Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. Februar 2009

"Es gibt noch einige Reserven"

6. Freiburg-Marathon (Teil III): Interview mit Sporthistoriker Karl Lennartz über Laufen, Brandy und gekochte Eier

  1. Ein Marathon-Kenner: Karl Lennartz Foto: privat

FREIBURG. Der Mensch läuft ja doch schon eine ganze Weile auf zwei Beinen. Bis er auf die Idee kam, dass das Zurücklegen von 42,195 Kilometer in einem möglichst hohen Tempo eine gute Idee sein könnte, dauerte es allerdings ein Weilchen. BZ-Redakteurin Martina Philipp sprach mit dem Sporthistoriker Karl Lennartz (68) über die Entstehung des Marathons, über Brandy und hart gekochte Eier vor dem Lauf und ein Nickerchen zwischendurch.

BZ: Herr Lennartz, begann wirklich alles mit einer Flunkerei?
Lennartz: Sie meinen die Legende vom Läufer nach der Schlacht bei Marathon?

BZ: Ja. Der gute Mann soll ja 490 Jahre vor Christus den ersten Marathon gelaufen sein, als er den Sieg der Athener über die Perser verkündet hat und danach tot zusammengebrochen ist.

Lennartz:
Ja, 2010 ist das 2500 Jahre her.

BZ: Allerdings wollte der Historiker Plutarch die Geschichte mit dieser schönen Anekdote offenbar einfach etwas aufpeppen, oder?

Lennartz
: Es ist nicht ganz klar, ob Plutarch im zweiten Jahrhundert nach Christus gelogen, etwas erfunden oder eine Legende nacherzählt hat. Es wäre damals durchaus möglich gewesen, dass ein Läufer von Marathon nach Athen läuft. Es gab damals Botenläufer und angesichts der Geografie Griechenlands – Ebene, Gebirge, Ebene, Gebirge – wäre man mit Pferden nicht schneller gewesen. Allerdings hätte der Athener Heerführer mit Sicherheit einen frischen Läufer und nicht einen abgekämpften Soldaten, wie Plutarch schreibt, geschickt. Ein trainierter Läufer bricht auch nicht nach 40 Kilometern tot zusammen.

Werbung


BZ: Rund 2500 Jahre später jedenfalls organisierte man bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 den ersten Marathonlauf. Gab’s zwischendrin läuferischen Stillstand?
Lennartz: Nein. Im Hochmittelalter gab es in jeder Stadt Boten, die laufend Nachrichten überbrachten. In England gab es den sogenannten running footman. Dieser rannte vor den Kutschen der Adligen, um die Straßen freizumachen. Daraus ist im Prinzip der moderne Sport entstanden. Das hängt mit der englischen Wettleidenschaft im 17. und 18. Jahrhundert zusammen. Nach dem Motto: Mein Läufer kann schneller rennen als deiner.

BZ: Stimmt es, dass die knapp 20 Läufer beim ersten Marathon 1896 genauso wie bei einigen darauf folgenden Wettbewerben nichts trinken durften?
Lennartz: Manche Ärzte vertraten auch noch viele Jahre danach die Auffassung, ein Läufer soll während des Rennens nicht trinken. Dies ist falsch, großer Unsinn! Einige Läufer sind schwer dehydriert. Ein Beispiel ist der Olympia-Lauf 1904, als der Sieger total erschöpft ins Ziel kam. Allerdings spielte dabei auch Doping eine Rolle. Die Ärzte glaubten damals, ohne medizinische Hilfen könne ein Läufer ein solche Strecke nicht vernünftig durchstehen. Es gab in dieser Zeit ein Herzmittel namens Strychnin-Sulfat, das dieser – zusammen mit Brandy und hart gekochten Eiern – einnehmen musste.


BZ:
Interessante Kombination.
Lennartz: Das große Problem war, dass es in St. Louis (liegt im US-Bundesstaat Missouri, d. Red.) sehr heiß war und es damals noch keine asphaltierten Straßen gab. Der Athlet musste den Staub der mitfahrenden Autos inhalieren. Das muss ihm übel zugesetzt haben, dazu der Wassermangel.


BZ:
Dafür gab’s ja Brandy.
Lennartz: Eigentlich bis in die 50er, 60er Jahre sollte möglichst wenig getrunken werden. Es wurde vor allem Haferschleim zu sich genommen. Das war gut, weil der süße Schleim sehr verträglich ist und durch ihn schnell Energie produziert werden kann; es muss aber auch an die notwendige Flüssigkeitszufuhr gedacht werden.

BZ: Bis 1921 betrug die Marathonstrecke ja gar nicht exakt 42,195 Meter, sondern oft nicht mal 40. Ist es wahr, dass eine englische Prinzessin für die "krumme" Zahl verantwortlich war?
Lennartz: Nein, nicht ganz. Als die Amerikaner den Marathonlauf nach 1896 bei sich einführten, entschieden sie sich für eine "runde Zahl", für 25 Meilen. Das entspricht 40,2 Kilometern. Vor den Olympischen Spielen 1908 in London hat ein Vermessungsingenieur sorgfältig Meile für Meile vom Olympiastadion Richtung Schloss Windsor gemessen. Der Start hätte demzufolge eine Meile vom Schloss entfernt in einer weniger guten Gegend stattfinden müssen. Daraufhin kam vom englischen Königshaus die Bitte, den Start an die Ostterrasse des Schlosses zu verlegen, damit sich die königliche Familie den Start ansehen könne. Jetzt waren es 26 Meilen. Allerdings fiel dann den Veranstaltern ein, dass noch vom Stadioneingang bis zum Ziel an der Königsloge gelaufen werden muss. Dies waren 385 Yards. 26 Meilen 385 Yards ergeben umgerechnet 42,195 Meter.


BZ:
War der schusselige Ingenieur das einzige Problem bei diesem Lauf?
Lennartz: Nein. Es gab ein Drama um den Italiener Dorando Pietri, der wahrscheinlich gedopt war. Mal lief er schnell, mal langsam. Als er als Erster ins Stadion kam, wollte er unbedingt in die falsche Richtung laufen, weil er nicht mehr ganz bei Sinnen war. Die Kampfrichter drehten ihn um, doch er brach mehrmals zusammen und wurde wieder aufgerichtet. Als Zweiter kam der Amerikaner John Hayes ins Stadion, noch relativ frisch. Die Engländer hatten zu dieser Zeit eine große Auseinandersetzung mit den amerikanischen Leichtathleten. Welche Mannschaft ist besser? Die Kampfrichter wollten unbedingt verhindern, dass Hayes gewinnt. Sie schoben Pietri über die Ziellinie. Nach einem Protest der US-Mannschaft musste Pietri disqualifiziert werden. Findige Veranstalter organisierten in den nächsten Monaten Revanche-Rennen, die dann über 42,195 Kilometer gehen mussten. Erst 1921 übernahm der Internationale Leichtathletik-Verband 42,195 Kilometer als vorgeschriebene Länge für den Marathonlauf.

BZ: Sehr beeindruckend war 1960 der Auftritt des Äthiopiers Abebe Bikila, der barfuß Weltbestzeit lief. Wieso hat er das um alles in der Welt gemacht?
Lennartz: Er hat sich die Strecke angesehen, die auch über Kopfsteinpflaster der Via Appia führte, und überlegt: Barfuß laufen ist für mich besser. Vier Jahre später hat er dann in ganz normalen Laufschuhen gewonnen. Es ist ein Märchen, dass er keine Schuhe kannte. Es gab in dieser Zeit mehrere Barfußläufer.

BZ: Frauen wurde sehr lange die Teilnahme verwehrt, weil der Marathon für sie als ungesund erachtet wurde. Bewegung kam erst in die Diskussion, als sich die Amerikanerin Kathy Switzer 1967 in Boston nur mit ihren Initialen anmeldete und mit einer Mütze über der Stirn loszog.
Lennartz: Dieser Fall hat die Leute aufgeweckt. Das Foto, als sie von einem der Veranstalter aus dem Rennen gezogen werden sollte und ihr Freund, ein starker Hammerwerfer, sie beschützte, ging um die Welt. Das regte zum Nachdenken an. Weniger über die Frage: Können Frauen das? Sondern mehr darüber: Dürfen Männer Frauen das verbieten?


BZ:
Die Bräunlinger im Schwarzwald haben bei der Wende zum Guten auch eine Rolle gespielt.
Lennartz: Genau, sie haben sich ebenfalls "unanständig" benommen. Und zwar haben sie für den Marathonlauf von Beginn an, also von 1968 an, Frauen zugelassen. Erst beim dritten Mal hat der Verband das offiziell genehmigt und quasi als nachträgliches Dankeschön für diese mutige Idee 1975 sogar die erste deutsche Meisterschaft der Frauen in Bräunlingen ausgerichtet.

BZ: Was glauben Sie: Wo geht’s lang in der Marathonbewegung?
Lennartz: Ich erwarte eine noch totalere Professionalisierung in der Spitze. Dort gibt es noch einige Reserven, auch dank der Biomechanik. Ein besserer ökonomischerer Laufstil kann ein, zwei Minuten bringen. Aufgrund von Kontrollen von Atemfrequenz, Herz- und Kreislaufverhalten im Training und im Wettkampf kann noch einiges an Reserven gefunden werden. Und es muss noch der Schuh erfunden werden, der von alleine läuft – kleiner Scherz am Rande.





Autor: phi