"Es gibt wichtigeres als Skirennen"

Marius Buhl

Von Marius Buhl

Mi, 03. Januar 2018

Ski Alpin

Das Slalom-As David Ketterer aus Villingen-Schwenningen ist nach Verletzungen von Felix Neureuther sowie Stefan Luitz Olympia-Kandidat / Bruder starb bei Unglück.

MÜNCHEN. Vor einigen Wochen, beim Weltcup-Slalom im finnischen Levi, erschien ein junger Deutscher bei der Fotostelle des Internationalen Ski-Verbands (FIS). Er sei neu, sagte der Deutsche, und müsse noch sein Foto machen lassen. Jenes Foto, das die TV-Sender einblenden, ehe sich ein Skirennfahrer auf die Piste katapultiert, links unten am Bildschirm, ohne Helm, ohne Brille, damit ihm die Zuschauer ins Gesicht blicken können. Der junge Deutsche war vorbereitet. Die Haare hatte sein Mitbewohner ihm blond gefärbt. Er hatte sich einen Schnauzbart stehen lassen – und diesen schwarz gefärbt. Bei ihm war die US-Skifahrerin Resi Stiegler, die ihm noch die Frisur verwuschelte. Dann grinste der junge Deutsche.

David Ketterer, 24, aus Villingen-Schwenningen ist Skirennfahrer. Der Plan sah eigentlich vor, dass er ein paar Jahre im Schatten eines Felix Neureuthers und eines Stefan Luitz’ Erfahrung sammeln soll. Nun fehlen Luitz und Neureuther, jeweils mit Kreuzbandriss. Und der Blick wird plötzlich frei auf die Talente dahinter. Und auf deren Geschichten. David Ketterer mag ein lustiger Kerl Mitte zwanzig sein. Im Leben aber hat er deutlich mehr durchgemacht, als sein Humor und sein Alter es erahnen lassen.

Als vor zwei Wochen der 17-jährige Deutsche Max Burkhart bei einem Nachwuchsrennen in Lake Louise in Kanada ums Leben kam, postete Ketterer ein Bild von Burkhart bei Instagram, darunter schrieb er: "Ich hoffe, mein Bruder hat dich schön begrüßt da oben. Ihr beide fahrt jetzt zusammen Ski im Paradies."

Ketterers Bruder Samuel starb am 5. September 2005. Er saß in einer Gondel in Sölden, als ein Hubschrauber einen Betonkübel fallen ließ, der aufs Seil krachte. Samuel fiel aus der Gondel und starb am Gletscher. David erfuhr davon am Telefon. "Wir haben das als Familie verarbeitet", sagt Ketterer. Die Familie gebe ihm Halt, wenn er den Boden zu verlieren drohe, sagt er. Jedes Jahr, zum Jahrestag des Unglücks, fahren sie zusammen nach Sölden. Dort steht ein Gedenkstein, zwei betende Hände, auch einige Angehörige der acht anderen Opfer kommen, dazu die Betreiber der Bergbahnen. "Da ist über die Jahre ein freundschaftliches Verhältnis gewachsen", sagt David Ketterer. Der österreichische Wintersportort Sölden ist jetzt sein Sponsor bei den Weltcuprennen.

Im Training vor Levi fuhr Ketterer keine besonders schnellen Zeiten. Der Hang erschien ihm zu flach, er mag es steiler. Bei hohem Tempo kann er den Ski unglaublich schnell um die Kurven drücken, im Flachen fehlt ihm manchmal das Gefühl. Er schaute sich die Fahrten des Briten Dave Ryding an. Bei jedem Tor beschleunigte Ryding, indem er das Gewicht früh auf den inneren Ski verlagerte.

Ketterer nahm sich für das Rennen einiges vor. Mit Startnummer 31 schob er sich aus dem Starthaus, da schauten die Branchenführer schon nicht mehr nach oben. Doch Ketterer beschleunigte wie Ryding. Schoss mit viel Tempo in die letzten Tore. Lag auf Podestkurs. Verlor die Kontrolle, verpasste ein Tor. Aus. Ein Traumstart im Konjunktiv. Seine Trainer sehen darin seine Stärke. Ketterer könne im Rennen zwei Schippen drauflegen, während andere eher Angst hätten und Tempo rausnähmen. "Mir ist lieber, ich gehe volles Risiko und scheitere, als dass ich ängstlich verbremse", sagt er.

Dass David Ketterer so entspannt auf die Dinge blickt, hängt auch mit seiner Vergangenheit zusammen. "Es gibt Wichtigeres als Skirennen", sagt er und denkt dabei an seinen Bruder, aber auch an ein Leben neben dem Sport. Immer schon hatte er bereut, während der Skirennen nicht studieren zu können. Vor zwei Jahren dann, als er sportlich den Anschluss zu verlieren drohte, fällte er eine Entscheidung. Er verließ Deutschland und das Kadersystem des DSV – und zog in die USA. An der Universität Boulder in Colorado begann er ein Physikstudium, fuhr nebenbei Ski fürs College-Team. Ketterer raste von Sieg zu Sieg bei den Nord-Amerika-Cups (dem amerikanischen Äquivalent zum Europa-Cup, der zweiten Liga des Skisports).

Er fuhr so gut, dass die Trainer des deutschen Verbands wieder auf ihn aufmerksam wurden.Vor Weihnachten, beim Weltcup in Val d’ Isère, fuhr Ketterer in den zweiten Durchgang. Dort riskierte er wieder alles, machte einen Fehler, Rang 26. "Das passt schon so", sagt er. "Den Speed hab’ ich." Nun im Januar will er im Weltcup dann auch mal bis ins Ziel kommen. Mit Fullspeed und ungebremst.