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27. Oktober 2011

Lehrgang mit dem Beckenbauer des Karate

Der 71-jährige Japaner Anki Takahashi, Träger des achten Dan, lehrt Karateka des HakuRyuKan Kappel Demut im Grundlagentraining.

  1. Vorwärts treten, rückwärts, seitwärts: Karate ist so elegant wie Ballett. Foto: Johannes Bachmann

  2. Nach einem Abend, den so schnell keiner vergisst: Schweißgebadet und beseelt sind die Karateka in Kappel nach 90 Minuten Basisarbeit mit den zwei japanischen Großmeistern (zweite Reihe, rechts). Foto: Johannes Bachmann

  3. Meister ohne Firlefanz: Anki Takahashi ist ein Weltbotschafter des Karate, dem die Provinz so bedeutend ist wie die Metropolen. Zuhause ist der 71-Jährige 80 Kilometer nördlich von Fukushima. Foto: bachmann

  4. Hand auf Faust: Anki Takahashi demonstriert eine Schlagtechnik. Foto: Johannes Bachmann

  5. Karate ist weiblich. Frauen sind in Kappel willkommen. Foto: Johannes Bachmann

KARATE. "Karate ist die lebenslange Suche nach Perfektion", sagt Anki Takahashi, "aber sie kann nie erreicht werden". Kaum größer als ein Fünftklässler ist der 71-jährige Japaner, aber in der Welt der Karateka ist er ein Riese. Den achten Dan trägt der buddhistische Mönch, nur 14 weitere Menschen haben diese höchste Stufe erreicht. Takahashi, genannt Anki-Sensei, das ist ein bisschen wie Papst. "Er ist der Beckenbauer des Karate", sagt Anton Salat, Leiter des HakuRyuKan Kappel, der den japanischen Großmeister zu einem 90-minütigen Training mit mehr als 60 Karateka aus dem Hochschwarzwald in die Hochfirsthalle eingeladen hat.

"An ihn reicht Beckenbauer nicht heran", sagt Schlatt, der keinen Vornamen hat. Schlatt (47), der in Freiburg und Tübingen Japanologie studierte und jahrelang in Japan lebte, kennt den Großmeister, der nun schon zum 25. Mal Deutschland besucht, seit 1992. "Er ist mein Mentor", erklärt der Glatzkopf, der auf zwei nackten Sohlen so wuchtig geerdet ist wie ein Betonblock. Schlatt ist Takahashis deutsche Stimme und sein Freund.

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Der 71-jährige Japaner hat es nicht nötig, mit dem Firlefranz verglichen zu werden. Und man kommt ihm näher als dem Papst. Etwa Susanne Asturita (57) aus Lenzkirch, als Grüngurt-Trägerin gefühlte 100 Stufen unter dem Meister, aber immerhin auf dem Weg der Erkenntnis den Gelbgurten schon zwei Schritte voraus. An diesem Oktober-Abend ist sie gleichauf mit einem der bedeutendsten Karateka der Welt. Hektische rote Flecken machen sich auf ihren Wangen breit. "Es war unglaublich", wird sie nach 90 schweißtreibenden Minuten sagen und auf "eine Erfahrung fürs Leben" zurückblicken. Takahashi korrigiert Beinstellung und Handhaltung, drückt sanft, aber bestimmt Rücken gerade, federt gemeinsam mit Ikuo Goukon Sensei, Träger des siebten Dan kreuz und quer durch die Reihen der Amateur-Karateka.

Anki Takahashi ist gekommen, um Demut zu lehren. In aller Bescheidenheit. Trotz aller Ernsthaftigkeit ist der Japaner zu Scherzen aufgelegt. "Furchtbar müde und so alt" fühle er sich, macht er den Reporter mit zwei, drei Brocken gebrochenem Deutsch glauben, der nachmittägliche Besuch des Schwimmbeckens ("bad bad") gemeinsam mit Anton Salat habe ihm alle Kraft entzogen. Sagt’s schmunzelnd und hüpft wie ein Gummiball davon. Alles ist bei diesem Mann Kontrolle. Jeden Muskel beherrscht er, blitzschnell sind seine Bewegungen. Geschmeidig wie ein Puma ist der 71-Jährige. Was er fordert, was er vormacht, was er korrigiert ist fundamentales Karate. Und deshalb einfaches Grundlagentraining. Leicht ist das nicht. "Nur auf solider Basis steht ein stabiles Haus", übersetzt Schlatt die Gedanken des Meisters.

Ein Haus, das über Takahashi Anfang März zusammengestürzt ist. Beim verheerenden Erdbeben und dem furchtbaren Tsunami in Japan verlor er Freunde und Verwandte, aber nicht seinen Mut. Nur 80 Kilometer nördlich der Katastrophenreaktoren von Fukushima lebt er in der Nähe der Metropole Sendai in einem kleinen Tempel. Leise hat sich Takahashi vor dem Training in Kappel bedankt, "bei allen, die uns geholfen haben". Großzügig für die Katastrophenopfer gespendet hatten die Kappeler Karateka. Doch noch bedeutsamer, so Takahashi, sei die moralische Unterstützung und die Solidarität mit den Japanern. "Dafür meinen Dank aus tiefstem Herzen." Er sagt es, fast schüchtern, hinein in eine bewegte Stille, hält inne – und löst die Rührung mit einem jungenhaften Lachen auf: "Ihr könntet alle meine Kinder sein."

Karate ist gelebte Stärke. Die muss nicht männlich sein. Der archaische Kampfsport ist, zumindest an diesem Abend in Kappel, erfreulich fraulich. Weil der Anspruch jedes Karateka ("sei höflich und bescheiden"), den HakuRyuKan-Trainer Anton Salat postuliert, durchaus weiblich ist. Wer würde da nicht gerne seinen Charakter wie der Meister aus dem fernen Osten vervollkommnen.

Der kann bei aller Sanftmut laut sein. "Tsuki, Geri, Mawa-te!" Durchdringend, als kämen sie aus der Brust eines Ochsen, sind die Kommandos, mit denen Takahashi Fauststöße, Fußtritte, Wendungen und Kombinationstechniken einfordert. Die Kappeler Karateka reagieren wie ein von Geisterhand gesteuertes Marionetten-Ensemble. Vorwärts mäandert das weiße Meer, rückwärts, seitwärts. Tritte, Schritte und Kampfschreie ("Kiai!") lassen die Luft vibrieren und den Schwingboden erzittern. Eine Choreographie aus Eleganz und purer Kraft, die sich Bahn bricht aus erhitzten Leibern.

Schweißnass wie seine 60 Mitkämpfer ist Braungurtträger Rolf Busenkell, Orthopäde aus Neustadt, der glüht wie ein Saunaofen. Was er nach 90 Minuten auf dem perfekten Weg ewiger Suche fühlt, steht dem 55-Jährigen ins Gesicht geschrieben: "Begeisterung pur". Und Anki Takahashi lächelt milde.

Autor: Johannes Bachmann