Geistige Herausforderung

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Mi, 05. September 2018

Sonstige Sportarten

In Grenzach-Wyhlen gibt es einen erfolgreichen Skat-Fixpunkt – der Skatclub steht erneut vor dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft.

SKAT. Der Skatclub Hochrhein Grenzach-Wyhlen steht kurz vor seiner dritten deutschen Mannschafts-Meisterschaft in der Bundesliga. Über eine Sportart auf Nachwuchssuche und eine eigentümlich erfolgreiche Enklave mitten im Dreiländereck.

Kurt Tucholsky war sich bereits vor knapp 100 Jahren sicher. "Wenn dem Deutschen so recht wohl ums Herz ist, dann singt er nicht. Dann spielt er Skat", betonte der berühmte schreibende Humorist einst. Kaum drei Jahrzehnte später ergänzte einer seiner berühmtesten intellektuellen Nachfolger, Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, besser bekannt als Loriot: "Wenn man nicht ernst spielt, macht es keinen Spaß." Vor fünf Jahren feierte das Kartenspiel seinen 200-jährigen Geburtstag, außerhalb von Deutschland wird es außer in Polen kaum gespielt. Überhaupt durchlebt das Spiel derzeit eine Phase des Wandels. Immer öfter wird nur noch online gespielt.

"Wir sind stolz, seit Jahren dabei zu sein."

Auch wenn der deutsche Skatverband (DSKV) inoffiziell 20 Millionen skatspielende Deutsche nennt: Die Mitgliederzahlen des DSKV sinken seit dem Hochstand 1990 (35 000) beständig. Mittlerweile sind nur noch 18 945 Spieler gemeldet. Für Beständigkeit und Erfolg steht indes eine Enklave am Hochrhein. Geht es um Skat, ist es ihnen – frei nach Loriot – besonders ernst.

"Skat als Sport ist eine geistige Herausforderungstat", betont Siegfried Müller. Gemeinsam mit Kollege und Bundesligaspieler Ewald Philipp hat es sich der Vereinsvorsitzende des Skatclubs Hochrhein Grenzach-Wyhlen gemütlich gemacht. Besser noch als selbst Skat zu spielen, können die beiden Väter des Hochrheiner Skaterfolgs über ihren Sport sinnieren. "Wenn Strategie und Können das Glück finden, ist das Skat", philosophiert Philipp. Größere Experten gibt es für das Spiel um Null, Grand, Ramsch und Bock im Dreiländereck wohl kaum. "Wir sind der erfolgreichste Verein in der Verbandsgruppe Südbaden", sagt Müller zurecht. Und nicht ohne Stolz.

2009 und 2015 gewann der Skatclub die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft, 2005 siegte Wolfgang Mahler im Einzel, 1987 holte Martin Fuhrer Gold in der Jugend. Und derzeit stehen sie erneut vor einem Titel: Stellen sie sich am Wochenende bei den letzten Bundesliga-Spieltagen in Bad Hersfeld clever an, ist ihnen die DM sicher. 16 Punkte brauchen sie. "Da wird zehn Stunden am Stück gespielt", erklärt Müller. Ein Bundesligateam besteht aus fünf Akteuren, gemessen wird sich am Vierertisch. Ein Spieler pro Partie kann ausgewechselt werden. Der Gewinner erhält Drei, der Zweite zwei, der Dritte einen, der Letzte keinen Punkt. Zusammenaddiert ergibt sich das Gesamtklassement der Liga – in der es hoch hergeht. 25 Prozent der Teams steigen pro Saison ab. "Wir sind stolz, seit Jahren dabei zu sein", sagt Philipp.

Der SK Hochrhein hat sich zu einer Hochburg des deutschen Skatsports entwickelt. Ähnlich beständig erfolgreich sind sonst nur einzelne Clubs um Stuttgart und Dresden. "Ansonsten verteilt sich das recht gleichmäßig", erklärt Müller. Der Verein wurde 1975 gegründet. Heuer zählt er 30 aktive Spieler, darunter drei Frauen: "Was uns ganz besonders freut", wie der Vorsitzende betont.

Müller, 66, ist ein Tausendsassa. Der ehemalige Ausbildungsleiter bei einem Schweizer Pharmaziehersteller leitete einst auch den Turnerbund Wyhlen. Skat spielt er mittlerweile seit 40 Jahren. Beim Titel 2015 wirkte er selbst mit. Philipp, der seit 1988 Skat spielt, war sogar bei beiden Titelgewinnen am Tisch. Gelernt hat er das Spiel auf der Berufsschule. "Da haben wir immer um zehn Pfennig gespielt", erinnert sich der Getränkemarktleiter. Und scherzt: "Anfangs habe ich nur Lehrgeld gezahlt." 1991, kaum zwei Jahre offiziell ein Teil des SK, holte der heute 64-Jährige allerdings schon Bronze bei der deutschen Meisterschaft.

Trainiert wird zweimal die Woche im Bahnhöfle in Wyhlen. "Da spielen wir auch die Mannschaftsmeisterschaft aus", so Müller. Das Startgeld liegt bei vier Euro, jedes verlorene Spiel kostet 50 Cent. Am Ende des Jahres werden 70 Prozent der Gelder ausgeschüttet, mit dem Rest finanziert der Verein die Fahrten zu den Meisterschaften. "Selbst die, die im Internet 24 Stunden spielen, können davon nicht leben", sagt Philipp.

Viel Lob, viel Ehr’ also für den SK Hochrhein, dem es, wie so vielen, an Nachwuchs mangelt. Im Schnitt 60 aufwärts sind die Teilnehmer der wöchentlich stattfinden Trainingsabende. "Wir würden uns sehr über mehr Spieler und Spielerinnen freuen", gesteht Müller. Wie würde Tucholsky sagen: Wenn es Euch Hochrheinern wohl ums Herz ist, singt nicht, geht Skat spielen im Bahnhöfle.