Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. November 2011

Mit mehr Energie

Wie es Deutschlands Schachspielern gelungen ist, zum ersten Mal Europameister zu werden.

  1. Großmeister Jan Gustafsson spielt für Baden-Baden – und wurde jetzt Europameister. Foto: dpa

PORTO CALLAS. Die deutschen Schach-Männer haben erstmals den EM-Titel gewonnen. Die Rückholaktion der besten Großmeister zahlte sich bei der Team-Europameisterschaft in Griechenland aus.

Das Profidasein hat Georg Meier gerade erst aufgegeben. Dennoch fällt öfter das Wort professionell, wenn er den größten Erfolg einer deutschen Schachmannschaft zu erklären versucht. Wie konnten sie bloß Europameister werden, obwohl sie bei dem Turnier in Griechenland nur an zehn gesetzt waren? "Wir waren hier alle sehr professionell am Werk", sagt Meier. Animositäten hätten keine Rolle gespielt und der Konflikt mit Verbandsfunktionären, der vor der Schacholympiade 2010 noch zur Absage der vier besten deutschen Großmeister geführt hatte, sei gelöst.

Schon am heutigen Montag macht Meier sich wieder auf den Weg nach Lubbock, Texas. Der 24 Jahre alte Trierer hat in den USA ein Wirtschaftsstudium begonnen, wohl auch aus der Erkenntnis, dass es für die Weltelite nicht ganz reicht. In der Schlussrunde der EM war er aber der glänzende Hauptdarsteller gegen die favorisierten Armenier, die Olympiasieger von 2006 und 2008. "Unsere Marschroute war, dass ich wahrscheinlich als einziger die Chance haben würde zu gewinnen. Und so habe ich die Partie auch angelegt", sagt Meier. Der Plan ging tatsächlich auf. Wie so oft bei dieser EM. Nach neun Runden standen für Deutschland sieben Wettkampfsiege zu Buche, die Mannschaft bezwang sogar drei der vier weltbesten Teams: neben Armenien auch Aserbaidschan und die Olympiasieger aus der Ukraine. In der Schlussrunde schlugen die Großmeister Arkadij Naiditsch, Georg Meier, Daniel Fridman und Jan Gustafsson auch den hohen Favoriten Armenien am Freitagabend mit 2,5:1,5. Den Siegpunkt verbuchte Meier. Rainer Buhmann komplettierte das Team. Gustafsson und Naiditsch spielen in der Bundesliga für Baden-Baden.

Werbung


Das Erfolgsgeheimnis des Nationalteams ist offenbar eng verbunden mit einem weiteren Namen: Rustam Kasimdschanow. Der in Nordrhein-Westfalen lebende Usbeke, Fide-Weltmeister von 2004, war eigens als Eröffnungstrainer verpflichtet worden. Und laut Meier wurde Kasimdschanow "eine Riesenunterstützung". Vor einem Jahr hatte man den Spielern einen solchen Trainer noch verwehrt; diesmal stimmte das – inzwischen veränderte – Präsidium des Deutschen Schachbunds zu. In Einzelsitzungen stellte Kasimdschanow die Spieler auf ihre jeweiligen Gegner ein. "So blieben uns ein paar Stunden mehr zum Entspannen, weil Rustam die Arbeit machte und wir uns nicht selber vorbereiten mussten", sagt Meier. Die Zusammenarbeit habe sie nicht direkt zu besseren Spielern gemacht, "aber wir hatten eben mehr Energie für unsere Partien".

Der Verband hatte diesmal sein stärkstes Aufgebot entsandt, nachdem bei der Olympiade 2010 wegen finanzieller Probleme nur eine B-Mannschaft antrat. Beim neuen DSB-Präsidenten Herbert Bastian, der die verärgerten Großmeister zurück ans Brett geholt hatte, war die Freude über den unerwarteten Erfolg deshalb selbstverständlich groß.

Autor: Martin Breutigam