"Es tat hinten raus einfach nur höllisch weh"

dpa

Von dpa

Mo, 06. August 2018

Schwimmsport

Florian Wellbrock gewinnt bei der Schwimm-Europameisterschaft den Titel über 1500 Meter / Auch die deutsche Mixed-Staffel holt Gold.

GLASGOW (dpa). Als Florian Wellbrock nur noch wenige Meter vom EM-Gold entfernt war, kämpfte Freundin Sarah Köhler auf der Tribüne der Schwimm-Arena mit den Tränen. Der 20-Jährige schwamm am Sonntagabend in Glasgow über 1500 Meter Freistil in deutscher Rekordzeit und Weltjahresbestzeit zum EM-Titel und schlug dabei den Olympiasieger. "Es tat hinten raus einfach nur höllisch weh", gestand der erste deutsche Einzel-Europameister im Beckenschwimmen seit 2014.

Wellbrock hielt nach seinen 14:36,15 Minuten einige Momente inne, dann kletterte er auf die Leine und präsentierte seine Muskeln. Am Tag nach dem deutschen EM-Titel bei der Mixed-Staffel-Premiere übr 4x200 Meter bejubelte der Magdeburger einen weitaus prestigeträchtigeren und zudem seinen größten Erfolg. "Ich hatte ab 200 Metern Gänsehaut", sagte Chefbundestrainer Henning Lambertz und stufte den Coup als "galaktisch" ein. "Ich hatte genug damit zu tun, dass ich nicht anfange zu weinen", sagte Köhler – und lachte. Wellbrock schwamm ein kluges Rennen und ging gleich das Tempo von Rio-Goldmedaillengewinner Gregorio Paltrinieri aus Italien mit. Am Ende hatte der Magdeburger die größten Reserven. "Es hat gezeigt, dass ich in den vergangenen Monaten alles richtig gemacht habe", sagte er.

Der starke Auftritt von Wellbrock passte zur Aufbruchstimmung der ersten Schwimmer-Tage der European Championships. "Wir wollten hier den Aufwärtstrend starten und nicht erst in Tokio. So kann es weitergehen", hatte Startschwimmer Jacob Heidtmann schon nach dem Erfolg der nicht-olympischen Mixed-Staffel gesagt. Und die starke Schlussschwimmerin Annika Bruhn setzt auf eine Signalwirkung: "Ich denke, so eine Goldmedaille gibt allen noch mal einen Schub."

Nun sollen weitere Erfolge in den Sommerspiel-Disziplinen her, wie es Wellbrock glückte. Franziska Hentke machte beim Finaleinzug über 200 Meter Schmetterling Hoffnung auf eine Medaille.
Der Zusammenhalt in der Auswahl scheint für das ambitionierte Projekt zu stimmen. Angeführt von Chefbundestrainer Lambertz erwarteten mehr als 20 deutsche Schwimmer und Coaches das Siegerteam lange nach dem Rennen in den Katakomben der Glasgower Arena. Als Heidtmann, Henning Mühlleitner, Reeva Foos und Bruhn endlich um die Ecke kamen, ließ das Team die Gewinner mit einer "La Ola" hochleben. Einige Umarmungen später sagte Bruhn auf das ganze Team bezogen: "Wir wissen, wir sind gut drauf, es läuft."

Das war bei den vergangenen Großereignissen anders. Bei den Olympischen Spielen 2016 blieben die deutschen Beckenschwimmer wie vier Jahre zuvor in London ohne Medaille. Im vergangenen Jahr sorgten zwischenmenschliche Probleme und Kritik an Lambertz rund um die WM in Budapest für Negativ-Schlagzeilen. Und nun? Die Erfolge an den ersten beiden Wettkampftagen, zu denen auch Mühlleitners überraschende Bronzemedaille über 400 Meter Freistil zählt, verbessern die auch schon vor dem EM-Start gute Laune zusätzlich. Allerdings ist auch klar: Die EM ist klar schwächer besetzt als eine WM oder Olympia – so fehlen die überragenden Schwimm-Nationen USA und Australien, aber auch Japan und China.

Eine große Ausnahme gab es allerdings: Sarah Köhler schob am Tag vor dem Titel ihres Freundes Frust, nachdem sie im 800-Meter-Freistil Rennen beim Sieg der Italienerin Simona Quadarella nur Rang vier belegt und die erhoffte Medaille verpasst hatte. "Insgesamt war es einfach ein schlechtes Rennen", sagte die 24 Jahre alte Frankfurterin. Köhler will die Enttäuschung nun schnell verarbeiten und sich auf die Rennen über 400 und 1500 Meter konzentrieren. Zudem kann die Langstreckenspezialistin in der Freiwasser-Staffel auf EM-Ehren hoffen – wie auch Wellbrock.

Nach 55 von 187 Wettbewerben der European Championships führt im Medaillenspiegel Russland (9 Gold/5 Silber/5 Bronze) vor Italien (7/7/10) und Großbritannien (6/6/5). Sechster ist Deutschland (5/2/5).