0:6-Pleite in Genf

Ende einer Ära: RSV Weil steigt aus der NLA ab

Jochen Dippel

Von Jochen Dippel

Mo, 26. Februar 2018 um 13:00 Uhr

Rollhockey

Der RSV Weil feierte Titel und Triumphe, spielte sogar im Europapokal. Doch die glanzvollen Tage sind vorbei. Nun steht fest: Nach 13 Jahren steigt der Rollhockeyclub aus der Schweizer NLA ab.

Beim 0:6 im Kellerduell beim RHC Genf kassierte der Tabellenletzte die 13. Niederlage im 14. Spiel und kann die Gastgeber in den letzten zwei Partien nicht mehr einholen – nur zehn Monate nachdem die Weiler noch als Meisterkandidat in den Playoffs standen – und im Viertelfinale an Genf scheiterten.

"Wenn die besten fünf Spieler aufhören, ist das nicht zu verkraften", sagt Peter Hartenfeller, Abteilungschef von 1984 bis 2011 (mit Unterbrechungen). Vor der Saison hatte der RSV einen Aderlass zu verzeichnen: Kapitän Max Bross und Torhüter Daniel Dietrich beendeten ihre Karriere, das spanische Trio Jorge Villamil Novoa, Marzio Vanina und Alberto Garcia verließen den Verein. Die Weiler wollten den Umbruch nutzen, um dem eigenen Nachwuchs mehr Einsatzzeiten zu ermöglichen. "Wir versuchen gerade, die Jugend neu aufzustellen", erklärte Dietrich, der dem RSV als sportlicher Leiter erhalte blieb. "Wir sind da gerade bei einem Neuanfang. Und der ist wichtiger als der Ligaerhalt." Ein Abstieg könne da vielleicht sogar ein Vorteil sein, befand Dietrich: "Die Spieler können dann schneller oben mitspielen."

Der Abstieg, so die einhellige Meinung, sei für den Verein kein Beinbruch. Mit dem Gang in die Nationalliga B schließt sich für die Weiler derweil ein Kreis. Denn nach dem Gewinn seiner vierten DM 2004 musste sich der RSV beim Wechsel in die Schweiz hinten anstellen. Trotz des Titels gab es keine Einstufung in die Nationalliga A. Stattdessen galt es für das Bundesliga-Spitzenteam, den Weg durch die Zweitklassigkeit samt Aufstiegsrunde anzutreten. Dies gelang mühelos.

Weil spielte in der NLA sofort oben mit

Während der deutsche Verband den Schritt bedauerte, freuten sich die Schweizer über einen weiteren starken Verein, der ihre Liga aufwertete. Doch gab es viele Kritiker, welche die deutsche Konkurrenz fürchteten. Zumal die Weiler die gleichen Rechte und Pflichten erhielten. Mithin konnte der RSV als ausländischer Verein Schweizer Meister werden. Daran haben sich die Vereine bis heute nicht gewöhnt. Tiefpunkt war für sie das Jahr 2012, als sogar zwei deutsche Klubs im Playoff-Finale den Titelträger ermittelten: RSV Weil und RHC Friedlingen.

Oben angekommen, mischte der RSV Weil sofort in Meisterschaft (Dritter) und Pokal (Halbfinale) mit. Neuer Rückhalt im Tor war Daniel Dietrich (24) vom RHC Diessbach. 2007/08 spielte der RSV, der weiter dem deutschen Rollhockeyverband angehört, international: im CERS-Europacup, vergleichbar der Europaliga im Fußball. Unter dem neuen Trainer Ron Schneider, der Reiner Brinker (Auszeit) ablöste, zahlte das Team bei zweistelligen Niederlagen gegen den spanischen Spitzenclub Pati Voltregà kräftig Lehrgeld.

Sogar La Toya Jackson war einst in der Weiler Rollsporthalle

Doch 2009 schrieben die Weiler Sportgeschichte. Erstmals wurde ein deutsches Rollhockeyteam Schweizer Meister. Zudem bejubelte der RSV den Pokalsieg und schaffte fünf Jahre nach dem deutschen Doppeltitel auch in der Schweiz das Double. Beim 4:1-Finalsieg gegen RSC Uttigen trafen Sascha Wörner, Samuel Wenger (Vize-Weltmeister mit der Schweiz 2006) und zweimal Sébastien Landrin, Kapitän der französischen Nationalmannschaft – der beste RSV-Spieler überhaupt.

Zuvor landeten die Weiler im CERS-Cup ihren größten internationalen Erfolg: Nacheinander schalteten sie die deutschen Topclubs RSC Wuppertal-Cronenberg und RESG Duisburg-Walsum aus. Erst im Viertelfinale kam das Aus gegen das spanische Profiteam C. H. Lloret de Mar. Diese Spiele avancierten zu Events – dank kräftiger Unterstützung des wieder aktiven Sponsors Roger Ehrler. Rund 250 Fans begleiteten den RSV nach Uttigen, alle eingedeckt mit neuen blau-weißen Schals, Mützen, Trikots und Fähnchen.

Gegen Lloret de Mar sorgten fast 1000 Zuschauer beim knappen 3:4 für eine Rekordkulisse und fantastische Atmosphäre in der Weiler Rollsporthalle. Mit dabei war die eigens eingeschwebte Sängerin La Toya Jackson ("What a nice match"), Schwester der verstorbenen Pop-lkone Michael Jackson. Zum Rückspiel flogen rund 80 Weiler Fans mit dem Team von Söllingen nach Katalonien – darunter der Ex-RSV-Vorsitzende und heutige Rheinfelder OB Klaus Eberhardt.

Querelen führen 2009 zur Spaltung des Weiler Rollhockeys

Doch die Stunde des Triumphs bedeutete zugleich das Ende. Monatelange Querelen zwischen dem RSV Weil und Hauptsponsor Ehrler führten zu unüberbrückbaren Differenzen. Der emotionalen öffentlichen Auseinandersetzung folgte die Spaltung des Weiler Rollhockeys. Fatal für eine Randsportart. Ehrler verließ den RSV Weil, gründete den RHC Friedlingen und ließ eine Kartbahn zur Rollsporthalle umbauen. Etliche RSV-Akteure folgten. Natürlich Landrin, den Ehrler verpflichtet hatte und entlohnte, RSV-Urgestein Tobias Mohr und das komplette Frauenteam mit Coach Rainer Froese.

Rückblende: Ehrler, in den 80er Jahren Spieler des RSV Weil, engagierte sich einst mit erheblichem finanziellen Input, um dem Rollhockey im Südwesten auf die Beine zu helfen. "Wir waren damals eine Fahrstuhlmannschaft, pendelten zwischen erster und zweiter Bundesliga, holten oben kaum mehr als fünf Punkte pro Saison", erinnert sich Peter Hartenfeller.

Dank Ehrler kamen Nationalspieler wie Remon Lugtenburg, Johan van Diejen (Niederlande), Andreas Thiel oder Dieter Fromann sowie Toptrainer wie Jaime Cardoso (Portugal) und Freddy Luz (Argentinien). Der RSV Weil entwickelte sich zum Spitzenteam, das in Deutschland viermal Meister und dreimal Pokalsieger wurde. Warum die Schweiz? Die Spieler waren die Fahrten zu den Ruhrgebietclubs leid.

"Manchmal ist ein Rückschlag nötig, um wieder vernünftig aufzubauen." RSV-Legende Reiner Brinker
Trotz der Spaltung blieb der Stamm der Mannschaft dem RSV Weil treu. Die brisanten Stadtduelle gegen Friedlingen zogen 500 bis 600 Besucher. Zudem trat der RSV Weil als Meister in der Champions League an – dank Ehrler, der die Reisekosten aller sechs qualifizierten Schweizer Europacup-Teams übernahm. Darunter waren für die Weiler Flüge zu den beiden spanischen Topclubs TV Ternoi Reus und CE Noia sowie auf die Azoren-Insel Pico zu Portugals Titelträger Candelaria.

Das alles wirkt spätestens seit dem vergangenen Wochenende und dem Abstieg einer komplett chancenlosen Mannschaft wie ein Bild aus einer lang vergangenen Zeit. Für die Zukunft sieht Hartenfeller aber nicht schwarz. "Wenn das Team zusammenbleibt, hoffe ich, dass wir nächste Saison viel Spaß haben", sagt er. "Die Moral ist bewundernswert, es bedarf aber Zeit." Reiner Brinker indes fehlt bei einigen Spielern der "unbedingte Wille, Ehrgeiz und Druck von unten", etwas zu reißen und ein Tor zu erzwingen. "Manchmal ist ein Rückschlag nötig, um wieder vernünftig aufzubauen", sagt die RSV-Legende, "wichtig ist, sich klar zu werden, was man will: Spaß zu haben, dafür reicht zweite Liga, oder wieder nach oben, dafür muss man trainieren und alles geben."

Mehr zum Thema: