Wawrinka, der Wankelmütige

Jörg Allmeroth

Von Jörg Allmeroth

Mo, 14. November 2016

Tennis

Bei der ATP-WM in London haben alle den Schweizer auf der Rechnung – doch die Erfolge des 31-Jährigen sind nicht vorhersehbar.

LONDON. Und da ist sie wieder, die ewige Frage. Auch in London. Die Frage, welchen Stan Wawrinka man auf dem Centre Court zu sehen bekommt. Den Durchschnitts-Wawrinka, der kaum auffällt im Kreis der Berufsspieler, schwankend und eher unstabil im Auftritt. Oder den Superhelden Stan, den Mann, der keine Grenzen und Gegner zu kennen scheint, herausragend in seiner Statur. Bereit und willens, auch das Unmögliche in Angriff zu nehmen.

London, die ATP-WM, das Saisonfinale der acht Besten: Es wird sich ins Rätselspiel mit dem derzeit besten Schweizer Tennisspieler einreihen. Denn auch im Jahr 2016 hat Wawrinka, die Nummer drei der Weltrangliste, frische Beweise seiner unheimlichen Unberechenbarkeit geliefert, auch seiner noch immer fehlenden Konstanz auf ganz hohem Niveau. Gerade im Herbst hat der ehemalige Mann im Schatten von Roger Federer mit seiner Form, vielleicht auch vereinzelt mit Motivationsproblemen gekämpft, jedenfalls verlor er nach dem triumphalen US-Open-Sieg bei seinen folgenden Engagements in Hallenpalästen in Asien und Europa gegen meist deutlich tiefer eingestufte Konkurrenz – in Paris war es zuletzt der Westfale Jan-Lennard Struff, die Nummer 91 der Weltrangliste. Anschließend sagte Wawrinka, er fühle sich müde und matt. Zuvor hatte er auch schon gegen die Zverev-Brüder verloren, in St. Petersburg im Endspiel gegen Teenager Alexander, bei den Swiss Indoors in Basel im Viertelfinale gegen dessen Bruder Mischa.

Das Paradoxe bei Wawrinka ist: Nichts von dieser Historie erlaubt einen Aufschluss, was nun in London passieren wird. Wie stets kann alles Mögliche und Unmögliche eintreffen bei dem 31-Jährigen – er könnte als ungeschlagener Champion triumphieren oder auch in der Vorrunde ausscheiden. Allerdings bleibt festzuhalten: Seine besonderen Coups und sein besonderes Leistungsniveau hebt sich der inzwischen altgediente Tennisnomade zunehmend gern für die Topturniere auf – ganz schwache Leistungen hat man bei Grand Slams oder auch der WM zuletzt nur noch selten gesehen.

Beim Saisonfinale im Londoner Osten rückte Wawrinka bei allen seinen drei zurückliegenden Starts ins Halbfinale auf, holte sich dabei stets zwei Vorrundensiege. Nun stellt sich die Frage, ob der Mann aus der Romandie in den erwarteten Zweikampf zwischen dem neuen Nummer-eins-Spieler Andy Murray und dem abgelösten Branchenführer Novak Djokovic eingreifen kann. Ob er, ähnlich wie in New York, wieder einmal als jäher Sieger über die Ziellinie laufen kann, gegen die Erwartung von Experten – und manchmal auch gegen die Erwartung von sich selbst. "Ich bin wieder zufrieden mit meiner Verfassung. Und ich habe mir einiges vorgenommen hier", sagt Wawrinka vor seinem ersten Gruppenspiel am Montagnachmittag gegen den Japaner Kei Nishikori. Das zweite Gruppenduell findet abends zwischen Murray und dem formstarken Kroaten Marin Cilic statt. Cilic könnte der größte Gegenspieler Wawrinkas um einen Platz im Halbfinale sein – vorausgesetzt, Murray dominiert die Vorrundengruppe.

Wawrinka hat seine Karriere spät, aber noch rechtzeitig mächtig veredelt. In den vergangenen drei Jahren gewann er stets ein Grand Slam-Turnier, wurde selbst Bestandteil der Tennis-Nomenklatura an der Spitze. Er war auch der eigentliche Garant für den Schweizer Davis-Cup-Triumph, nicht Federer, der lange Zeit überlebensgroße Kollege und Freund. Wimbledon, aber eben auch die WM, das Treffen der Besten, fehlen noch in seinem Erfolgsportfolio. Alle haben ihn irgendwie auf der Rechnung in London. Die Fachwelt, seine Mitspieler, die Medien. Allen ist klar: Auf der Höhe seiner Kunst und Kraft ist Wawrinka, der Wankelmütige, unantastbar. Selbst gegen Murray. Selbst gegen Djokovic.