Elektro-Boliden proben die "stille Revolution"

sid

Von sid

Mi, 16. November 2016

Motorsport

Einst belächelt, jetzt im Kommen: Immer mehr Automobilhersteller steigen in die Formel-E-Rennserie ein.

KÖLN (sid). Der Formel 1 stehen einschneidende Veränderungen bevor, und gerade in den kommenden Jahren muss die Königsklasse liefern: Die anfangs belächelte Formel E wird für Hersteller immer attraktiver.

Es ist gar nicht lange her, da sorgte der Gedanke an die Formel E für abfälliges Grinsen in der Formel 1. Eine rein elektrische Rennserie, kein Motorengebrüll, kein Benzingestank? Das sei doch "Käse", meinte nicht nur Chefkritiker Sebastian Vettel. Wo bleibe die Faszination, "wenn ein Auto an dir vorbeirast und du nur den Wind hörst?", fragte der viermalige Weltmeister damals zum Start der Elektro-Serie.

Doch rund zwei Jahre später nimmt genau diese "stille Revolution" immer deutlicher Gestalt an. Der großen Formel 1 erwächst – ganz langsam – ein moderner Konkurrent. Und die Big Player im Motorsport können und wollen das nicht mehr ignorieren.

Renault ist seit dem Start dabei, Jaguar stieg zur aktuellen Saison ein, und in den kommenden Jahren wird es richtig spannend: Audi nimmt Abschied von der Langstrecke und den legendären 24 Stunden von Le Mans, stattdessen stellen die Ingolstädter von 2017 an ein Werksteam in der Formel E. BMW plant den Einstieg für 2018 – und sogar Formel-1-Dominator Mercedes hat sich für ebendiese Saison einen Startplatz reserviert.

"Wir haben das Wachstum der Formel E mit großem Interesse verfolgt", sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, "wir schauen uns momentan alle Optionen für die Zukunft des Motorsports an." All das verdeutlicht das Umdenken, welches bei den großen Automobilherstellern stattfindet, Elektromobilität gewinnt nun mal an Bedeutung. Und für die Formel 1 ist das vor dem Hintergrund ihrer seit Jahren schwierigen Situation ein ernstzunehmender Faktor.

Die "Spitze des Motorsports" hat – nicht zuletzt durch die Zuwendung zur modernen Hybrid-Technologie – an Reiz verloren. Da sind sich Millionen Fans auf der ganzen Welt und viele Fahrer einig. Um den ursprünglichen, rohen Charakter als Alleinstellungsmerkmal zu erhalten, greift von der kommenden Saison an ein neues Reglement: Die Autos und Reifen werden breiter, die Formel 1 soll wieder spektakulärer werden.

Gleichzeitig wird die Serie auch spannenden Rennsport bieten müssen, echten Wettkampf auf der Strecke. Die kommenden drei bis vier Jahre unter dem neuen Reglement werden enorm wichtig, die Formel 1 muss liefern, denn die Konkurrenz schläft nicht.

Dabei wird die Formel E der großen Schwester noch lange nicht die Fans abgraben. Die Männer in den Elektroboliden locken im Vergleich zu Vettel, Lewis Hamilton und Co. nur einen Bruchteil der Zuschauer vor die TV-Geräte, von den Reichweiten der Formel 1 können sie bis auf weiteres nur träumen.

Dennoch nimmt die Formel E momentan einen gewissen Schwung auf, und für die großen Hersteller ist es riskant, nicht mitzulaufen. "Die Elektrifizierung wird in der Zukunft der Automobilindustrie eine große Rolle spielen", sagt Wolff, "und der Rennsport war immer eine große Entwicklungsplattform. Das macht die Formel E so relevant."

Zudem ist Motorsport eine riesige PR-Plattform, für die Entscheidungsträger stellt sich in den kommenden Jahren damit vor allem eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Noch hat die Formel 1 einen gewaltigen Vorsprung. Doch je mehr Elektroautos auf den Straßen bewegt werden, desto mehr wird sich nicht nur Mercedes zu abgasfreiem Rennsport bekennen.

Sogar Ferrari, in der Formel 1 gerne so etwas wie der Verteidiger des männlichen, lauten Rennsports, zeigt übrigens längst Interesse. Der Schritt in die Formel E sei "in ein paar Jahren denkbar", sagt Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne.