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19. April 2012

"Ein Nickerchen ist die perfekte Vorbereitung"

BZ-INTERVIEW mit dem Kombinierer Fabian Rießle, der gerne kurz vor einem Wettkampf einschläft, um dann putzmunter in die Weltspitze zu stürmen.

  1. Tiefer sitzen, weiter segeln. Auf der Schanze gelang Fabian Rießle eine sprunghafte Entwicklung. Foto: dapd

  2. Nur einen Wimpernschlag weg vom Weltcupsieg stand Rießle im französischen Chaux Neuve als Dritter auf dem Treppchen. Foto: afp

  3. Vorneweg in die Kombinierer-Weltspitze: Fabian Rießle beim Weltcup-Rennen in Klingenthal Foto: dpa

SKI NORDISCH. Nur die Ruhe. Das Ereignis, das den Nordischen Kombinierer Fabian Rießle aus der Fassung bringt, muss erst noch erfunden werden. Während seine Fans völlig aus dem Häuschen sind, wenn sie auf den vergangenen Winter zurückblicken, in dem der Breitnauer mit zwei dritten Plätzen im Weltcup und Rang 14 in der Gesamtwertung aufhorchen ließ und um einen Wimpernschlag an seinem ersten Weltcupsieg vorbeischrammte, bleibt der 21-Jährige entspannt. BZ-Redakteur Johannes Bachmann unterhielt sich mit dem Sportsoldaten über Vertrauen und Schlafmützigkeit zur rechten Zeit.

BZ: Sie dienen derzeit in einer Kaserne in Hannover. Kompanie aufstehn! Ist das im Moment Ihr Lieblingssatz?
Rießle: In der Grundausbildung vor einem Jahr war das mit dem frühen Aufstehen noch ein Problem. Aber jetzt bin ich mit anderen Sportsoldaten auf einem Unteroffizierslehrgang. Ziel ist, dass ich Feldwebel werde. Erstes Antreten ist um viertel nach sieben. Das ist für Militärs wirklich human.

BZ: Was ist härter, Drill im Dreck oder die Kombination aus Sprung und Lauf?

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Rießle: Reine Gewöhnungssache. Wenn man mit dem Soldatsein nicht so viel am Hut hat, sind die ersten Wochen beim Bund immer wieder neu und ungewöhnlich. Wenn’s draußen regnet und stürmt, ist das Robben im Morast kein Vergnügen. Da zieh’ ich den Unterricht im Trockenen vor. Der Lehrgang dauert noch bis 1. Juni.



BZ: Sie sind gemeinsam mit Ihrem Breitnauer Teamkollegen, dem Biathleten Benedikt Doll, beim Bund. In einer Stube?
Rießle: Klar, wir sehen uns. Aber jeder hat eine Einzelstube.

BZ: Klingt nach Luxus.

Rießle: Kann man so sehen.

BZ: Hinter Ihnen liegt eine wundersame Weltcup-Saison mit zwei Podestplätzen und Rang 14 in der Weltcup-Gesamtwertung. Hätten Sie davon vor dem Winter zu träumen gewagt?
Rießle: Nein, nie. Ich hab’ mir zwar vorgenommen, im Weltcup immer mal wieder den Sprung in die Punkte zu schaffen und auf Rang 30 oder vielleicht sogar mal als 25. zu landen, aber dass es so toll laufen würde, hab’ ich nicht erwartet. So was lässt sich ja nicht planen.

"Nach Lillehammer konnte

ich leichtfüßig durch

den Winter tänzeln."

Rießle über sein Nikolaus-Abenteuer
BZ: Wann haben Sie gespürt, das wird ein ganz besonderer Winter?

Rießle: Das war nach den Rängen acht und sechs bei den Weltcups Anfang Dezember im norwegischen Lillehammer. Da ist die ganze Last von mir abgefallen. Plötzlich war ich ja mitten drin unter den Weltbesten. Ich musste mir keine Gedanken mehr machen über meinen Kaderstatus, das war unglaublich befreiend. Ich hab’ mich federleicht gefühlt. Das war kurz vor dem Nikolaustag. Von jetzt an, hab’ ich mir gesagt, ist alles Zugabe. Nach Lillehammer konnte ich leichtfüßig durch den Winter tänzeln.

BZ: Was war für Sie im Wettkampf der bewegendste Moment?
Rießle: Das war beim Weltcup in Frankreich. Es war unglaublich, in dieser Riesengruppe in Chaux Neuve auf die Ziellinie zuzustürmen. Mir hat ja nur eine Zehntelsekunde zum Weltcupsieg gefehlt, weil mir Olympiasieger Lamy-Chappuis ganz clever die Tür zugemacht hat. Ich musste nach links ausweichen. Das war der eine Schritt zu viel. Aber nach der ersten Enttäuschung hab’ ich mich riesig über Rang drei gefreut.

BZ: Wann steht Fabian Rießle ganz oben und gewinnt als erster Schwarzwälder einen Einzelweltcup?

Rießle: Schau’n mer mal, was der nächste Winter so bringt.

BZ: Ihre Kraft, Ihre Zuversicht, Ihr Können, kommt das allein aus Ihrem Innersten, oder gibt es Menschen, ohne die Sie nie so weit gekommen wären?

Rießle: Da haben viele Leute ihre Finger im Spiel gehabt. Geformt und gefördert haben mich meine Breitnauer Heimtrainer Albert Zähringer und Ernst Wursthorn. Dann kam ich in die Hände von Ralf Rombach. Und seit zwei Jahren ist mein Bruder Philipp der Mann, der die Richtung vorgibt. Er hat es geschafft, mein Leistungsvermögen spürbar zu steigern.

BZ: Gibt es jemanden, dem Sie bedingungslos vertrauen, weil er Sie besser kennt als Sie sich selbst?

Rießle: Das ist der Philipp, ganz klar. Er kann in mich hineinhören. Er weiß, wovon er redet. Trotz aller Ernsthaftigkeit im Training schafft er es, locker zu bleiben. Das ist eine Kunst, weil er mit mir auch mal hart und konsequent sein muss. Es ist schwer, sich als Athlet immer am Riemen zu reißen, umso wichtiger ist es, da einen neben sich zu haben, der weiß, wie es sich anfühlt, als Sportler auch mal zu leiden. Der Philipp war früher selbst ein prima Kombinierer.

BZ:
Im Langlauf Weltklasse, im Springen nur Mittelfeld in der zweiten Liga, das war Fabian Rießle vor einem Jahr. Im Winter 2011/12 zählten Sie plötzlich auf der Schanze zu den Besten. Wie gelang diese sprunghafte Entwicklung?
Rießle: Das ging gar nicht so schnell. Unter Ronny Ackermann, der ja als Bundestrainer Nachfolger von Hermann Weinbuch werden soll, hab’ ich im vergangenen Sommer im Nationalteam sehr viele Sprunglehrgänge absolviert. Der Ronny hat mir gesagt, ich soll in der Anfahrtsposition tiefer sitzen. Er hat an meinem Sprungstil gefeilt. Dann hab’ ich noch ein bisschen abgenommen. Und plötzlich hat’s klick gemacht auf der Schanze.

BZ: Sind Sie ein Sturkopf, der nur auf sich und seine Stärke vertraut, oder nehmen Sie Kritik dankbar an?
Rießle: Es gibt schon Momente, da denk’ ich, was will denn der, wenn mich einer so von der Seite angeht. Aber eigentlich bin ich sehr empfänglich für Fingerzeige. Wenn mir einer zeigt, was ich besser machen und wie ich Fehler beheben kann, bin ich wirklich dankbar.

BZ: Kombinierer gelten als die Könige des nordischen Skisports. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung werden sie stiefmütterlich behandelt. Sind Sie neidisch auf die Medienpräsenz der Biathleten, die im Fernsehen alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Rießle: Was heißt neidisch? Die Biathleten haben in den vergangenen Jahren einen Raketenstart hingelegt. Was dahinter kommt, ist für das Fernsehen egal. Ich find’s schade, dass die TV-Anstalten diktieren, was wann gesendet wird und rigoros die Startzeiten vorgeben.

BZ: Ist das Fernsehen mehr Gegner als Partner der Kombinierer?

Rießle: Es wäre schön, wenn wir Sportler, wenn es um TV-Übertragungen geht, auch mal gefragt würden, wie wir uns denn so eine Sendung wünschen. Aber da gibt es null Kommunikation. Wenn das Fernsehen live übertragen will, wird der Wettkampf durchgezogen, egal ob’s jetzt stürmt oder schneit.

BZ: Was muss sich ändern?

Rießle: Die Kombinierer sind dem Fernsehen mit den neuen Wettkampfformen sehr entgegengekommen. Es gibt ja nur noch einen Sprung und damit eine kürzere Übertragung. Aber die Zeit, die da eingespart wird, könnte beim Kombinationslanglauf, von dem ja meist nur die letzten zehn Minuten zu sehen sind, draufgeschlagen werden. Unsere Rennen sind vom Start bis ins Ziel viel spannender als jeder Biathlon-Einzelstart. Bei uns ist auf jedem Kilometer Skatingpiste Alarm.

BZ: Sie haben 25 Weltcups in viereinhalb Monaten bestritten, das bedeutet Reisestress und Leben aus der Sporttasche. Erinnern Sie sich an Ihre mieseste Unterkunft?
Rießle: Im Weltcup sind die Hotels schon ganz ordentlich. Aber vor einem Jahr im Continentalcup war’s manchmal grauslig. Da gab’s schon üble Absteigen, vor allem in Frankreich.

BZ: Gibt es, unterwegs mit dem DSV-Team auch mal so etwas wie Lager-Koller?
Rießle: Wir haben ja keine Frauen dabei. Das macht es leicht. Bei uns zickt niemand rum. Wir kommen alle super miteinander aus.

BZ: Brauchen Sie Trubel, oder genießen sie auch einfach mal nur die Ruhe beim Chillen auf dem Sofa?
Rießle: Ich mag’s entspannt. Ich hau’ mich gern für ein Mittagsschläfchen aufs Ohr. Es kommt auch schon mal vor, dass ich vor einem Wettkampf auf meiner Dehnungsmatte einpenne. Ein kurzes Nickerchen in der Umkleidekabine ist die perfekte Vorbereitung.

BZ:
Profi-Fußballer verdienen Millionen. Kann man als Kombinierer reich werden?
Rießle: Es kommt drauf an, wie man reich definiert. Wenn man gut ist, ein bisschen Preisgeld verdient, auch ein paar Sponsoren hat und dann noch bei der Bundeswehr ist, dann kann man schon gut leben.

BZ: Sie werben auf Ihrer Mütze für den Hochschwarzwald. Stehen die Sponsoren bei Ihnen Schlange?
Rießle: Schön wär’s. Da gibt’s noch viel Luft nach oben.
BZ: Was ist für Sie ein perfekter Wintertag?

Rießle: Morgens in St. Märgen zu Hause sein. Rausschauen auf 30 Zentimeter Neuschnee, der über Nacht gefallen ist, in die glitzernde Sonne blinzeln und dann nach einem gemütlichen Frühstück mit den Skiern ins frische Weiß.

BZ: Cocktails schlürfen und schnorcheln im Meer. Sie waren jüngst zum Nichtstun in der Dominikanischen Republik. Hand aufs Herz, muss es einen Sommer geben?
Rießle: Unbedingt. Ohne Sommer wär’ der Winter mit all dem Wettkampfstress nicht auszuhalten. Es ist schön, auch mal mit freiem Oberkörper trainieren zu können. Das geht im Schwarzwald selten genug.

"Just for fun. Ohne

Spaß ist alles nix."

Rießle über sein Lebensmotto
BZ: In 22 Monaten beginnen die Winterspiele in Sotschi. Denken Sie schon an Olympia in Russland?
Rießle: Ach, das ist so weit weg. Da mach ich mir noch keinen Kopf. Wenn ich’s zu Olympia schaffe, ist das toll und wenn nicht, dann nicht.

BZ: Nach dem Winter ist vor dem Winter. Wann beginnt Ihre Saisonvorbereitung?
Rießle: In zehn Tagen geht’s wieder los mit den langen Trainingseinheiten.

BZ: Ihr Lebensmotto?

Rießle: Just for fun. Ohne Spaß ist alles nix.

ZUR PERSON: FABIAN RIEßLE

Geboren am: 18. Dezember 1990

Geboren in: Freiburg

Größe: 1,72 Meter

Gewicht: "Leicht genug" findet Rießle.

Der für die SZ Breitnau startende Sportsoldat aus St. Märgen lebt in einer Freiburger Sportler-WG. Mit zwei dritten Plätzen beim Weltcup im französischen Chaux Neuve feierte er die bisher größten Erfolge seiner Karriere als Nordischer Kombinierer. Nach 25 Weltcups wurde er in der Gesamtwertung auf Rang 14 notiert.  

Autor: jb

Autor: jb