Der Sport und das dritte Geschlecht

Leitartikel: Respekt vor der Vielfalt

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Fr, 17. November 2017

Sportpolitik

Es gibt Frauen, es gibt Männer, und es gibt ein drittes Geschlecht. So hat das Verfassungsgericht vor einigen Tagen geurteilt. Die Karlsruher Richter stellten eine Tatsache fest. Zwischen 80000 und 160 000 Menschen in Deutschland sind schätzungsweise intersexuell – sie lassen sich also nicht eindeutig als Frau oder als Mann definieren.

Die Richter stießen mit ihrem Urteil das Tor weit auf zu einer Debatte, die in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens geführt werden kann. Es geht dabei nicht nur um die vergleichsweise banale Frage, ob es künftig drei statt zwei Toiletten in Kneipen geben soll. Es geht beispielsweise im Familienrecht darum, ob auch ein Intersexueller rechtlich Vater oder Mutter sein kann. Die Frage, wie die Gesellschaft künftig mit einer höchstrichterlich festgestellten Tatsache umgeht, stellt sich aber auch im Sport – in Deutschland und in der Welt.

Es gibt Athletinnen wie die südafrikanische Mittelstreckenläuferin Caster Semenya, die in das bisherige Konzept des Sports nicht so richtig hineinpassen. Die 800-Meter-Läuferin startet bei den Frauen. Sie hat aber erhöhte Testosteronwerte und rennt fast allen Gegnerinnen auf und davon. Ist sie gedopt? Ist sie ein Mann? Seit Jahren ringen die Verbände des Sports um die Frage, wie Semenya – und andere Athletinnen mit erhöhten Werten – einzuordnen seien. Das ging so weit, dass die Südafrikanerin sich einer Behandlung mit Medikamenten unterziehen musste, um noch starten zu dürfen. Der Internationale Sportgerichtshof befreite sie von diesem Zwang. Bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro gewann sie Gold.

Auch auf anderen Feldern sehen sich Verbände mit Menschen konfrontiert, die einer vor langer Zeit definierten Norm nicht entsprechen. Der Sprinter und Weitspringer Markus Rehm zum Beispiel hat eine Beinprothese. Er besiegt damit nichtbehinderte Konkurrenten. Die Frage, ob ihm die ultramoderne Carbonfeder einen unerlaubten Vorteil verschafft, wird seit Jahren heiß diskutiert. In Deutschland darf Rehm nun zwar weiterhin bei Wettkämpfen für Menschen ohne Handicap starten, auch bei deutschen Meisterschaften. Seine sportliche Leistung wird aber in einer getrennten Wertung erfasst. Auf internationaler Ebene, beim olympischen Wettkampf der Nichtbehinderten in Rio de Janeiro 2016, durfte er nicht antreten, obwohl er das gern getan hätte. Erst bei den Paralympics der Behinderten einige Tage später konnte er in Rio rennen und springen. Er gewann zweimal Gold.

Der Weltsport ringt mit der Frage, wie er mit Menschen umgehen soll, die nicht ins Raster passen, und das wird immer öfter der Fall sein, je mehr Athleten auf Teilhabe pochen – vielleicht auch solche mit dem dritten Geschlecht. Wird es eines Tages eigene Wettkämpfe für sie geben oder lassen sie sich integrieren in das Bestehende?

Es ist zu früh, diese Frage zu beantworten. Fest steht nur, dass der Sport sich in dem Maße entwickelt, in dem sich auch die Gesellschaften entwickeln. Mal schneller, mal langsamer. Noch vor fünf Jahrzehnten durften Frauen in Deutschland nicht offiziell Fußball spielen. Noch vor zwei Jahrzehnten kämpften Skispringerinnen gegen das Vorurteil, ihr Sport könne ihre Gesundheit gefährden. Heute sind die Sportfans in Deutschland stolz auf ihre erfolgreichen Fußballerinnen, und sie feierten Skispringerin Carina Vogt für ihr olympisches Gold 2014 in Sotschi.

Die Menschen sind nicht alle gleich, sondern jeder ist anders und auf seine Weise einzigartig. Unterschiede zu erkennen, zu achten und zu respektieren: Das ist, im Kern, nun auch die Botschaft des Bundesverfassungsgerichts. Sie ist in die Zukunft gerichtet. Am Ende könnte es bei der Intersexualität so laufen wie bei der Ehe für alle. Erst war sie undenkbar, dann umstritten. Jetzt ist sie Alltag.