"Habe Hobby zum Beruf gemacht"

Jochen Dippel

Von Jochen Dippel

Sa, 16. September 2017

Reitsport

Springreiter Marcus Ehning gewinnt beim Donaueschinger CHI und beeindruckt als Stilist / Großer Einzeltitel ist für ihn kein Ziel.

DONAUESCHINGEN. Gewonnen hat Marcus Ehning so ziemlich alles, was es als Springreiter zu gewinnen gibt: Er war Olympiasieger, Weltmeister, und dreimal Europameister, jeweils mit der deutschen Mannschaft. Überdies triumphierte der 43-jährige Westfale, der sein "Hobby zum Beruf gemacht hat", dreimal in einem Weltcup-Finale, siegte in zahlreichen Großen Preisen, auch beim CHIO in Aachen und 2008 beim CHI in Donaueschingen. Lediglich ein Sieg bei einem internationalen Championat fehlt ihm noch in seiner jahrzehntelangen Erfolgsvita.

Doch eines macht den vierfachen Familienvater unverwechselbar: Wenn Marcus Ehning im Sattel sitzt, sieht alles spielerisch leicht aus – egal auf welchem Pferd und unabhängig von Erfolg oder Misserfolg: Stets sind seine Auftritte in den Parcours dieser Welt eine Augenweide – und bester Anschauungsunterricht für stilistisch feines Reiten: Ein ruhiger, leichter Sitz, dazu einfühlsame, flexible Hände und kaum sichtbare, aber wirksame Hilfen mit Kreuz und Schenkeln, die unverrückbar am Pferdeleib zu kleben scheinen. Wo bei vielen seiner Kollegen die Beine über den Hindernissen unkontrolliert durch die Luft fliegen und ein fester Knieschluss reine Glückssache ist, scheinen bei dem 43-jährigen Springreiter aus dem westfälischen Borken sämtliche Fliehkräfte aufgehoben zu sein. Nicht von ungefähr sagte der französische Profikollege Roger-Yves Bost mit Blick auf seinen eigenen, höchst eigenwilligen Springstil einmal ehrfurchtsvoll: "Es ist eben nicht jeder ein Marcus Ehning."

Gibt es eine Geheimformel? "Nein", erwidert Ehning und fügt lachend hinzu: "Mein Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt." Alles beruhe auf Vertrauen, der Umgang mit den Menschen in seinem Betrieb, einem Ausbildungs- und Handelsstall mit zwölf Angestellten und derzeit etwa 45 Pferden ebenso wie jener mit den Vierbeinern. Da müsse letztlich "das Gesamtpaket passen", sich einer auf den anderen verlassen können. "Wichtig ist mir vor allem, dass die Pferde zufrieden, ausgeglichen und entspannt sind", lautet Ehnings Maxime. "Dazu gehören vor allem Konstanz und geduldige Arbeit, nur dann hat man langfristig Erfolg. Dabei versuche ich, möglichst alles einfach und unkompliziert zu halten. Schließlich ist ein Pferd ein Lebewesen und somit eine ganz andere Herausforderung, als wenn ich einen Tennisschläger in der Hand halte."

Mit einem Bilderbuchritt glänzte der rotblonde Westfale auch zum Auftakt des 61. Donaueschinger CHI am Freitagnachmittag. Nach einer fehlerlosen, ruhigen und dennoch schnellen Vorstellung entschied Ehning eine internationale Prüfung der Klasse S der Youngster Tour für siebenjährige Springpferde für sich. Auf dem belgischen Wallach Cooper verwies er seinen Landsmann Tobias Kuhlage mit Ambrosio d’Alcy und den Dänen Sören Pedersen auf Tailormade Chacladine auf die nächsten Plätze. "Das Pferd ist zwar noch grün, besitzt aber viel Potenzial, lernt schnell und fühlt sich nach mehr an." Auch für den Einsatz im großen Sport. Für eine Prognose sei es aber noch zu früh. "Das hängt von vielen Faktoren ab."

Drei Wochen zuvor verpasste Ehning, der 2008 mit der Fairplay-Trophy des Verbandes Deutscher Sportjournalisten ausgezeichnet wurde, bei der Europameisterschaft im schwedischen Göteborg knapp eine Medaille. In einem stark verjüngten Team kam ihm dabei eine veränderte Rolle zu. Denn nach dem Abschied von Ludger Beerbaum war er der älteste Reiter und galt somit erstmals als neuer Leitwolf. "Ich habe mich nicht in einer neuen Rolle gesehen", wehrt Ehning ab. "Denn letztlich muss ich meine Leistung bringen, kann aber aufgrund meiner Erfahrung vielleicht den einen oder anderen Tipp geben." Auch wenn Deutschland die erhoffte Mannschaftsmedaille versagt blieb, hat ihm das junge Team Spaß gemacht. "Das war erfrischend, zumal ich bei meinem ersten Einsatz in einer Nationalequipe auch so jung war." Der "Spaß am Reiten" ist auch jene Triebfeder, die ihn noch immer antreibt. Auch im sportlichen Wettkampf. Ein Abwurf weniger hätte Ehning in Göteborg sogar den EM-Einzeltitel beschert. Es wäre sein erster bei einem bedeutenden Championat gewesen. "Das war zwar schade und ärgerlich, weil der Fehler unnötig war, doch sind für mich die drei Weltcupsiege genauso hoch einzustufen." Dem großen individuellen Erfolg jagt Ehning jedenfalls nicht verzweifelt hinterher. "Der fehlt mir persönlich nicht, dies ist kein Ziel", versichert der Weltklassejockey, der bei der EM 2003 in Donaueschingen Gold im Team und Bronze im Einzel gewann. "Schließlich muss ich keinem mehr beweisen, dass ich reiten kann."