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17. März 2012 00:30 Uhr

Krafttraining und Kopfsache

Speerwerferin Christina Obergföll arbeitet mit Mentaltrainer

Deutschlands beste Speerwerferin macht sich fit für die Olympischen Spiele in London. Den Tag des Finales hat sich die 30-Jährige aus Offenburg rot im Kalender angekreuzt.

  1. Erst Krafttraining, dann Mentaltraining – und dann im Sommer große Weiten? Speerwerferin Christina Obergföll Foto: dpa

Die Rüdiger-Hurrle-Leichtathletikhalle in der Otto-Hahn-Straße 7 zu Offenburg ist ein auffallend langgestrecktes Gebäude, für eine Sporthalle recht luftig gehalten. Auf sechs Bahnen kann hier trainiert werden, am linken Ende der 138 Meter langen Halle befindet sich zudem eine Sprunggrube für Weit- und Dreisprung. Worauf sie in Offenburg aber besonders stolz sind, ist die Auswurfhalle für Speer- und Diskuswerfer, die einzige dieser Art in Baden-Württemberg. Natürlich gibt es auch einen Kraftraum – mit Eisen, Gewichten, kurzen und langen Hanteln. "Es ist im Winter das zweite Wohnzimmer für sie", sagt Werner Daniels – und deutet auf Christina Obergföll, Deutschlands beste Speerwerferin, die bei den Olympischen Spielen 2008 mit Bronze die einzige Medaille für den Deutschen Leichtathletik-Verband gewann. In diesem Jahr sind wieder Olympische Spiele, dieses Mal in London. Und den Tag des Finales, den 9. August, hat die 30-Jährige natürlich schon rot in ihrem Kalender angekreuzt.

Obergföll ist ein Sonnenkind, der Winter ist nicht ihre Jahreszeit. Wer behauptet, das Krafttraining sei das Höchste der Gefühle für die Schwerathleten unter den Leichtathleten, den sieht die junge Frau nur schräg an oder rollt resignierend mit den Augen: Nein, für Christina Obergföll ist das Krafttraining ein notwendiges Übel, wobei die Betonung auf notwendig liegt.

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Hier, im kargen Kraftraum, verbringt sie zusammen mit ihrem Trainer Werner Daniels so manchen Abend. Die Musik, die aus einem Radiogerät trällert, soll das Training etwas unterhaltsamer gestalten. Den Sprüchen, die andere Athleten an die Wand gepinnt haben, schenkt die Speerwerferin hingegen keine Aufmerksamkeit, obwohl die Sätze doch weise wirken: "Wer in die Fußstapfen anderer tritt, kann diese nicht übertreffen" steht da. Und: "Wenn du dein Ziel nicht kennst, ist kein Weg der richtige." Den einzigen Zettel, den Obergföll und Daniels an die Wand gehängt haben, ist der ebenso nüchterne wie notwendige Hinweis, dass die Hanteln und Gewichte nach Gebrauch wieder an die dafür vorgesehenen Plätze zurückgelegt werden müssen.

Neben der Musik ist das Kräftemessen mit ihrem Trainer Werner Daniels die einzige Abwechslung beim Üben in der "Mucki-Bude". Daniels, obwohl der Aktivenklasse längst entwachsen und nun beheimatet bei den Masters (im Fußball würde man ihn zu den älteren bei den Alten Herren zählen), greift gelegentlich selbst noch zur Hantel. Angeblich nur, um Christina Obergföll zu motivieren. Auf dem Rücken liegend senkt er mit beiden Händen das Gewicht von 95 Kilogramm ab und versucht es wieder nach oben zu drücken. An diesem Tag muss ihm Obergföll Hilfestellung leisten. Was der Speerwerferin hinterher ein spitzes "ich war heute besser" entlockt. Bei dieser Übung, dem sogenannten Bankdrücken, hat sie soeben 100 Kilogramm geschafft. Die Bestleistung liege bei 110 Kilogramm. Sagt Trainer Daniels – und vergisst nicht zu erwähnen, dass er diese Marke auch erreichen könne, "an sehr guten Tagen". Christina Obergföll rollt da nur mit den Augen.

"Das letzte Mosaiksteinchen, um das Optimum an Leistung herauszuholen."

Obergföll zum Thema Mentaltraining
So langsam werden die Tage wieder länger, die Kraftraum-Arbeit bestimmt nicht mehr die Trainingseinheiten. Zurzeit weilen Obergföll und Daniels bei einem Trainingslager in Südafrika. Der erste Wettkampf – im Mai – ist auch nicht mehr allzu fern. Und wie fast jedes Jahr gibt es auch in der Olympia-Saison ein neues Element im Trainingspaket der Speerwerferin. In den vergangenen Jahren setzte sie neue Reize über das gemeinsame Üben mit dem norwegischen Speerwerfer Andreas Thorkildsen und ein neues Kraft-Trainingsgerät.

Für die neuen Reize ist in dieser Saison ein Mentaltrainer zuständig. Christina Obergföll arbeitet nun mit dem bekannten Heidelberger Sportpsychologen Hans Eberspächer (68) zusammen. "Das ist vielleicht das letzte Mosaiksteinchen, um das Optimum an Leistung herauszuholen", sagt die 30-Jährige. Denn das Manko der zweimaligen Vizeweltmeisterin (2005 und 2007) sind internationale Titel. 2009 beim der Heim-WM in Berlin reichte es beim Saisonhöhepunkt nur zum fünften Rang, 2010 wurde sie bei der Europameisterschaft überraschend von Landsfrau Linda Stahl auf Rang zwei verwiesen. Christina Obergföll konnte diese Ergebnisse, die für sie Niederlagen gleichkamen, noch mit kleineren Verletzungen erklären.

Aber 2011 gab’s keine Erklärung mehr: Im vergangenen Jahr war sie die überragende Speerwerferin, gewann überlegen die Disziplin-Gesamtwertung in der sogenannten Diamond League. Bei der Weltmeisterschaft im südkoreanischen Daegu schockte sie die Konkurrenz in der Qualifikation mit einem Wurf auf 68,76 Meter. Einen Tag später belegte sie im besten Frauen-Speerwurf-Wettkampf der Geschichte mit 65,24 Metern jedoch nur den vierten Rang – und hatte keine Entschuldigung parat. "Ich war in Topform, habe aber die starken Würfe der Konkurrenz nicht kontern können", sagt Christina Obergföll. Vielleicht, so musste sie sich eingestehen, war sie mental nicht stark genug. Vielleicht hatte sie sich nach den Top-Versuchen der Konkurrenz nicht mehr auf ihre eigenen Würfe konzentrieren können.

Das soll ihr nicht noch einmal passieren – schon gar nicht bei ihren wohl letzten Olympischen Spielen. Hans Eberspächer will Obergföll Handlungsabläufe an die Hand geben, mit denen die Speerwerferin die Wettkämpfe besser und bewusster steuern kann. Die Athletin soll ihren eigenen Wettkampf gestalten und lernen, sich von der Konkurrenz nicht beeinflussen zu lassen. Gerade in einer technisch so anspruchsvollen Disziplin wie dem Speerwerfen sei das wichtig. Viel wichtiger jedenfalls als der Wettkampf mit dem Trainer im Bankdrücken.

Autor: Georg Gulde