM-Auftritt am Freitag hatte sich Krause wie schon traditionell in Davos auf den Saison-Höhepunkt vorbereitet. Dabei verlief ihr Start ins Jahr schleppend, weil sie das Training schon mit Blick auf Olympia 2020 umgestellt hat.

Die deutsche 4x100-Meter-Frauenstaffel mit Top-Sprinterin Gina Lückenkemper hat die Bronzemedaille erobert. Lisa-Marie Kwayie, Lückenkemper, Tatjana Pinto und Rebekka Haase mussten sich am Sonntagabend vor 42 350 Zuschauern in 42,23 Sekunden nur dem siegreichen britischen Quartett (41,88) und den Niederländerinnen (42,15) geschlagen geben.

Der 18 Jahre junge Armand Duplantis ist nach seinen sensationellen 6,05 Metern erstmals Europameister im Stabhochspringen. Das Top-Talent aus Schweden glänzte in einem sehr hochkarätigen Wettkampf. Der Russe Timur Morgunow, der unter neutraler Flagge gestartet war, überwand mit 6,00 Metern ebenfalls die magische Sechs-Meter-Marke. Dem französischen Olympiasieger von 2012, Renaud Lavillenie, blieb mit 5,95 Metern Bronze.

Eine sehr offene Sportart

Die Leichtathletik bewies in den Tagen von Berlin zudem, dass es eine sehr offene Sportart ist. Im deutschen Athletenteam haben 22 von 125 Sportlerinnen und Sportlern einen Migrationshintergrund, also 17,6 Prozent. Der DLV sieht das als Bereicherung an. Die Sportler wurden in der deutschen Hauptstadt genauso für ihre Leistungen und Erfolge gefeiert (zum Beispiel Weitsprungsiegerin Malaika Mihambo und die aus Freiburg stammende Hochsprung-Dritte Marie-Laurence Jungfleisch) wie die Athleten ohne Migrationshintergrund. Eine Mesut-Özil-Debatte konnte aus mindestens zwei Gründen nicht erfolgen: Zum einen war das deutsche Team sehr erfolgreich bei der Heim-Europameisterschaft. Zum anderen hat die Leichtathletik nicht den gesellschaftlichen Stellenwert wie der Fußball.

Eine politische Dimension bekam die EM indes doch noch. Am Samstagabend im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF nutzten einige DLV-Asse die Bühne, zu einer harschen Kritik an der Politik. "Was ich mich frage: Warum war Frau Merkel nicht da?", sagte Kugelstoßerin Christina Schwanitz. Nach Rio de Janeiro zum Fußball-WM-Finale 2016 sei Bundeskanzlerin Angela Merkel geflogen. "Im Fußball geht’s. Und jetzt, da es im eigenen Land ist, und es ist ja nicht erst seit gestern bekannt, ist sie nicht da", klagte die EM-Silbermedaillengewinnerin und Mutter von Zwillingen. Schwanitz ergänzte: "Das finde ich ziemlich schade. Da sieht man auch die Wertschätzung." Auch Arthur Abele kritisierte die Kanzlerin, wenn auch in abgeschwächter Form. Merkel hätte trotz Urlaubs "einen kleinen Abstecher machen können oder einen kleinen Gruß entrichten können über die Social Medias", sagte der Zehnkampf-Europameister – und ergänzte: "Dann wäre das für alle eine tolle Situation gewesen."

Die Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestages, Dagmar Freitag (SPD), zeigte Verständnis für die Kritik. "Ich bedauere es nach wie vor, dass die Bundeskanzlerin Großveranstaltungen außerhalb des Fußballs ignoriert. Besonders, wenn so eine großartige Veranstaltung wie die Europameisterschaft in Berlin stattfindet."

Im Medaillenspiegel der Leichtathletik-EM lag nach Abschluss aller 48 Wettbewerbe Großbritannien (7 Gold/4 Silber/6 Bronze) vor Polen (7/4/1) und Deutschland (6/7/6).

Nach Abschluss der 187 Wettbewerbe der European Championships, die sieben Sommersportarten umfassten (Leichtathletik, Schwimmen, Radsport, Rudern, Triathlon, Golf und Turnen) lag im Medaillenspiegel Russland (31 Gold/19 Silber/16 Bronze) vor Großbritannien (28/26/25) und Italien (15/17/28). Deutschland (13/17/23) wurde Fünfter.