50 Grad Celsius auf dem Platz

Tennisprofis leiden in der Gluthitze der US Open

Jörg Allmeroth

Von Jörg Allmeroth

Mi, 29. August 2018 um 20:34 Uhr

Tennis

Extreme Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit machen die US Open zur Tortur für die Tennisprofis. Manche geben auf, andere brechen zusammen und müssen medizinisch behandelt werden.

Es war Mitte des zweiten Satzes, in der glühenden Hitze des Arthur Ashe-Stadions, als Novak Djokovic den Ballkindern eine ungewöhnliche Bitte übermittelte. Man solle einen Eimer in der Nähe seiner Sitzbank aufstellen, so Djokovic, "falls ich mich demnächst übergeben muss". Wie ein Verirrter in der Wüste sah Djokovic in jenem Moment aus, das Gesicht krebsrot und ausgemergelt wirkend, der Blick leer, stur nach vorne gerichtet. "Ich war nur noch im Überlebensmodus", sagte der Wimbledonchampion, der 13-malige Grand-Slam-Sieger, hinterher. Irgendwie schlug sich Djokovic in der Grand-Slam-Hölle noch zu einem Vier-Satz-Sieg gegen den Ungarn Marton Fucsovics durch, zwischendrin schluckte er auch Pillen, um seinen Kreislauf zu stabilisieren: "Es war schockierend. Ich habe nur gebetet, dass ich mich wieder besser fühlen kann."

"Ich war nur noch im Überlebensmodus"Novak Djokovic
Ausgerechnet bei den US Open erlebt der Hitzesommer auch in den Vereinigten Staaten einen brutalen Höhepunkt. Beim letzten Grand-Slam-Turnier der Saison sind die Ausscheidungsspiele zum Extremsport geworden, selbst erfahrene Tourkräfte wie Angelique Kerber konnten sich nicht erinnern, "schon mal so etwas erlebt zu haben". Als die Wimbledongewinnerin am Dienstag darauf angesprochen wurde, dass die Bedingungen sich noch verschärfen könnten, schüttelte sie leicht irritiert den Kopf: "Schlimmer geht’s gar nicht mehr."

Fünf Profis geben am gleichen Tag auf

Auf dem Grandstand-Platz spielten sich beim Match von Australian Open-Siegerin Caroline Wozniacki gegen die Australierin Sam Stosur sogar dramatische Szenen ab: Wozniackis Mutter Anna musste völlig entkräftet, leicht desorientiert, vom Platz geführt werden, während ihre Tochter unten um den Sieg kämpfte. "Sie stand unmittelbar vor einem Kollaps", erklärte Wozniackis Trainervater Piotr.

Bis zu 50 Grad plus und extreme Luftfeuchtigkeit

Temperaturen von 38 Grad im Schatten, die auf den sonnenüberfluteten Courts bis zu 50 Grad und mehr hochschnellten, dazu extreme Luftfeuchtigkeit: Das ganze Billie-Jean-King-Tenniscenter glich einer Open-Air-Sauna – direkt nach einem Aufguss. "Auf dem Court fühlte ich mich, als wenn ich sterben müsste", gab der Argentinier Leo Mayer zu Protokoll, einer von fünf Profis, die allein am Dienstag aufgeben mussten. Das Ganze sei ein "einziger Albtraum", erklärte die Französin Alize Cornet, die während ihrer Drei-Satz-Niederlage ebenfalls medizinisch behandelt werden musste. Alle Spieler ließen sich während jeder Pause Ice-Bags um den Nacken legen. Tausende Fans flüchteten sich in jedes nur mögliche schattige Fleckchen, viele nahmen in der Mittags- und Nachmittagssonne zunächst gar nicht ihre Plätze ein.

Notverfügung für die männlichen Profis

So prekär war die Lage, dass sich der ausrichtende US-amerikanische Tennisverband (USTA) zu einer Notverfügung aufgerufen fühlte. Erstmals in der Geschichte des New Yorker Grand-Slam-Spektakels durften auch die männlichen Profispieler vor dem vierten Satz eine Hitzepause nehmen, für genau zehn Minuten. Bei den Frauen gibt es ohnehin im Regelwerk schon länger den Passus, der bei einer bestimmten Wetterlage – extreme Wärme und und extreme Luftfeuchtigkeit – einen Matchstopp für zehn Minuten vor dem dritten Satz vorsieht.

Die Spuren des Hitze-Chaos waren gleichwohl unübersehbar: "In den Umkleidekabinen lagen die Spieler reihenweise einfach am Boden. Total am Ende, total erschöpft", sagte der Italiener Stefano Travaglia, der seine Partie ebenfalls aufgeben musste: "Es war kein Tag, um Leistungssport zu treiben." Die zweimalige Wimbledonsiegerin Petra Kvitova beschrieb ihren Einsatz gegen die Belgierin Yanina Wickmayer als "mörderisch": "Wir alle haben die Vorhersagen gehört. Aber man kann sich überhaupt nicht vorstellen, was es bedeutet, an so einem Tag auf dem Court zu stehen."

Dazu tickt noch die sogenannte Aufschlag-Uhr

Zu allem Überdruss tickt seit dem ersten Tag dieser US Open nun auch unbarmherzig die sogenannte Aufschlag-Uhr für die Profis. Binnen 25 Sekunden nach dem letzten gespielten Punkt muss nun der Aufschlag erfolgen, wer trödelt, bekommt Sanktionen zu spüren – ihm wird dann ein Service abgezogen. "Dieses Limit bei dieser Hitze einzufordern, ist fast unmenschlich", sagte die frühere Weltklassespielerin Pam Shriver. Doch die USTA ließ über ihren Sprecher Chris Widmaier wissen, "dass sich an diesem Prozedere auf keinen Fall etwas ändern wird." Auch die beweglichen Dächer über dem Centre Court und dem Armstrong-Stadion sollten nicht geschlossen werden, so Widmaier: "Wir wollen gleiche Bedingungen für alle Teilnehmer."