Die Zukunft steht auf dem Spiel

Matthias Konzok

Von Matthias Konzok

Fr, 19. Januar 2018

Rollhockey

Der Ex-Meister RSV Weil steht vor dem Abstieg aus der Rollhockey-Nationalliga A – setzt aber den Fokus auf die Eigengewächse.

ROLLHOCKEY Nationalliga A: RSV Weil – RHC Genf, Sonntag, 15.30 Uhr. Genf. Immer wieder Genf. An jenem 10. Mai 2014 war Felix Furtwängler und Marc Werner die Enttäuschung, das Leid ins Gesicht geschrieben. Sie saßen hinter der Bande der Genfer Rollsporthalle, am Boden zerstört, mit leerem Blick und Tränen in den Augen. Soeben hatten sie mit dem RSV Weil in der Verlängerung das entscheidende dritte Finalspiel um die Schweizer Rollhockey-Meisterschaft verloren. Im vergangenen Jahr starteten Furtwängler und Werner mit dem RSV einen erneuten Angriff auf den Titel, doch im Viertelfinale war Schluss. Endstation? Genf. Natürlich. Zum vierten Mal in fünf Jahren.

Am Sonntag treffen die Weiler in der NLA einmal mehr auf ihren ewigen Rivalen. Doch vom Titel träumt im Nonnenholz derzeit niemand. Der vierfache deutsche Meister und Schweizer Double-Gewinner von 2009, das einst ambitionierte Spitzenteam, ist zum Abstiegskandidaten Nummer eins mutiert. Der RSV vollzieht einen Umbruch, der sich wohl am markantesten an der ersten Mannschaft zeigt, dabei jedoch den gesamten Verein umfasst. Das Kernproblem: die Nachwuchsarbeit. Es geht schlichtweg um die Zukunft der Abteilung. "Ohne Jugend ist das Rollhockey in Weil in paar Jahren tot", mahnt Furtwängler.

Es mangelt den Weilern im Nachwuchs nicht nur an Qualität, sondern allen voran auch an "Anzahl der Spieler und Teams", erklärt der RSV-Kapitän, dessen Vater Thomas Furtwängler – Abteilungsleiter und früher RSV-Jugendwart – viele Gründe für diese Entwicklung sieht. Beispielsweise "besteht ein wahnsinniges Überangebot an sportlichen Möglichkeiten für Jugendliche". In dieser Konkurrenzsituation seien auch die Kosten ein Faktor, ergänzt sein Sohn: "Die sind in anderen Sportarten geringer." Zudem ist Rollsport ein komplexes Zusammenspiel vielfältiger Fähigkeiten, für einen Pass aus dem Handgelenk braucht es die entsprechende Lauftechnik. Ein langer Lernprozess. "Da ist eine hohe Frustrationstoleranz gefragt", sagt Felix Furtwängler.

Weitere Faktoren: Wie in vielen Vereinen sind auch beim RSV viele Aufgaben auf wenige Schultern verteilt, die Vorstandschaft des Vereins erlebte unruhige Zeiten. Durch die Anforderungen und Gebühren des Schweizer Verbandes seien hohe Kosten zu stemmen, dem laufen negative Entwicklungen im Sponsorenbereich entgegen. Und: 2009 brach der langjährige Sponsor Roger Ehrler mit dem RSV, er hatte den Rollsport in großem Maße unterstützt. Der Schweizer zog sich samt Geld aus dem Nonnenholz zurück und hob den RHC Friedlingen aus der Taufe, ebenso den RHC Basel. Zwar existieren diese beiden Clubs nicht mehr, doch konkurrierten sie im Nachwuchs mit den Weilern.

Für den Nachwuchs braucht es Personal und Veränderungen

In der NLA hatte es der RSV verpasst, die Entwicklung der Eigengewächse voranzutreiben. Wie wichtig Spielpraxis ist, weiß Felix Furtwängler aus eigener Erfahrung. Der 24-Jährige kam über den Status des Ersatzspielers lange nicht hinaus. Drei Stunden Fahrt nach Genf, um "die volle Spielzeit auf der Bank zu verbringen". Erst als Reiner Brinker 2015 das Traineramt übernahm und Furtwängler es leid war, sich hinter externen Akteuren anstellen zu müssen, änderte sich die Lage. Furtwängler drängte sich auf, Brinker gab dem Eigengewächs die Chance.

Im aktuellen Kader stammt lediglich der spanische Neuzugang Rico Villaplana nicht aus dem Weiler Nachwuchs. Felix Furtwängler trägt die Kapitänsbinde, Marc Werner (27) ist Spielertrainer. Doch um auch künftig Eigengewächse hervorzubringen, braucht es Veränderungen. "Es geschieht zu wenig", weiß auch Thomas Furtwängler. Mehr Schultern für all die Aufgaben bräuchte es, zusätzliche Aktionen, um wieder mehr Kinder und Jugendliche zum Rollhockey zu holen und an den RSV zu binden. "Es kommt eine Menge Arbeit auf uns zu", sagt Felix Furtwängler.

Klar ist: All das braucht Zeit, um die Früchte der Nachwuchsarbeit zu ernten. Doch Geduld zahlt sich aus. Thomas Furtwängler kann das bestätigen. Als er noch Jugendleiter war, durchlief Jens Schumann den RSV-Nachwuchs, auch in komplizierten Zeiten hielt man an ihm fest. Nun steht der 22-Jährige im NLA-Tor. "Das macht ein Stück weit stolz", sagt der Abteilungsleiter. Im bisherigen Saisonverlauf "hat mich Jens am meisten überrascht", sagt Felix Furtwängler. Hinter Top-Torhüter Daniel Dietrich (Karriereende), den neuen sportlichen Leiter, war Schumann kaum zum Zug gekommen, nun wurde er ins kalte Wasser geworfen. Umgehend musste sich Schumann dem NLA-Niveau stellen. Inzwischen "hat er einen Schritt gemacht, davor kann ich nur den Hut ziehen", so der Kapitän.

Für Felix Furtwängler sind derweil Siege nicht allein der Schlüssel zum Glück. "Man lernt, sich über Kleinigkeiten zu freuen, über niedrige Niederlagen oder knappe Spiele wie zuletzt in Uttigen und Uri." Sollte am Sonntag gegen den alten Rivalen Genf der erste Saisonsieg ausbleiben, werden Furtwängler und Werner nicht verzweifeln. Der sportliche Erfolg ist heuer nachrangig, die Wiederbelebung der Nachwuchsarbeit gilt als oberstes Ziel. Es geht um die Zukunft des Weiler Rollhockeys. Und die entscheidet sich nicht durch einen Meisterstern in Genf.