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25. Juni 2012

Crosslauf

Sehbehinderte Schweizerin meistert X-Trail-Run in Breitnau

"Schön kurzweilig" fanden die Sieger Tilo Minges (Winden) und Stefanie Doll (SZ Breitnau) den Halbmarathon beim dritten X-Trail-Run in Breitnau. Minges hatte für die höchst anspruchsvolle Strecke mit 900 Höhenmetern nur 1:35:24,7 Stunden gebraucht. Stefanie Doll lief in 1:41:35,8 Stunden die siebtschnellste Zeit der 95 Finisher. Über alle drei Strecken kamen 163 der 172 Starter ins Ziel.

  1. Anstrengung in atemberaubender Natur – die Symbiose gelingt beim X-Trail-Run in der Ravennaschlucht. Foto: Murst

108 Meldungen für die längste Distanz gegenüber 50 für die "Fun-Strecke" über zehn Kilometer zeigten deutlich das große Interesse der Ausdauerathleten an der Herausforderung, die als "härtester Halbmarathon Deutschlands" angekündigt war. Dass der Kurs nach einer kurzfristig erforderlichen Änderung tatsächlich statt 21,1 nur etwa 20,5 Kilometer lang war, fiel angesichts der gewaltigen Steigungen und des teils schwierigen Untergrunds kaum ins Gewicht. Genug gefordert wurden die Läufer und Läuferinnen allemal.

"Richtig steil und optimal", dabei nicht gefährlich, weil trocken, lobte Tilo Minges die Strecke nach seinem klaren Sieg mit 1:10 Minuten Vorsprung vor Luigi de Franceschi (SV Ohmenhausen), der die Masterklasse der Senioren (40 und älter) gewann. Hinter dem 48-Jährigen musste sich der fünf Jahre jüngere Sieger der Vorjahre, Moritz Christian Braun (LG Offenburg/1:37:41,0), diesmal mit Rang drei begnügen. Der Facharzt war angesichts schwererer Strecke und stärkerer Konkurrenz mit Platzierung und Zeit zufrieden: "Es war ein toller Lauf und eine super Organisation."

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"Die Lupinen, Brennnesseln und Tannennadeln haben

gut gerochen."

Erika Kälin, Schweiz
Minges, vereinsloser 36-jähriger Ingenieur aus dem Elztal, hatte sich nach dem Abstieg in die Ravennaschlucht nach etwa sieben Kilometern im steilen Anstieg nach Alpersbach vom letzten verbliebenen Konkurrenten lösen können. Stefanie Doll hatte "gewusst, wie ich’s einteilen muss, aber es war hart". Bergab zügig, aber nicht zu schnell, lautete die Erkenntnis der 24-jährigen Physiotherapeutin: "Sonst werden die Beine hart wie ein Betonklotz." Und "berghoch darf man kein Tempo machen", sondern erst wieder im flacheren Gelände forcieren. Nach dem brutalsten Anstieg hoch zum Piketfelsen überholte die Tochter von Cheforganisator Charly Doll noch einen Mann und lief zu einem weiteren auf. Neben ihr blieb von den 21 Frauen nur noch Christine Sohn (Lebenslauf/1:49:46,8) unter zwei Stunden.

Die wohl größte Leistung vollbrachte indessen Erika Kälin (Einsiedlen). Die 43-jährige Schweizerin hat infolge einer angeborenen Erbkrankheit nur 25 Prozent Sehkraft, kann nicht dreidimensional sehen und die Bilder flackern vor ihren Augen. Trotz dieses Handicaps bewältigte sie den schwierigen Halbmarathon mit Hilfe ihres Begleitläufers Reinhart Schütz in 2:27:50,2 Stunden und platzierte sich im Mittelfeld der Masterklasse der Frauen. Sehen konnte Erika Kälin kaum etwas von der urwüchsigen Schwarzwald-Landschaft, die sie durchquerte. Aber "die Lupinen, Brennnesseln und Tannennadeln haben gut gerochen", erinnert sich die begeisterte Bergläuferin und vergisst auch nicht den Kuhfladen unterwegs oder den strengen Geruch nach "Kanalisation" an der alten Kläranlage. Und natürlich hat sie den Bach rauschen gehört und unten im Höllental die Autos.

"Ich musste alles ansagen", erklärt ihr 47-jähriger Begleitläufer, den ein elastisches Band am Arm mit seiner sehbehinderten Laufkameradin verbindet. So wusste sie, wo sie sich mit der Hand festhalten konnte und wo den Kopf einziehen, um ihn nicht an einem Ast oder Felsen zu stoßen. "Der Reinhart ist wie mein Schutzengel", sagt Erika Kälin. Das Laufen in der Natur ist ihr extrem wichtig: "Man kann besser den Körper spüren und besser denken", sagt sie. Es sei für sie ein Ausgleich für den Alltag, gut fürs Selbstbewusstsein und auch die Selbständigkeit. Und sie genießt die sozialen Kontakte dadurch: "Ich hab’ so Freude, mit diesen Leuten zusammen zu sein", sagt sie strahlend, nachdem ihr wieder zwei Finisher im Zielraum gratuliert haben. Die Sportkameraden würden meist "viel Respekt" zeigen und toll finden, was sie macht. "Das Laufen gibt einem Kraft und auch die Natur", beides sei für sie "Lebensqualität", erklärt Erika Kälin. Und natürlich wolle sie auch andere Behinderte motivieren und zeigen, was möglich sei.

Das Rennen über zehn Kilometer gewann überlegen Benedikt Doll (SZ Breitnau/37:32,3 Minuten) vor seinen Biathlonkollegen Tobias Hermann (SC Gütenbach/39:59,8) und Roman Rees (SV Schauinsland/40:35,6). Bei den Frauen distanzierte Lisabeth Wagner (43:32,3), die mit dem Rad aus Freiburg nach Breitnau gefahren war, die zweitplatzierte Biathletin Lea Franz (SV Schauinsland) um mehr als zehn Minuten. Schnellster Schüler über vier Kilometer war Matthias Blum (TuS Gutach/14:39,5) vor Florian Waldvogel (WSG Feldberg/14:59,5) und Laurin Zähringer (15:53,9) vom Ausrichter SZ Breitnau.

"Alles bestens gelaufen", bilanzierte am Ende Charly Doll, der sich bisher für jeden X-Trail-Run etwas Neues einfallen ließ. "Eine Steigerung wäre jetzt nur noch über den Feldberg, das wäre dann ein Marathon", so seine Vision. Falls jemand dort Streckenmarkierung und Betreuung übernehmen würde, denn die Skizunft Breitnau stoße schon jetzt an die Grenzen der Belastbarkeit. Auf Hinterzartener Gemarkung stellte der dortige Skiclub zehn Helfer. Ihnen dankte Doll ebenso wie den Grundstückseigentümern, die die Rennen über ihr Gelände gestatteten. Wer sich bei diesem Erlebnislauf durch "Natur pur" gekämpft hat, darf stolz auf sich sein.

Autor: Annemarie Zwick