Es muss nicht immer Olympia sein

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Fr, 25. November 2016

Schießen

Für den Hauinger Schützen Michael Schwald platzte der Traum von Rio / Samstag und Sonntag Bundesliga-Heimkampf mit dem ESV Weil.

SPORTSCHIESSEN 1. Bundesliga Süd Luftpistole. Die Schützen des ESV Weil wollen am Samstag und Sonntag die Chance auf das Viertelfinale wahren – in der heimischen Halle in Ötlingen. Darauf hofft auch der derzeit stärkste ESV-Schütze Michael Schwald. Turbulente Jahre haben den 24-Jährigen ruhig werden lassen – ein unabkömmliches Attribut im Sport mit der Luftpistole.

"Man braucht für jeden Schuss die Fähigkeit, die Atmung optimal zu halten", erklärt Schwald. International bedeutet das in 90 Minuten, 60 Mal optimal zu atmen, national muss Schwald in 50 Minuten 40 Schüsse abgeben. Wenn er über die korrekte Atemausführung redet, ist er in seinem Metier. Seit 14 Jahren ist er Sportschütze, seit 14 Jahren gehört der Hauinger zu den hoffnungsvollen Talenten der deutschen Luftpistolenschützen. Die geforderte Ruhe ist zu einem Charakterzug Schwalds geworden. Oder ist er gerade deswegen ein so guter Schütze geworden? Ein Henne-Ei-Mysterium, aber zurück zum Junioreneuropameister von 2012: Ruhig und wohl formuliert führt er aus: "Eine ruhige Doppelatmung ist wichtig, es geht um die Haltestabilität. Im sogenannten Halteraum muss man dann abdrücken, gleichzeitig und rechtzeitig, im Einklang mit der Atmung."

Denkt man an Sportschießen, denkt man nicht an Michael Schwald. Vorm inneren Augen der Stereotype erscheinen verrauchte Schießbuden und Männer in Trachten. Schwald tritt in etwa so auf, wie man sich einen angehenden Mathelehrer vorstellt. Es passt demnach, dass der mehrmalige deutsche Juniorenmeister tatsächlich Mathe und Chemie studiert; im elften Semester. "Ich bin in der Endphase", erzählt Schwald. Seit diesem Sommer wohnt er mit seiner Partnerin in Lörrach. Zuvor hatte er mehrere Jahre in Freiburg gelebt. Pendeln ins Training fiel schwer. Nun hat er die Prioritäten verändert und nimmt dreimal die Woche den Regionalexpress nach Freiburg zur Uni.

Im Sport befindet Schwald sich nicht im Endstadium. Der derzeit an Position eins schießende Weiler absolviert eine auffällig starke Saison. Im Schnitt holt er 379,60 Punkte pro Tagesduell – ein Topwert. Fast im Alleingang erhält er seinem Team die Chancen auf das Bundesliga-Viertelfinale, dafür ist mindestens der vierte Platz in der Südstaffel notwendig. "Das wird ganz schwierig", vermutet Monika Blaschka. Sie muss es wissen, seit über 25 Jahren ist sie beim ESV. Fast ebenso lang hat sie das Bundesligateam betreut. Sie kennt die Schwierigkeit dieser Saison: "Auf den hinteren Positionen sind wir zu schwach." Und auch der letztjährige Topschütze Pavel Svetlik will nicht so richtig treffen. Er absolviert dieses Jahr ein Austauschsemester im bayrischen Deggendorf, einen Verein zum Trainieren hat der 31-Jährige noch nicht gefunden. So fehle ihm "in den Drucksituationen die Routine", so Blaschka.

Der letzte Strohhalm heißt daher Schwald. "Er ist diese Saison so richtig im Aktiven-Bereich angekommen", findet Blaschka, "es ist ja erst seine dritte Saison in der Bundesliga." Der Wechsel aus der Jugend zu den Senioren gleicht im Sportschießen einem Sprung ins Haifisch-Becken. "In der Jugend gibt es nicht allzu viele", konstatiert die Betreuerin, "wenn man dann in die Schützen-Klasse kommt, geht man erst einmal in der Masse unter."

"Auch EM und WM sind tolle Meisterschaften"

Auch Schwald hat das erlebt. Als er 2012 die EM der Junioren gewann, war klar: Schwald ist Olympiakandidat. "Von da an war alles nur noch auf dieses eine Ziel ausgerichtet", erinnert er sich heute. Die Qualifikation hat er nicht geschafft. Die Nicht-Teilnahme stand bereits nach dem ersten Weltcup in den USA 2014 fest. "Da ist mir eine Feder in der Luftpistole gesprungen und ich konnte die letzten sechs Schuss nicht machen", erzählt er. Die Enttäuschung hört man heute noch. Jetzt hat er sich andere Ziele als etwa Tokio 2020 gesetzt: Dieses Jahr lag sein Fokus auf der Studenten-WM, wo er in Polen im September den fünften (Freie Pistole) und zehnten Platz (Luftpistole) holte. Und "auch EM und WM sind tolle Meisterschaften, es muss nicht immer Olympia sein". Vorerst ist Schwald aber an diesem Samstag (19 Uhr) und Sonntag (13 Uhr) in der Ötlinger Mehrzweckhalle doppelt gefordert, zwischen den Atemzügen wenn Finger und Ausatmung synchron den perfekten Schuss ermöglichen. Dann, so hoffen die Weiler, wird Schwald wieder in seinem Metier sein.