Ein Schreihals trifft den richtigen Ton

Matthias Kaufhold

Von Matthias Kaufhold

Mo, 15. Januar 2018

Schießen

Die Schützengilde Welzheim ist mit krächzender Anfeuerung Tabellenführer der Bogen-Bundesliga.

BOGENSCHIESSEN (mat). Schreckhaften Zeitgenossen, die beim Bogenschießen auf der Suche nach Harmonie und innerer Einkehr sind, ist vom Besuch eines Bundesliga-Wettkampfs dringend abzuraten. Die Gefahr eines nachhaltigen traumatischen Erlebnisses droht vor allem in der Südstaffel der Bundesliga. Kaum war in Teningen am Samstag das Freigabesignal für den Wettkampf ertönt, erfüllte ein Mark erschütternder Schrei die zuvor wohl temperierte Akustik in der Sporthalle. "Camillloooo", krächzte einer charakterstark mit Joe-Cocker-Timbre. "Auf geeeeht’s." Der Laie zuckte auf seinem Stuhl zusammen, der Experte schüttelte nur den Kopf. "Dem tut irgendwas weh, dem kann man nicht mehr helfen", kommentierte der Freiburger Trainer Martin Cornils nicht ganz ernst gemeint die Vokalausschläge von Christian Weiss, Leistungsträger der Schützengilde Welzheim.

Weiss geht in der Bogenszene als Paradiesvogel durch. In Teningen trat der 29-jährige WM-Teilnehmer von 2015 mit zwei verschiedenfarbigen Turnschuhen und rosa-glitzerndem Bogenkorsett an. Sein Schlachtruf-Ritual galt dem Teamkollegen Camilo Mayr, der nach einer schöpferischen Pause in diesem Jahr wieder das Trio in Welzheim komplettiert. Weiss, Mayr und der Luxemburger Jeff Henckels holten 2009 und 2010 den Bundesligatitel in den Schwäbischen Wald. Jetzt ist die Welzheimer Troika wieder komplett und Henckels ist sich sicher: "Irgendwie hat diese Art von Stimmung der Liga gefehlt."

Das lautstarke Anstacheln, weder verboten noch gegen die Konkurrenz gerichtet, scheint innervierend zu wirken: Welzheim gewann alle sieben Duelle in Teningen und übernahm die Tabellenspitze von der FSG Tacherting. Die Schwaben dürften damit aus dem Süden erster Anwärter auf den Meistertitel sein.

Der weltweit einmalige Mannschaftsvergleich der Bogenschützen in der Halle ist für Jeff Henckels die ideale Form der Saisonüberbrückung im Winter. Die vielen Duelle in kurzer Abfolge halten den Wettkampfdruck hoch. "Sonst wird es in der Halle bei 60 Pfeilen auf 18 Metern schnell öde und langweilig", sagt der Spitzenschütze, der seit 14 Jahren fast ununterbrochen für Welzheim schießt.

Auch international ist der zweifache Olympia-Teilnehmer (2004 und 2012) eine große Nummer. 2013 war Henckels zeitweilig Weltranglistendritter. Der 33-Jährige aus dem kleinen Ort Bascharage trainiert siebenmal pro Woche – und ist doch nur Amateur. Henckels arbeitet als Telekommunikationstechniker bei der (nicht privatisierten) luxemburgischen Post – und freut sich auf das Ligafinale in vier Wochen in Welzheim: "Dann werden 40 Leute schreien wie Christian."