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06. Juni 2011 15:55 Uhr

Rigolator

Triathlon in Riegel: Bis ans Limit und darüber hinaus

500 Meter Schwimmen, 25 Kilometer Rad fahren und 5,5 Kilometer laufen – machbar? Das wollte David Seitz genau wissen: Der BZ-Mitarbeiter startete bei der 4. Ausgabe des "Rigolators" in Riegel. Ein Erfahrungsbericht.

  1. Ein Gewühl aus Armen und Beinen lässt beim Schwimmen den Müllersee kochen. Foto: Ruth Seitz, Gunther Merz

  2. Tut das guuut: Lang ersehnte Erfrischung im Ziel. Foto: Privat

  3. Die erste Disziplin ist geschafft und der Puls am Limit. Foto: Ruth Seitz

  4. Endlich im Ziel: Das abschließende Laufen fiel schwerer als erwartet. Foto: Ruth Seitz

  5. Auf dem Rennrad kehrt das Lächeln zurück. Foto: Ruth Seitz

"Noch 10 Minuten bis zum Schwimmstart!" Ich stehe knöcheltief im 21 Grad warmen Wasser des Müllersees und frage mich, ob ich das, was vor mir liegt, wirklich in Angriff nehmen will. Irgendwas in mir wehrt sich, doch der Wille, den ersten Triathlon durchzustehen siegt.

Ich beobachte die Menschen um mich herum. 265 Athleten werden sich gleich mit mir messen. Durchtrainierte Oberkörper stehen neben weniger muskelbepackten Athleten – und mitten drin erfahre ich gerade, was Sportreporter wohl meinen, wenn sie von einem "Tunnelblick" sprechen. Genau vor einem Jahr bin ich ein paar Meter abseits gestanden, habe mein Startfoto geknipst, Stimmen gesammelt und später einen Artikel geschrieben – ganz gemütlich. Damals hat mich Organisator Markus Gerber gefragt, ob ich nicht auch mal mitmachen wolle, er würde mich dabei unterstützen. Damals habe ich gedacht, dass der nächste Rigolator noch weit weg ist. "Klar, ich bin dabei," habe ich cool geantwortet.

"Nur wer nicht schwimmen kann, trägt einen Neoprenanzug"

Mitte April diesen Jahres wird mir dann plötzlich bewusst, worauf ich mich eingelassen habe. Ich bin nicht unsportlich: Tennis und Fußball halten im Sommer meine Kondition in Schuss, doch die Aussicht, drei Ausdauersportarten ohne Pause hintereinander abspulen zu müssen, flößt mir Respekt ein.

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Neue Laufschuhe müssen her. Von Markus Gerber hole ich mir wichtige Insidertipps und schwimme, laufe, fahre, wann immer es Uni und Freundin zulassen. Natürlich habe ich keine Ambitionen auf eine vordere Platzierung, aber unnötige Zeit will ich auch nicht verschenken. Nachts um halb zwölf organisiere ich mir in einem Freiburger Club einen Neoprenanzug, dazu ein Rennrad und Schwimmunterricht bei den Riegeler Triathleten. "Wenn du Letzter wirst, siehst du dabei zumindest professionell aus," sagt ein Freund und liegt damit nicht ganz falsch.

Jetzt stehe ich am Start und bin mir nicht sicher, ob all die Vorbereitungen ausreichend waren. Hätte ich doch zumindest einmal die ganze Distanz simulieren sollen? "Noch eine Minute bis zum Start." Ich schiebe die Schwimmbrille nach oben. Jemand neben mit sagt: "Nur wer nicht schwimmen kann, trägt einen Neoprenanzug."

Zum Abschluss ein einziges Ringen mit dem Körper

Dann geht alles ganz schnell: Vor mir sprudelt das Wasser, eine Armee aus Gliedmaßen zuckt durch den See. Ich lasse den Schwimm-Cracks den Vortritt und versuche, locker hinterher zu kraulen. Als ich nach etwa 100 Metern zum ersten mal um mich blicke, bin ich umgeben von anderen Athleten – das beruhigt. Ab und zu spüre ich einen Arm oder ein Bein, doch die befürchtete Prügelei im Wasser habe ich geschickt vermieden – mindestens 100 Plätze gehen dafür drauf. Als ich die erste Boje erreiche, wird es schlagartig eng, an Kraulen ist nicht mehr zu denken. Mir wird klar, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, entspannt zu schwimmen: Entweder man ist Führender oder Letzter – beides kommt für mich nicht in Frage. Durchatmen, Kopf ins Wasser, weiterrudern – ein Rückenschwimmer zieht an mir vorbei. Als ich 300 Meter später aus dem Wasser steige, ist mein Puls, wie erwartet, nah am Limit. Die Rampe hinauf zur Wechselzone nutze ich, um meinem Herz etwas Ruhe zu gönnen. Später wird man mir nachsagen, ich sei "sehr gemütlich" aus dem Wasser gestiegen – mein Körper spricht in diesem Moment eine andere Sprache.

Neo raus, Brille, Helm und Schuhe dran – der Wechsel aufs Rad klappt problemlos. Viele liegen nach dem Schwimmen vor mir, beim Radfahren will ich mich nach vorne arbeiten. Doch das klappt nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Auf der ersten Radrunde kann ich niemanden hinter mir lassen. Ein oder zwei Fahrer überholen mich sogar noch. Am kleinen, aber giftigen Anstieg in Endingen zeigt sich dann der Nachteil von geliehenem Material. Ich kann nicht runterschalten und quäle mich mit letzter Kraft nach oben. Die zweite Runde nutze ich, um mich intensiv mit der Schaltung auseinanderzusetzen, beim zweiten Versuch am Anstieg rattert die Kette zwar etwas seltsam, doch ich kann zwei, drei Fahrer überspurten und fühle mich so gut wie seit dem Frühstück nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt haben mich der spätere Gesamtsieger Mike Müller auf seiner Scheibenrad-Rennmaschine und Jedermann-Sieger Damian Kallabis, Ex-Europameister über 3000 Meter Hindernis, bereits überrundet, doch damit kann ich gut leben. Runde drei läuft dann super, endlich mache ich ein paar Plätze gut.

"Für wenige Sekunden sind die Schmerzen einfach weg"

Ich denke zurück an abendliche Spurts entlang der Dreisam und sehe mich schon beim Lauf am Riegeler Publikum vorbeifliegen. Die Realität zeigt mir dann jedoch meine Grenzen auf. Schon als ich vom Rad absteige, spüre ich einen stechenden Schmerz in meiner Brust, der mich von nun an begleitet. Die Luft, die eigentlich ungebremst in meinen Körper strömen sollte, kommt nur noch ruckartig – die verflixte dritte Radrunde schießt mir durch den Kopf. Der Weg von der Wechselzone zum Wendepunkt an der Brauerei ist ein einziges Ringen mit meinem Körper, der mir signalisiert, dass er sich gerne ins Gras legen würde. Verschnaufpause an der Verpflegungsstation: Einen Becher kippe ich in mich hinein, zwei über mich drüber. Ein Krampf durchzuckt meine Wade, die Sonne brennt auf mich und meine Konkurrenten herunter. Das Wasser, das ich über mich kippe, läuft als salzige Brühe an meinem Mund vorbei. Die Hälfte der Laufdistanz ist absolviert, bis sich mein Körper endlich auf die Qual eingelassen hat. Wer Minuten zuvor noch locker an mir vorbei getrabt war, wird nun wieder eingeholt. Mein Kopf pocht, doch der psychologische Effekt der Überholmanöver treibt mich bis an die Grenze meiner Leistungsfähigkeit.

Etwa 15 Athleten lasse ich hinter mir und plötzlich sehe ich das Ziel vor mir. Für wenige Sekunden sind die Schmerzen einfach weg – die pure Erleichterung zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht, irgendjemand ruft meinen Namen und ich klammere mich ans Straßengitter. Mein Kopf brummt, ich kippe drei alkoholfreie Radler hinunter und fühle mich wie erschlagen und trotzdem wie der King persönlich. "Ich freu’ mich, dass du ins Ziel gekommen bist," ruft mir mein fünfjähriger Cousin zu. Nur ins Ziel zu kommen war eigentlich nicht mein Anspruch gewesen, doch nun bin ich hochzufrieden, einfach nur den Kampf gegen mich selbst gewonnen zu haben – mit 1:30 Stunden sogar 10 Minuten schneller als angepeilt. Gleichzeitig frage ich mich, wie Mike Müller und Co diese Distanz in knapp über einer Stunde bewältigen. Ich bin tief beeindruckt und tropfnass. An meinem Bein zeichnet sich ein braun-weißer Kontrast ab. Die Erinnerung an eine beeindruckende Erfahrung irgendwo zwischen Schmerzen, Stolz und ein wenig Selbstüberschätzung.

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Autor: David Seitz