Formel 1

Nico Rosberg kann in São Paulo den WM-Titel holen

Elmar Brümmer

Von Elmar Brümmer

Sa, 12. November 2016 um 00:00 Uhr

Motorsport

Nico Rosberg will Gas geben und am Sonntag seinen ersten WM-Titel in der Formel 1 gewinnen. Teamkollege Lewis Hamilton gibt sich gleichwohl noch nicht geschlagen.

Sechs Mal schon hat sich in Interlagos der Titelkampf in der Formel 1 entschieden, Lewis Hamilton hat 2008 beim Großen Preis von Brasilien erst in der allerletzten Kurve den entscheidenden Platz für seine erste Weltmeisterschaft geholt. Nico Rosberg hat es da am Sonntag (17 Uhr/RTL) vermeintlich leichter – zumindest von der Ausgangslage her: Der Wiesbadener reist mit 19 Punkten Vorsprung an, ihm reichen also sieben Zähler mehr, und er ist zum ersten Mal Champion.

Rosberg hat die beiden vergangenen Rennen in São Paulo gewonnen, Hamilton auf dieser Piste noch nie. Schwer zu sagen, welcher der Mercedes-Fahrer mehr Druck hat: Titelverteidiger Hamilton hat nichts mehr zu verlieren, er ist der geborene Angreifer. Spitzenreiter Rosberg war über das Jahr konstant, wenn er es jetzt nicht schafft, wird es wohl nie mehr was. Aber auf der Berg- und Talbahn kann immer viel passieren. "Ich fahre auf Sieg", sagt Nico Rosberg vor dem vorletzten WM-Lauf trotzig. Es ist sein zweiter Matchball.

Da fährt einer seit zehn Jahren in der Königsklasse des Motorsports, und muss sich nachsagen lassen, er habe sich neu erfunden. Rosberg versteht gar nicht, wie die Leute darauf kommen. Er mache eigentlich nichts anders als in den Jahren zuvor. Das würde ja bedeuten, dass er nur deshalb erstmals mit einem Vorsprung gegenüber Hamilton auf die Zielgeraden der Saison geht, weil der britische Rivale so oft mit technischen Problemen an seinem Silberpfeil zu kämpfen hatte. Natürlich besagt die Statistik das, aber die Zahlen suggerieren auch, dass Rosberg bei nur noch zwei Rennen leichtes Spiel haben müsste. Doch ganz so einfach ist das nicht.

Dieser "neue" Rosberg drückt sich schon durch seine Einstellung für die finalen Rennen aus, er fährt nicht auf Ankommen oder Halten: "Ich muss weiter das machen, was mir dabei hilft, meine Bestleistung zu bringen – und das bedeutet, jedes Mal auf Sieg zu fahren." Aus dem Zögerer ist ein Angreifer geworden, und so konnte er sich auch gegenüber Hamilton emanzipieren, dem personifizierten Offensivfahrer. Sieben Mal in Folge, davon vier Mal in den ersten Rennen dieser Saison hatte Rosberg den übermächtigen Rivalen mit Siegen düpiert.

Zwischenzeitlich hatte Hamilton zwar seinen großen Rückstand wettmachen können, und auch die letzten beiden Rennen gingen an ihn – aber Rosberg ist tatsächlich ein anderer. Dieses Mehr an Selbstvertrauen äußert sich weniger in Worten, mehr in Taten. In dieser Saison hat er Ecken und Kanten auf der Piste gewonnen, im Wortsinn dagegengehalten, auch wenn es mal krachte. Rein technisch war er sowieso immer auf Höhe. "Er hat sich Härte antrainiert", bestätigt Mercedes-Teamaufsichtsrat Niki Lauda, "und Lewis hat verstanden, dass sein Talent nicht mehr ausreicht, gegen diesen kompletten Rosberg zu bestehen."

Rosbergs letzte Chance

auf den Titel?

Allein das Privatleben gebe ihm neue Impulse, behauptet dieser, aber er gibt auch da nur einen dosierten Einblick – so, wie es Sebastian Vettel und Michael Schumacher immer gehalten hatten, die seit der Jahrtausendwende neun WM-Titel nach Deutschland geholt haben. Spätzünder Rosberg sagt: "Das einzige, was sich bei mir geändert hat, ist mein Privatleben. Ich habe eine tolle Familie mit einer kleinen Tochter, die jetzt ein Jahr und zwei Monate alt ist. Dieses spezielle Gefühl überträgt sich auf den Sport: "Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann." In den letzten beiden Jahren, als er seine WM-Chancen verpasst hatte, war das noch anders gewesen, er hatte sich an Hamilton abgearbeitet.

Rosberg weiß, dass er in diesem Jahr die beste, vielleicht die letzte Möglichkeit hat, Champion zu werden. Sollte er es jetzt nicht schaffen, wäre er wohl ein gebrochener Mann. Das ist der größte Druck, den er hat. Dass der Vermarkter Bernie Ecclestone behauptet, ein Titelgewinn von Rosberg sei zwar gut für ihn und sein Team, nicht aber für den Sport, weil er einfach zu langweilig sei, ist dem potenziellen Langweiler "wurscht".

Gegenspieler Hamilton hätte gleich in seinem Formel-1-Debütjahr 2007 Weltmeister werden können, aber er verzockte den Titel – in Interlagos. Von den aktiven Piloten hat er die meiste Erfahrung in Titelduellen, daraus speist sich trotz des Rückstandes seine positive Einstellung: "Seit dem Beginn meiner Formel-1-Karriere habe ich gesehen, dass sich das Blatt selbst im allerletzten Moment noch wenden kann."

Mercedes hat die beiden stets ohne Stallorder fahren lassen, zum Wohle des Teams und zur Attraktivität der Rennserie. Einmal sind sie auf der Strecke kollidiert, im Frühjahr in Barcelona, sonst geraten nur die Lebenseinstellungen aneinander. Momentan scheint das Klima zwischen den beiden sogar besser zu sein als zu Anfang des Jahres.
Wie Rosberg gewinnt

Nico Rosberg ist schon in Brasilien Weltmeister, wenn:
»er das Rennen gewinnt.
»er Zweiter wird und Hamilton höchstens den vierten Platz holt.
» er Dritter wird und Hamilton höchstens den sechsten Platz holt.
» er Vierter wird und Hamilton höchsten den achten Platz holt.
»er Fünfter wird und Hamilton höchstens den neunten Platz holt.
» er Sechster wird und Hamilton höchstens den zehnten Platz holt.