"Er hat das Zeug, ein Großer zu werden"

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Di, 02. Januar 2018

Skispringen

Der junge Schwarzwälder Skispringer David Siegel überwindet schwere Rückschläge und bewahrt sich seinen Optimismus / In Österreich aber nicht dabei.

GARMISCH-PARTENKIRCHEN. David Siegel folgt einer guten Schwarzwälder Tradition. Er misst Silvester keine hohe Bedeutung bei, sondern geht schon vor Mitternacht schlafen. "Ich werde in meinem Leben noch einige Silvester erleben", sagt er. "Aber keiner weiß, wie viele Neujahrsspringen ich noch erleben werde."

Siegel, 21, ein deutsches Top-Talent, kennt die Bedeutung des Wettbewerbs, der pünktlich zum 1. Januar eines jeden Jahres Millionen Menschen vor die Fernseher lockt. Viele sind noch leicht benommen von den Ereignissen der vergangenen Nacht, und sie wollen dann Menschen fliegen sehen, Menschen wie Siegel, die es vermögen, sich wie ein Vogel auf die Luft zu legen und mit ihren Skiern eine Auftriebsfläche zu erzeugen, die sie weit zu Tal segeln lässt, getragen von diesem unsichtbaren Element, das eine ganz geringe Dichte aufweist und sehr trügerisch sein kann. Siegel liebt es, sich auf diese Luft zu legen, er geht dafür sogar ganz früh schlafen, auch an Silvester, wie es in früheren Zeiten etwa der Schonacher Alexander Herr zu tun pflegte in Garmisch-Partenkirchen und viele andere Vertreter seines Sports.

Zwei Jahre ist es nun her, dass ein kleiner Stern aufging am deutschen Skispringer-Himmel, er hieß David Siegel. Auf Platz 16 sprang der damals 19-Jährige, lächelte unbekümmert in die Kameras und machte zum ersten Mal international auf sich aufmerksam. "Ich habe natürlich sehr gute Erinnerungen an diesen Tag", sagt der Schwarzwälder heute. Bundestrainer Werner Schuster erkannte das Talent, und Horst Hüttel, der Sportliche Leiter für das Skispringen und die Nordische Kombination im Deutschen Ski-Verband, schwärmte von den "grandiosen körperlichen Voraussetzungen" des jungen Mannes. Siegel sei erstens sehr leicht. Er ist 1,82 Meter groß und nannte damals als aktuelles Gewicht 63 Kilogramm. Zweitens schwärmte Hüttel aber auch von den "sehr guten Sprungkraftwerten" des Athleten. "David hat tolle Hebel. Wenn er sich wirklich trifft an der Kante..."

Siegel erzielte weitere Treffer an der Kante, der Bundestrainer berief ihn mehrmals ins Weltcup-Team. Bis der November 2016 kam. Da verletzte sich Siegel am linken Sprunggelenk, und die Schmerzen waren so extrem, dass sie ihn monatelang zwangen, am Boden zu bleiben. Siegel nutzte die Zeit. Er verließ sein Elternhaus im kleinen Dürrenmettstetten und zog nach Titisee-Neustadt um. Die Schmerzen begleiteten ihn. "Ich hatte wirklich genug Zeit, meine neue Wohnung einzurichten", sagt er der Badischen Zeitung in Garmisch-Partenkirchen. Doch Siegel lächelt dabei, er ist ein klarer und freundlicher und positiver junger Mensch, er lernt aus Rückschlägen ebenso wie aus seinen Erfolgen.

Erst im Herbst 2017 konnte er endlich wieder richtig trainieren mit seinen Schwarzwälder Teamkollegen Andreas Wank und Stephan Leyhe im Schanzenzentrum Hinterzarten. Wäre alles gut gegangen, dann wäre Siegel jetzt auch ein heißer Kandidat für Olympia. Doch seine Leistungen an der Schanze schwanken, und die Frage, was ihm zu der Stadt Pyeongchang im Augenblick einfällt, beantwortet er so, als wäre er noch der unbekannte junge Nachwuchsspringer aus dem Nordschwarzwald: "Pyeongchang? Olympia natürlich. Der große Traum eines jeden kleinen Kindes."

Dieter Thoma, der Team-Olympiasieger aus Hinterzarten, sagte schon vor zwei Jahren: "David Siegel hat das Zeug, ein Großer zu werden." Thoma kann das ruhig sagen, er muss sich nicht sorgen, dass dem jungen Siegel die Vorschusslorbeeren zu Kopf steigen würden. Der Schwarzwälder ist so geerdet, wie es ein Schwarzwälder nur sein kann, diszipliniert und selbstkritisch. Auf 126,5 und 123,5 Meter fliegt er an Neujahr in Garmisch-Partenkirchen, sein nächstes Weltcup-Abenteuer endet auf dem 28. Platz. "Er hat einen guten Schritt gemacht", urteilt Bundestrainer Schuster. "Aber er ist noch zu wacklig in seiner Form." Schuster beordert Siegel daher in den Continentalcup zurück. Ein Gutes hat es: Die Schwarzwälder Fans werden ihr Top-Talent am 7. und 8. Januar beim Continentalcup in Titisee-Neustadt fliegen sehen.