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22. Oktober 2011

Der Weltenwanderer

Einst spielte Brad Thorn in Australien Rugby, jetzt will er mit Neuseeland das WM-Finale gewinnen.

  1. Brad Thorn ist eine der Schlüsselfiguren des All-Blacks-Team. Foto: AFP

AUCKLAND. Neuseeland ist im Ausnahmezustand. Die Insel im Pazifik fiebert dem Finale der Rugby-WM am Sonntag (Zusammenfassung 14.30 Uhr, MESZ/Sport 1 ) entgegen. Die Partie zwischen den All Blacks aus Neuseeland und Frankreich beendet am Sonntag in Auckland nach mehr als sechs Wochen ein Mammut-Turnier. Am Freitag gewann Australien bereits das Spiel um Platz drei gegen Wales mit 21:18.

Brad Thorn ist ein Mann wie ein Baum. Wie ein ziemlich großer Baum. Bärtig, 1,96 Meter groß, 115 Kilogramm schwer. Er sieht so aus, als brauche er zum Bäumefällen keine Axt sondern nur seine schaufelartigen großen Hände. Thorn spielt Lock – also Stürmer aus der zweiten Reihe – und ist damit eine der Schlüsselfiguren der neuseeländischen Rugbymannschaft im Weltmeisterschaftsfinale am Sonntag in Auckland gegen Frankreich.

Aber Thorn ist mehr als nur ein Spieler, der immer dort auf dem Feld auftaucht, wo selbst für Rugby besondere Körperlichkeit gefordert wird. Er ist in diesem knüppelharten Sport mit 36 Jahren zum einen ein wahrer Methusalem und zum anderen ein Wanderer zwischen Rugby-Welten und Nationen. Thorn, der im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern von Neuseeland nach Australien übersiedelte, begann dort seine Karriere als Junior und spielte Rugby-League. Diese besondere Spielart des Rugby ist vor allem in Australien beliebt. Sie kommt ursprünglich aus dem armen Norden Englands, wo es sich die Arbeiter nicht leisten konnten, als Amateure beim noblen Rugby-Union ihre Knochen zu riskieren. Rugby-Union hat erst vor 15 Jahren Profis zugelassen. In der Vergangenheit haben zwar immer wieder mal Spieler zwischen den verwandten Spielen gewechselt, niemand aber war so erfolgreich wie Brad Thorn.

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Ein All Black zu sein ist die höchste Ehre

Mit den Brisbane Broncos gewann er mehrere australische Meisterschaften, spielte für das Bundesland Queensland und Australien – unter anderem auch gegen Neuseeland. Mit Mitte 20 wechselte er nach Neuseeland und zum traditionellen Rugby, gewann auch dort prompt wieder alles, was es zu gewinnen gab, auch auf internationaler Ebene und wurde schon bald ein All Black, was der höchsten vorstellbaren Ehre im Heimatland seiner Mutter gleichkommt. Nach einer erneuten Rückkehr nach Australien und zur Rugby-League hat er sich in den vergangenen drei Jahren nur einem Ziel verschrieben: Mit Neuseeland Weltmeister zu werden. Wer gesehen hat, wie dieser sonst eher zurückhaltende Musterprofi im Halbfinale gegen Australien jubelte, spürte, wie viel ihm dies bedeutete.

Im Endspiel gegen Frankreich drückt ihm nun die gesamte Nation von nur gut vier Millionen Kiwis die Daumen. Die All Blacks sind Favoriten gegen Frankreich, schließlich haben sie Les Bleus bei dieser WM in der Vorrunde schon deutlich besiegt. Schon zweimal haben die Franzosen ihnen bei Weltmeisterschaften einen Strich durch die Rechnung gemacht – allerdings nie im Finale. Diesmal aber scheinen die Neuseeländer besser gerüstet als je zuvor. Die Art und Weise, wie sie die mitfavorisierten Nachbarn Australien im Halbfinale beherrschten, lässt bei ihren Fans die Hoffnung aufkommen, dass sie nach dem bisher einzigen Titel 1987 ebenfalls im eigenen Land wieder eine WM gewinnen und nach Erdbeben, Bergbaukatastrophen und Umweltdesastern einen Grund zur Freude haben.

Brad Thorn würde im Erfolgsfall endgültig zur lebenden Legende werden, niemand hat eine auch nur annähernd vergleichbare Karriere aufzuweisen. Thorn wird in jedem Fall sein letztes Spiel für die All Blacks bestreiten, er wird seine Laufbahn in Japan ausklingen lassen, bevor er die Rugby-Stiefel endgültig an den Nagel hängt.

Autor: Alexander Hofmann


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