Cosmo kriegt die Kurve

Jochen Dippel

Von Jochen Dippel

Mo, 20. August 2018

Reitsport

Dressurreiter Sönke Rothenberger demonstriert in Donaueschingen seine WM-Form / Guter Abschluss auch für Hans-Dieter Dreher.

DONAUESCHINGEN. Er hat immer fest an ihn geglaubt. Auch während der fast zweijährigen Verletzungspause. Schließlich war Hans-Dieter Dreher als sportlicher Leiter des Gestüts Grenzland stets dicht dran an Embassy, seiner einstigen Nummer eins im Stall. Immer wieder gab es gesundheitliche Rückschläge. Doch die lange, mühevolle Wartezeit und der behutsame Wiederaufbau haben sich ausgezahlt. Denn zum Abschluss des 62. Donaueschinger CHI feierte der Springreiter aus Eimeldingen im Sattel seines bereits 17 Lenze zählenden Hannoveraner Rappen ein großartiges Comeback. Zum zweiten Mal in Folge und als erster mit zwei verschiedenen Pferden, triumphierte Dreher im Großen Preis, nachdem er im Vorjahr auf Berlinda gewonnen hatte.

Dieses Kunststück war zuvor erst zwei Reitern gelungen – Hugo Simon mit Gladstone (1980/81) und der Britin Liz Edgar mit Everest Forever (1982/83). Kein Wunder, dass der sonst so abgeklärt wirkende Profi nach seinem erneuten Erfolg emotional sichtlich angefasst war. Zumal die rund 20.000 Zuschauer (insgesamt meldete der Veranstalter knapp 50.000) ihren Publikumsliebling begeistert feierten. "Hier zweimal hintereinander zu gewinnen, ist schon schön, aber noch schöner ist es, dass ich das mit Embassy geschafft habe", kommentierte der 46-Jährige. "Das Pferd ist wieder topfit und springt wie in seinen besten Zeiten."

Im Stechen, das lediglich fünf der 49 Starter erreichten, gelang Dreher als Schlussreiter die einzige fehlerfreie Runde, nachdem alle anderen gepatzt hatten. Zuletzt der Schweizer Martin Fuchs ("Ich wollte Hansi unter Druck setzen, was nicht ganz aufging"), der auf Dubai du Bois Pinchet die Planke des Donaueschinger Schloss-Hindernisses abwarf. Danach vermittelte Embassy seinem Reiter "nach dem dritten Sprung ein so gutes Gefühl", dass er "das Tempo herausnahm, um auch die restlichen fünf Sprünge sicher zu überwinden". Als Dreher auch den letzten Oxer übersprang und in 47,82 Sekunden das Ziel erreichte, verwandelten die Fans das Stadion in einen Hexenkessel.

Als Siegprämie nahm Dreher, der im September als Ersatzreiter des deutschen Teams zu den Weltreiterspielen nach Tryon (USA) fliegt, erneut ein Auto mit Stern in Empfang. Mit 8000 Euro wurde Martin Fuchs als Zweiter (41,23) entlohnt, der den rheinischen Landestrainer Holger Hetzel mit Legionär (42,35) auf Rang drei verwies. Beide waren schneller als Dreher, der mit Embassy die Weltcupspringen in Stuttgart (2013) und Leipzig (2014) gewann, kassierten aber je vier Strafpunkte. Zwei Abwürfe wiesen der Franzose Gilles Dunon auf Fou de Toi (43,34) und die Schwedin Erica Swartz mit Juvita (44,52) auf. Hoffentlich schaffen es die Veranstalter nach Drehers zweitem Sieg nun bis 2019, auch für ihn die nötigen Bronzeplaketten auf der Siegertafel der Stadiontribüne anzubringen. Jene für 2017 fehlte zu Turnierbeginn, ein Provisorium wurde später eilends befestigt.

Einen Schweizer Doppelerfolg gab es im Championat von Donaueschingen. Steve Guerdat ritt im Stechen die schnellste Nullrunde. Auf Venard de Cerisy lag der Olympiasieger, der auch im Finale der mittleren Tour die Goldschleife ergatterte, vor Martin Fuchs auf Cristo. Gleich drei Baden-Württemberger thronten in der zweiten Qualifikation der mittleren Tour oben – getrennt durch nur 15 Hundertstelsekunden. Die Nase vorn hatte der Schimmel Sportsmann unter Vielseitigkeits-Olympiasieger Michael Jung, der fünf Siege im Schlosspark verbuchte, vor Hans-Dieter Dreher auf Tiopepe Des Champs und Timo Beck aus Kehl-Bodersweier mit Cento du Rouet.

Reitkunst auf Weltklasseniveau war auch in der Dressur zu besichtigen, da sich Bundestrainerin Monica Theodorescu eine Woche vor der WM-Nominierung ein letztes Bild vom Fitnesszustand zweier Toppferde machen wollte, die zuletzt pausieren mussten: Weihegold unter der Weltranglistenersten Isabell Werth und Cosmo mit dem Deutschen Meister Sönke Rothenberger. Der Grand Prix nahm einen unerwarteten Verlauf. Cosmo scheute bei seinem ersten Auftritt nach dreiwöchiger Auszeit kurz nach Beginn, trat rückwärts die Bahnumrandung um. Glück im Unglück: Der braune niederländische Wallach befand sich nur mit zwei statt vier Beinen draußen, was den Ausschluss bedeutet hätte. Es gelang Rothenberger aber, Cosmo wieder zur Mitarbeit zu motivieren, so dass er trotz Fehlern in der Zick-Zack-Traversale 76,196 Prozentpunkte erhielt und Dritter hinter Jessica von Bredow-Werndl mit Zaire (76,413) wurde.

Nun war der Weg frei für Weihegold, die in Folge eines Embryotransfers ihr diesjähriges Turnierdebüt gab. Der nahezu fehlerlose Auftritt der 13-jährigen Oldenburger Stute mit Höhepunkten in den Trabverstärkungen wurde mit starken 82,652 Zählern honoriert. "Die Zuschauer saßen dicht am Viereck, haben Cosmo wohl irritiert, bei der WM sind die Verhältnisse ganz anders", sagte Vater und Trainer Sven Rothenberger. "Danach hat er alle Lektionen sauber absolviert."

Im Grand Prix Special rückte Cosmo, so Theodorescu, "wieder zurecht, was er tags zuvor verschoben hatte". Für seine großartige Darbietung mit scheinbar mühelosen, federleicht wirkenden Trablektionen, Piaffen und Passagen, sammelte er 84,462 Zähler und lag deutlich vor Werth mit Weihegold (81,745), die bei den Galopp-Zweierwechseln patzte, und vor Bredow-Werndl mit Zaire (77,383). Offen bleibt indes, ob Werth mit Weihegold oder Bella Rose zur WM reist.

Bei den Vierspännern behauptete sich der Ungar Jozsef Dobrovitz in der Kombination aus Dressur, Geländefahrt und Kegelfahren vor Georg von Stein (Modautal) und dem Franzosen Sebastien Vincent. Deutscher Meister wurde bei der EM-Generalprobe Von Stein vor Dirk Gerkens (Alt-Bührener Land) und Rene Poensgen (Dürwiß). Bei den Pony-Viererzügen gewann Steffen Brauchle (Laupheim).