Zwischen freiem Fall und Neuanfang

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Fr, 24. November 2017

Rollhockey

Für den RSV Weil genießt der Klassenerhalt in der Rollhockey-Nationalliga A nicht die erste Priorität / "Kämpfen auch ums Überleben".

ROLLHOCKEY Nationalliga A: RSV Weil – SC Thunerstern, Samstag, 15.30 Uhr. In der Schweizer Nationalliga A befindet sich der RSV Weil auf Crashkurs – der Rollhockeyclub ist nach fünf Spielen ohne Punkt. Halb so wild, sagen die Verantwortlichen aus dem Nonnenholz.

Mittwoch, später Nachmittag, Bern. Daniel Dietrich, angestellt bei einem großen Schweizer Devisenhändler, hat Feierabend. Im Frühjahr noch hätte er sich jetzt ins Auto gesetzt: 102 Kilometer gen Norden. Ziel: Rollsporthalle Weil. So ging das dreimal die Woche, fünf bis sechs Monate im Jahr, plus die Fahrten zu den Spielen am Wochenende. Und das seit zehn Jahren. Zu dieser Spielzeit war Schluss. "Irgendwann ist ja auch mal gut", sagt der 35-Jährige heute.

Er weiß allerdings um die Tragweite seiner Entscheidung. "Mein Weggang hat eine Kettenreaktion ausgelöst." Als der Toptorhüter im Frühjahr seinen Rücktritt ankündigte, leitete das einen Abschiedsreigen ein. In Kapitän Max Bross verließ eine weitere Weiler Identifikationsfigur das Team. Jorge Villamil Novoa wechselte nach Diessbach, Marzio Vanina nach Uttigen, Alberto Garcia in die NLB nach Vordemwald. "Die gesamte Stamm-Mannschaft ist auf einen Schlag weggewesen", erklärt Dietrich. Dazu pausiert Coach Reiner Brinker bis Jahresende. Derzeit leitet Marc Werner, 27, als Spielertrainer die Geschicke. Dietrich blieb dem RSV als sportlicher Leiter erhalten. "Der Verein ist mir ans Herz gewachsen, da mache ich das gerne", sagt er.

Den Qualitätsverlust im Kader konnte der RSV nicht auffangen, dem einstigen Topteam droht der Fall in die NLB. "Alle haben gewusst, dass es ganz schwierig wird", so Dietrich. Schwierig ist gut. Die Konkurrenz hängt die Weiler ab. Zwar stehen der RHC Genf und der RHC Dornbirn ebenfalls bei null Zählern, doch wurden beiden Clubs – wie auch Diessbach – sechs Punkte abgezogen, weil sie zu wenig Schiedsrichter stellen.

"Wir sind in einer langen Findungsphase", sagt Kapitän Felix Furtwängler. Vor allem offensiv stottert der Motor – was auch mit dem Abgang von Dietrich zu tun hat. Früher konnte der RSV voll auf Attacke gehen – hinten hielt Dietrich mit seiner Klasse den Laden dicht. Heuer liegt der Fokus auf der Defensive, was Folgen für den Angriff hat. Nur zehn Tore hat Weil bisher geschossen. "Da ist es natürlich schwierig, die Motivation hochzuhalten", gesteht Furtwängler, fügt aber an: "Ich versuche, mit gutem Beispiel voranzugehen."

Doch geht es um mehr als den Klassenerhalt in der NLA. "Wir kämpfen auch ums Überleben", sagt Dietrich. "Wir versuchen gerade, die Jugend neu aufzustellen." Das ist bitter nötig. Außer einer U 20 gibt es beim RSV derzeit kein weiteres Nachwuchsteam. "Wir sind da gerade bei einem Neuanfang. Und der ist wichtiger als der Ligaerhalt." Ein Abstieg könne da vielleicht sogar ein Vorteil sein, findet Dietrich: "Die Spieler können dann schneller oben mitspielen."

Zukunftsmusik. Vorerst zählt (noch) der Abstiegskampf. "Die nächsten Spiele sind entscheidend", sagt Furtwängler. Am Samstag und eine Woche später geht es jeweils gegen den Viertletzten SC Thunerstern. "Jetzt zählt’s", sagt Dietrich. "Wir haben uns noch nicht aufgegeben."