Vorteil Schlageter

Uwe Rogowski

Von Uwe Rogowski

Fr, 31. August 2018

Tennis

Der Albbrucker Justin Schlageter ist ein großes Tennis-Talent – nach Wimbledon spielt der Junior auch die Qualifikation bei den US Open.

TENNIS. Die Zeiten, in denen das deutsche Männertennis eine exponierte Rolle eingenommen hat, sind verblasst. Zwar hat sich herumgesprochen, dass Alexander Zverev eine verdammt gute Spielintelligenz mitbringt und das Zeug hat, für lange Zeit viel mehr Spiele zu gewinnen, als zu verlieren. Der Hamburger, die Nummer vier der Weltrangliste, ist neben Maximilian Marterer (23/50.) aber der einzige jüngere deutsche Jahrgang in den Top-200.

Justin Schlageter glaubt, dass das nicht mehr ewig so bleibt. Selbstbewusst mit den Zielen umgehen? Zurückhaltend bleiben in der öffentlichen Formulierung? Die einen sagen so, die anderen so. Der 17-jährige Albbrucker bevorzugt die erste Variante. "Es ist mein Ziel, die Nummer eins der Welt zu werden", sagt er, was schwarz auf weiß klingt, wie mal schnell dahingeplappert. Wie ein Berufswunsch. Schlageter wiederholt seine Aussage aber immer wieder, in ruhiger Tonlage, er sieht das nicht als kühne Absicht, er sagt es so sachlich, als wäre es das Normalste auf der Welt. Am Selbstvertrauen sollte es also nicht scheitern, und unter den Besten seiner Generation mischt er ja schon mal mit: Im Juli spielte er beim Juniorenturnier in Wimbledon, ab dem heutigen Freitag versucht er sich als Setznummer 13 beim nächsten Grand-Slam-Turnier über zwei Runden in das 64er-Hauptfeld zu spielen, bei den US Open in New York. Albbruck goes Flushing Meadows.

Sportliche Parameter dafür zu suchen, wie realistisch Schlageters Vorhaben ist, einmal der Beste von allen zu sein, kann man sich im Grunde sparen. Wohl sämtlichen Talenten auf der Junioren-Tour werden herausragende Anlagen attestiert, auf dem Weg zum Profi können aber 1 000 Dinge passieren. Verletzungen, die Liebe. Die Prognose zu wagen, dass Schlageter ein konstanter ATP-Spieler mit allen Chancen wird, ist allerdings nicht verwegen. Das Talent des Albbruckers, der beim TC Dogern groß wurde und es beim SV Albbruck auch mit Fußball probierte, ist schon vor Jahren bis zu den Scouts des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) vorgedrungen. Sein Repertoire im Umgang mit dem Tennisschläger wird geschätzt beim Dachverband, vor zwei Jahren hat er ihn unter seine Fittiche genommen.

Neun deutsche Nachwuchsspieler zählen zum Elitepool "Talent Team" des DTB, Schlageter ist einer von ihnen, aus seinem Jahrgang (2000/01) sind es sogar nur vier. Das ist nicht nur eine offizielle Karriere-Erwartung der DTB-Experten und eine Auszeichnung seiner Entwicklung, die ihn bis zur Nummer 77 der aktuellen Junioren-Weltrangliste gebracht hat. Für Schlageter und sein Umfeld hat sich durch die Inobhutnahme die weitere intensive Verfolgung seines großen Ziels vereinfacht. Der Kostenrahmen hat sich massiv verschlankt. Man kennt das ja von der Tour: Rom, Shanghai, Melbourne. Er spiele zwar "meist die Turniere in Europa", dennoch würde der Familien-Etat arg belastet, wenn Hotel-, Trainer- und Reisekosten dort verbucht werden müssten.

"Früher mussten wir fast alles selbst bezahlen."

"Früher mussten wir fast alles selbst zahlen", sagt Schlageter, nun übernimmt der DTB, der nicht im Verdacht steht, grundlos Gelder zu verteilen.

Sein Leben als heranreifendes Talent? Schon stressig. Der frühere Villinger Badenligaspieler fährt montags nach Mannheim, besucht dort die Schule, wobei hier viel über Eigeninitiative läuft. Denn er wohnt und trainiert bis Freitag im DTB-Bundesstützpunkt, der TennisBase in Oberhaching bei München, wo die Berufsspieler um Philipp Kohlschreiber und Marterer ihre Grundschläge trainieren. Auch mit ihm, dem Teenager. Sein Coach, Ex-Profi Björn Phau (höchste ATP-Platzierung: 55) wird gestellt, und die Flüge werden übernommen. Er sei "klassischer Allrounder und gilt als starker Grundlinienspieler", heißt es beim DTB.

2017 gewann Schlageter, der beim Deutschen Meister GW Mannheim gemeldet ist und dort eine Top-Position im Regionalligateam besetzt, die U-16-Europameisterschaft in Moskau. Er trainiert bis zu sieben Stunden täglich, reist zu 15 bis 20 Turnieren im Jahr, bis nach Mexico. Und 2018 steht das Abitur an. "Es läuft gut, ich kann nicht klagen", sagt Schlageter, er rechne, trotz überschaubarer Anzahl an Schulbesuchen mit einem Schnitt von bis zu 2,00. Alle Achtung.

Mit seinem Turniersieg in Mödling, Österreich, und einer weiteren Finalteilnahme 2018 "ist mir etwas der Durchbruch gelungen", sagt Schlageter. Von Position 232 (September 2017) ist er geklettert, was vor allem mit Blick auf eine nun mögliche Grand-Slam-Teilnahme wichtig ist. Vor der Qualifikation bei den US Open sagt er: "Die Leistungsdichte ist sehr hoch. Es kommt auf die Tagesform an." Er müsse schon "ein bisschen besser als normal spielen, um ins Hauptfeld zu kommen". Vermutlich wird es aber ohnehin nicht sein letztes Turnier dieser Art sein.