Hoch motivierte Gastgeber

dpa

Von dpa

Mo, 06. August 2018

Leichtathletik

Das deutsche Team bei der Europameisterschaft der Leichtathleten in Berlin ist so groß wie noch nie, und die Chancen stehen gut.

BERLIN (dpa/BZ). Emotionaler Abschied für Robert Harting, Comeback von Maskottchen Berlino und ein hoch motiviertes Gastgeber-Team mit vielen Medaillenträumen: Neun Jahre nach der glanzvollen Heim-WM soll die Europameisterschaft in Berlin wieder zu einem Sommermärchen der Leichtathletik werden. Rund 1600 Sportler aus 51 Ländern kämpfen unter der Hitzeglocke der deutschen Metropole von diesem Montag an, an dem noch kein Titel vergeben wird (nur Qualifikationen), bis zum Sonntag um die Medaillen.

Die Gastgeber kommen bestens vorbereitet mit 125 Athletinnen und Athleten – das größte deutsche Team in der EM-Geschichte. Darunter sind sechs Südbadener: die Geher Carl Dohmann und Nathaniel Seiler aus Freiburg, die in Freiburg groß gewordene Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch, Speerwerfer Johannes Vetter von der LG Offenburg sowie 800-Meter-Läufer Christoph Kessler aus Donaueschingen und 400-Meter-Staffelläuferin Sophia Sommer vom TV Bahlingen (siehe BZ vom Samstag).

"Wir sind bereit und froh, dass es endlich losgeht. Es ist nun Showtime", sagte Frank Kowalski, Geschäftsführer des EM- Organisationskomitees, am Sonntag. Nicht alle der 48 Entscheidungen fallen auf der blauen Bahn im historischen Olympiastadion, wo Diskuswerfer Robert Harting 2009 seine erste von drei WM-Goldmedaillen mit den Fans bejubelte und danach sein Trikot martialisch zerriss.

Auch mitten in der City geht die Post ab: Auf der Europäischen Meile am Breitscheidplatz ermitteln die Kugelstoßer am Montagabend in der Qualifikation ihre Finalisten. Dabei ist dann auch David Storl: Der Sachse will in Berlin sein viertes EM-Gold in Serie – das hat noch kein Kugelstoßer geschafft. Mitten in der Stadt liegen zudem der Start und das Ziel der Marathon- und Geher-Wettbewerbe.

Das deutsche Speerwurf-Trio mit Vetter hat beste Chancen

Die deutschen EM-Macher um Chefplaner Kowalski wollen wieder gute Gastgeber sein, die deutschen Asse sind heiß. Und das nicht nur wegen der tropischen Temperaturen in Berlin. Neben Storl treten vier weitere Titelverteidiger an, die bei der EM 2016 in Amsterdam mit Gold glänzten: Dreispringer Max Heß, Hürdensprinterin Cindy Roleder, Hindernis-Läuferin Gesa Felicitas Krause und Kugelstoßerin Christina Schwanitz. In Amsterdam, nur wenige Wochen vor Olympia in Rio, belegten die deutschen Asse mit 16 Medaillen (5 Gold/4 Silber/7 Bronze) Platz zwei im Medaillenspiegel. Mit dem Heimbonus, fünf Titelverteidigern und neuen Toptalenten ist in Berlin vielleicht sogar mehr drin. "Wir kämpfen um jeden Zentimeter", sagte Idriss Gonschinska, Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes", auf der letzten Teamsitzung vor dem EM-Start.

Besonders hoch gehandelt wird das Speerwurf-Trio, das in diesem Jahr schon weltweit für Furore sorgte: Olympiasieger Thomas Röhler (Jena), Weltmeister Vetter und der deutsche Meister Andreas Hofmann (Mannheim) kämpfen am 9. August um Medaillen. Drei Speerwerfer einer Nation gemeinsam auf dem Siegerpodest – das gab es bei den seit 1934 stattfindenden Europameisterschaften noch nie.

"Es war immer unser Ziel, den Dienstag mit einem Big Bang zu beginnen und gleich am ersten Abend zu zeigen, wofür die Leichtathletik steht", erklärte Kowalski. "Wir wollen Leichtathletik in einer Attraktivität präsentieren, wie es noch nie geschehen ist", sagte Clemens Prokop, Organisationschef und einst DLV-Präsident. Dazu gehört der kompakte Zeitplan mit nur dreistündigen Abendveranstaltungen. Robert Harting wird bei seiner unwiderruflich letzten EM auf jeden Fall stürmisch gefeiert – so oder so. Mit 33 Jahren hört der Berliner nach dieser Saison auf. Holt sich sein Bruder Christoph zwei Jahre nach seinem Olympiasieg den ersten EM-Titel? Derzeit ist er bester Deutscher, aber in Europa nur die Nummer vier. Doch für einen Coup ist der deutsche Meister immer gut.

Wer sind am Ende die Stars der EM? Sprintkönigin Dafne Schippers aus den Niederlanden? Sie will ihr drittes EM-Gold in Serie über 100 Meter. Frankreichs Stabhochsprung-Dauerbrenner Renaud Lavillenie kämpft ebenso um seinen vierten EM-Titel wie Kugelstoßer Storl. An Kroatiens Diskuswerferin Sandra Perkovic dürfte erneut kein Weg vorbeiführen. Wer soll der 28-Jährigen das fünfte EM-Gold in Serie streitig machen?

Für Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller ist der Breitscheidplatz aufgrund seiner Historie "prädestiniert" als Ort für die Europameisterschaft. Bei einem Anschlag am 19. Dezember 2016 an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hatte der Terrorist Anis Amri zwölf Menschen getötet und mehr als 70 verletzt. Gegen diesen grausamen Terrorakt "setzen wir jetzt ein Zeichen der Völkerverständigung und für die europäische Einheit", sagte er.