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29. September 2011

Eliteschule ohne Platz für Eitelkeiten

Das Skiinternat Furtwangen beherbergt 32 Wintersportler, deren Zukunft in drei schmucklosen Durchgangszimmern geplant wird.

  1. Starkes Team: Zehn Trainer und Internats leiter Niclas Kullmann kümmern sich um 32 Athleten des SKIF-Jahrgangs 2011/12. Foto: Heimpel/Bachmann(2)

  2. Niklas Wangler fühlt sich am Skiinternat zu Hause. Der 18-jährige Skispringer der SZ Breitnau freut sich nach seinem Triumph beim Alpencup völlig entspannt auf den kommenden Winter.

  3. Der Chef im Internatskeller, in dem sinniert und für den Erfolg geschwitzt wird: SKIF-Leiter Niclas Kullmann

  4. Starkes Team: Zehn Trainer und Internatsleiter Niclas Kullmann kümmern sich um 32 Athleten des SKIF-Jahrgangs 2011/12. Foto: Heimpel/Bachmann(2)

SKISPORT. Deutschland sucht den Superstar. Am liebsten im Fernsehen. Mühelos soll der Sieg gelingen. So geschieht, was einem schnuppe sein darf. Die Sternchen verglühen. Wer wirklich ein Großer werden will, der muss Talent mit Schweiß und Hirnschmalz kombinieren. Das geht nur mit solider Anstrengung in einem ebenso professionellen wie familiären Umfeld, bei dem Bodenhaftung Tugend Nummer eins ist – zum Beispiel in Furtwangen: Am Skiinternat (SKIF) versuchen in diesem Schuljahr 32 junge Langläufer, Biathleten, Skispringer und Kombinierer, darunter vier Mädchen, Hochleistungssport und Schulausbildung zu kombinieren.

Das SKIF ist eine Institution mit sensationeller Erfolgsquote: Die Biathletin Simone Hauswald (damals noch unter ihrem Mädchennamen Denkinger) und der frisch gebackene Junioren-Weltmeister Benedikt Doll sowie die Olympiasieger Georg Hettich, Martin Schmitt und Sven Hannawald wurden hier ausgebildet. Seit 30 Jahren sind SKIF-Sportler weltweit auf Spitzenplätzen zu finden. Und doch stand das Skiinternat zu Beginn des vergangenen Jahres vor dem Aus, weil sich der Salesianerorden, der das Don-Bosco-Wohnheim betrieb, in dem die SKIF-Sportler Kost und Logis erhalten, aus Furtwangen zurückzog. Der Kampf um den Fortbestand gestaltete sich zäh, die drei baden-württembergischen Skiverbände schacherten um Zuständigkeiten und Zuschüsse. Auf der Strecke zu bleiben drohten junge Sportler mit außergewöhnlichen Perspektiven. Doch dann gelang die Rettung. Seit einem Jahr betreiben der Internationale Bund (IB), die Stadt Furtwangen und die Stiftung Olympia-Nachwuchs das SKIF als Trägergesellschaft. Mit Augenmaß und knappen Ressourcen.

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"Die Jungen und Mädchen

haben einen Traum, aber

keine Ahnung, wie sie ihn

erleben sollen."

SKIF-Leiter Niclas Kullmann

Das SKIF ist mit Brief und Siegel "Eliteschule des Sports". Ein Titel mit Anspruch. "Manche Besucher erwarten hier ein Hotel", sagt Bernadette Burt, die Pä- dagogik-Chefin, die mit ihrem Helferteam schon mal Vater und Mutter gleichzeitig ersetzen muss, wenn die jungen Athleten Sorgen oder einfach nur Heimweh haben. Die Sportler-Zimmer, der Speisesaal und der Eingangsbereich der Jugend-Herberge sind so schlicht wie das Furtwanger Wetter an einem nebligen Novembertag.

Wer zu SKIF-Leiter Niclas Kullmann will, sucht vergeblich nach einem voll verglasten Hochglanzbüro mit repräsentativem Blick übers Bregtal. Der 37-jährige ehemalige Kombinierer, am Otto-Hahn-Gymnasium Lehrer mit halbem Deputat für Sport und Englisch, aufgewachsen in Isny und seit 13 Monaten SKIF-Chef Nummer sechs, residiert nicht. Er hockt an der Basis. Als Nachfolger von Urban Hettich (der vor 30 Jahren mit vier Sportlern die erste SKIF-Generation betreute), Martin Schartel, Klaus Faißt, Albert Wursthorn sowie Dieter Moll.

Kullmann, der auf jedem Laufsteg eine gute Figur machen würde, sitzt im Keller, zwischen Heizungsrohren in einem Kabuff, in das im Winter (und den kennen Furtwanger zu jeder Jahreszeit), kaum Tageslicht dringt. Um in Kullmanns Kämmerlein zu kommen, muss man durch einen schlauchähnlichen Schlund aus drei Durchgangszimmern – in denen es summt wie in einem Bienenstock. Biathlon-Trainer Roman Böttcher schäkert im Türsturz mit der Skijägerin Annika Knoll, die aus Friedenweiler ins Internat umgezogen ist, Skisprung-Landestrainer Hans-Paul Herr tüftelt an Bewegungsmustern – und an einem klapprigen Tischchen tuschelt Bundes-Nachwuchstrainer Rolf Schilli mit dem 17-jährigen Breitnauer Weitenjäger Niklas Wangler, der jüngst völlig losgelöst im slowenischen Kranj den besten Alpencup-Springern davongeflogen ist – und am vergangenen Wochenende beim Continentalcup in Klingenthal vor Weltklassespringer Michael Neumayer landete. "Locker bleiben", befiehlt Schilli. "Und Spaß haben."

Der U-Boot-enge Keller der Tüftler ist ein Ort, der Churchill gefallen hätte. Es riecht nach Schweiß. Weil hier gearbeitet wird. Hier wird auch mal geweint. Wenn nach verpatztem Wettkampf getröstet werden muss. Und es wird manchmal geblutet, zweimal um die Ecke neben dem Denker-Schlauch in der SKIF-Sporthalle, beim gemeinsamen Fußballspiel. Auch die vier Mädchen unter den 28 Jungs kennen da keine Hemmungen: "Annika Knoll geht keinem Pressschlag aus dem Weg", sagt Kullmann. An den Wänden im Schlauch: Trainingspläne. Und plakatgroße Stundenpläne aller SKIF-Sportler – dicke schwarze Striche markieren nicht nur Tage, sondern Wochen. Mitten in der Schulzeit. Jeder SKIFler kennt diese Striche. "Das sind die Fehltage, die jeder Sportler in der Trainings- und Wettkampfphase nun mal hat", sagt Kullmann. Skisprung-Trainer Wolfgang Steiert nickt zustimmend und beugt sich wieder über seinen Laptop – aus dem, als der Besucher neugierig kurz mal draufschauen will, flugs ein Zuklapp-Rechner wird. Details über Skier, Springeranzüge, Bindungssysteme sind nichts für dreiste Kiebitze. Steiert, den Kullmann "unseren Material-Guru" nennt, sitzt da, als habe er nie etwas anderes getan.

"Oft ist es besser, zwei

Schritte zurückzugehen,

um vorwärts zu kommen."

Trainer Wolfgang Steiert
"Ich fühl’ mich wohl hier", sagt der Mann, der die Welt aus der Glashaus-Perspektive kennt. Früher war Steiert kongenialer Co. von Reinhard Heß, dann Skisprung-Bundestrainer und schließlich bis vor 18 Monaten Nationalcoach der russischen Weitenjäger. Ohne den Hinterzartener wären die Höhenflüge eines Martin Schmitt und Sven Hannawald nicht möglich gewesen. "Weltklasse bei der Arbeit am Mann" sei Steiert noch immer, hat Rolf Schilli erkannt. "Ich mach’ ja nix anderes, als vorher in meinem Job", erklärt Steiert, der einst im Zorn dem Deutschen Skiverband (DSV) den Rücken kehrte – und sich jetzt nach dem russischen Intermezzo ("zum Schluss war da keine Freude mehr") wieder willkommen fühlt: "Es gibt beim DSV keine negativen Strömungen mehr." Großes Vertrauen habe er in die jungen SKIF-Athleten, "weil da soviel Begeisterung ist". Behutsam will Steiert vorwärts helfen – und das geht bisweilen, wenn die jungen Flieger mit zu viel Ungestüm den Erfolg erzwingen wollen, nur mit Stillstand: "Oft ist es besser, zwei Schritte zurückzugehen, um vorwärts zu kommen."

Allerdings braucht es manchmal auch Anschubhilfe, weil (nicht nur) junge Menschen "nun mal die Tendenz zum Durchhänger" hätten, wie Niclas Kullmann aus Erfahrung weiß. Der kommt oft nach den ersten großen Erfolgen. Und ist dem Nordischen Kombinierer Janis Morweiser vom SC Oberstdorf nicht fremd. Ende Januar 2010 erlebte er die bislang aufregendste Woche seines Lebens, gewann bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Hinterzarten zuerst Bronze und Silber im Einzelwettkampf – und schließlich Team-Gold mit seinem Breitnauer SKIF-Kumpel Fabian Rießle. Danach fühlte sich Morweiser sehr wohl – und blieb im vergangenen Winter in seiner Entwicklung stehen. Das muss kein Fehler gewesen sein, weil es ein Innehalten war, mit Zeit, nach vorne zu blicken. "Der Janis ist ein Faszinosum", sagt Niclas Kullmann. "Wenn er will, kann er Höchstleistungen auf den Punkt abrufen." So wie vor zwei Wochen beim Finale des Sommer Grand Prix der Kombinierer in Oberstdorf, das Morweiser, der im Frühjahr an der Robert-Gerwig-Schule sein Abitur machen will, inmitten der Weltelite auf Rang neun beendete.

Die Treppe, die hinunter führt zum dreigeteilten Trainer-Büro, ist ausgetreten. Weil die Sportler gern in den Tüftler-Keller kommen. Weil sie sich hier verstanden fühlen, wie Niklas Wangler: "Hier ist es so toll wie zu Hause." Weil es von hier unten im Skiinternat, vollgepackt mit Ideen der Trainer und bisweilen mahnenden Worten, nur nach oben gehen kann. "Die Jungs und Mädchen, die zu uns ins Skiinternat kommen, haben einen Traum, aber keine Ahnung, wie sie ihn erleben sollen", berichtet Niclas Kullmann. "Deshalb vertrauen sie zu 100 Prozent auf die Trainer." Die Hauptaufgabe bestehe darin, jeden einzelnen der 32 Athleten so zu erziehen, dass er lerne, das Beste aus sich herauszuholen.

Das Beste wird nur für wenige SKIF-Schüler die Weltspitze sein. "Ziele gibt es auch im Deutschlandpokal", sagt Kullmann, der sowohl den Sport als auch die schulische Ausbildung am Otto-Hahn-Gymnasium (mit Realschulzug) und der Robert-Gerwig-Schule im Auge hat. "Ich will nach drei, vier Jahren nicht frustrierte Menschen mit geplatzten Träumen wegschicken."

Zufriedene Menschen will Kullmann formen. Ohne Starallüren.

Sportler am SKIF

Langlauf: Luca Winkler (SZ Römerstein), Michael Fehrenbach (SC St. Märgen), Josua Strübel (SC Seebach), Jonas Emrich (SZ Brend).

Biathlon: Lukas Rombach (SC Wehr), Alexander Ketzer (SZ Uhingen), David Pfeil (DAV Ulm), Leonhard Knöller (DAV Ulm), Sebastian Weber (SC Gosheim), Natalie Asal (SC Todtnau), Annika Knoll (SV Friedenweiler), Luca Schweiger (DAV Ulm), Paul Reichert (DAV Ulm), Nicola Sprung (SZ Uhingen), Alina Waldvogel (WSG Feldberg), Simon Klein (WSV Schömberg), Nico Ketterer (SC Schönwald).

Skisprung: Manuel Fritsche (SV Meßstetten), Tobias Löffler (ST Schonach-Rohrhardsberg), Oliver Kamienski (WSV Isny), Niklas Wangler (SZ Breitnau), Felix Kleis (SZ Breitnau), Sven Lehenberger (WSV Isny), Michael Klöckner (SV Meßstetten).

Nordische Kombination: Janis Morweiser (SC Oberstdorf), Tobias Simon (SZ Breitnau), Philip Burchartz (SC Langenordnach), Tobias Haug, Markus Sommerhalter, Sebastian Welle, Petrick Hamann, Sebastian Pfau (alle SV Baiersbronn).

Externe SKIF-Kadersportler:

Ramona Fehrenbach, Jenny Wehrle (bd. Biathlon), Selina Kammerer, Snowboard (alle SC Schönwald). Langlauf: Alexander Wilde (SV Friedenweiler), Johannes Schwormstädt (SC St. Peter), Markus Ringwald, Fabian Ringwald (bd. ST Schonach-Rohrhardsberg).

Dazu kommen 16 weitere Kader-Sportler, die in Furtwangen wohnen und/oder studieren und am SKIF trainieren, darunter Biathlet Benedikt Doll (Breitnau).

SKIF-Trainerstab

Langlauf: Frank Grüber, Dieter Notz.

Biathlon: Dirk Scheja, Ina Metzner, Roman Böttcher.

Skisprung: Rolf Schilli, Hans-Paul Herr, Wolfgang Steiert.

Nordische Kombination: Danny Winkelmann, Albert Wursthorn.  

Autor: jb

Autor: Johannes Bachmann