Schneelawinen

Freeriding – wenn der Freizeitsport zum Überlebenskampf wird

Marius Buhl

Von Marius Buhl

Do, 22. Februar 2018 um 11:25 Uhr

Ski Alpin

90 Prozent aller Skifahrer haben ihre todbringende Lawine selbst ausgelöst – trotzdem zieht es Wintersportler in die steilsten Hänge der Alpen. Der Tourismus möchte mit Schulungen vorbeugen.

Zum Schluss eine Dummheit. Gegen jede Warnung. Weil man denkt, man habe die Natur im Griff, kenne das Risiko. Es ist kurz nach vier, die Sonne ist gerade hinter den Schweizer Bergriesen verschwunden, im Tal leuchten schon die Laternen des Dorfs. Dazwischen liegt dieser Steilhang. Laub, so nennen ihn die Einheimischen, das stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet Lawinenhang. Man sollte hier also nicht stehen, nicht um diese Uhrzeit, schon gar nicht allein, man hatte geglaubt, hier sei noch jemand. Das ist ein Gesetz der Berge: Ein Faktor verändert sich, und aus Sicherheit wird Gefahr.

Bei jedem Schwung staubt der Pulverschnee und streift die Wangen. Das Herz schlägt schnell, die Kurven werden länger gezogen, wie man das aus den Action-Videos kennt, in denen die Freerider die Bergflanken mit Highspeed bezwingen. Der Körper wird für einen Moment leichter, da vergisst man die Gefahr. Links ein Riss im Hang, dahinter ein Abbruch. Auf einem Feld, groß wie drei Fußballplätze, fehlt der Schnee. Er liegt Hunderte Meter weiter unten, aufgetürmt zu einem Eisbrocken. Hier ist eben eine Lawine abgegangen.

Es geht um Sicherheit – und ums Image des Skigebiets

Engelberg, ein Bergdorf am Ende des Tals, 1000 Meter hoch gelegen, ringsum ragen die Gipfel auf. Wissigstock, Hahnen, Großer Spannort und natürlich der Titlis, 3239 Meter hoch, rund im Norden, schroff im Süden. Unterhalb des Gipfels beginnen die Pisten: wenige blaue, viele rote und schwarze und einige, die gar keine Pisten sind, sondern nur Hänge voller Tiefschnee. Dafür ist der Ort berühmt, deshalb kommen die Törichten aus der ganzen Welt. Deshalb ist man selbst hier: zwei Tage im Januar mit einem Bergführer, der das Wesen des Pulverschnees erläutern soll. Und das der Lawine.

Rund 2000 Menschen starben laut des Schweizerischen Lawinenforschungsinstituts in den vergangenen 80 Jahren in Lawinen in der Schweiz, acht Tote zählt das Institut seit Oktober 2017. In Engelberg starb im November ein Skifahrer im Laub, als sich eine Lawine löste. Auch deshalb bietet das Engelberger Tourismusbüro jetzt Kurse an, sie heißen "Snow und Safety" und sind für Übernachtungsgäste gratis. Es geht um Sicherheit, ums Image des Skigebiets. Freeride-Paradies, nur möglichst ohne Tote.

Zwölf Lernwillige treffen sich an der Talstation der Titlis-Bahn und schauen auf Bergführer Samuel Speck wie auf einen Primarschullehrer. Viele Schweizer, ein Deutscher, zwei Amerikaner. Der Amerikaner sagt, dass er "pretty well" Snowboarden könne. Speck lächelt. Er trägt eine türkisfarbene Hose und eine gelbe Jacke. Sonnenfältchen um die Augen, wacher Blick, er ist einer von zwölf Bergführern in Engelberg. Wenn er nicht Ski fährt, klettert er vereiste Wasserfälle hoch.

Seit 2005 führt er Touristen durch die Alpen, erklärt in melodiösem Schweizerdeutsch, was er sieht und seine Gäste nicht. "Mängisch", sagt Speck, das heißt manchmal, "mängisch weiß auch ich nicht alles." Schweizer Zurückhaltung. Speck kennt jede Gletscherspalte, jeden Gipfel, jede Felswand. Er verbringt jeden Tag draußen, kann jedes Zucken der Natur deuten.

Drei Tage lang hat es geschneit in Engelberg, von Samstagabend bis Montagnachmittag. 120 Zentimeter Neuschnee. Erst fiel er kalt und sanft, dann nass und schwer. Auf dem Titlis staute er sich sechs Meter hoch. Am Sonntagabend teilte das Lawinenforschungsinstitut mit, für Montag gelte die höchste Warnstufe 5. Das gab es zuletzt 1999. Am Montag blieben die Lifte stehen, zu gefährlich. Am Dienstag strahlte die Sonne. Pulverschnee und blauer Himmel.

Montagabend in der Ski Lodge, mitten im Dorf. Die Bar für alle Freerider, denen es neben dem Sport auch ein bisschen ums Gesehenwerden geht, gegründet von skiverrückten Schweden, die hier Burger anbieten, Gin und schnelles WLAN. An der Wand hängt ein Bild der schwedischen Extremfreeriderin Matilda Rapaport. Ein Mann an der Bar erzählt seinem Kumpel gerade ihre Geschichte. Rapaport war Stammgast in der Ski Lodge, heiratete hier ihren Mann. Zwei Monate nach der Hochzeit starb sie beim Skifahren in Chile – in einer Lawine. Der Kumpel schaut betroffen, nimmt einen Schluck Bier, checkt Instagram.

Mäßige Gefahr gilt bei der Hälfte aller Wintertage

Zweimal täglich, pünktlich um 8 und um 17 Uhr, gibt das "WSL Institut für Schnee- und Lawinenforschung" in Davos ein solches Bulletin heraus. Für den Lagebericht nehmen die Forscher Schneeproben, beurteilen den Aufbau der Schneedecke, die erwarteten Temperaturen und den Wind. Wichtigste Information des Bulletins: die Lawinengefahrenstufe.

Stufe 1 sei ungefährlich und gelte an jedem fünften Wintertag, sagt Bergführer Speck in der Gondel. Stufe 2 bedeute "mäßige Gefahr" und gelte während der Hälfte aller Wintertage. Größere spontane Lawinen sind nicht zu erwarten, trotzdem empfiehlt sich eine vorsichtige Routenwahl. Stufe 3 sei tückisch, sagt Speck. Zwar warne das Institut vor leicht auslösbaren Lawinen, dennoch fühlten sich viele Sportler sicher und gingen Risiken ein. Rund die Hälfte aller Lawinenopfer gäbe es bei Stufe 3 zu beklagen. Stufe 4 prognostiziert das Institut in Davos selten. Skifahrer sollten steile Hänge komplett meiden, Unerfahrene ohnehin auf den Pisten bleiben, lokal seien große Lawinen auch ohne menschliches Zutun möglich. Und Stufe 5, sagt Speck, sei die absolute Ausnahme. Drinnenbleiben ist angesagt, größte anzunehmende Gefahr – auch für Straßen, Häuser, Ortschaften.

Im Winter 1999 galt Stufe 5, geholfen hat es nicht. Im Westtiroler Dörfchen Galtür überwalzte ein Schneefeld von 400 Metern Breite den Ort, tötete 31 Menschen.

Heute hat sich der Neuschnee gesetzt, das sei gut, sagt Speck, als er oben angekommen aus der Gondel ins Freie tritt und das Bulletin vorliest. "Einen Vierer haben wir." Stufe vier, große Gefahr, immer noch. Aus der Gondel konnte man die Lawinenkegel schon sehen, an beinahe allen steilen Hängen rund ums Skigebiet gingen sie ab. Immer wieder hört man es hier oben laut knallen. Lawinen? "Künstliche Sprengungen! Die Bergrettung lässt Schneebretter unter Aufsicht ins Tal rauschen, damit diese niemanden überraschen."

Speck prüft jetzt die Ausrüstung der Gruppe. Jeder trägt einen Rucksack, darin eine Schaufel und eine "Sonde", einen langen, zusammengefalteten Stab, am Körper einen Lawinenpiepser. "Wenn ich verschüttet bin, was macht ihr?", fragt Speck. Er schaut den amerikanischen Snowboarder an. Schweigen. "Mit dem Piepser ortet ihr mich, mit der Sonde stochert ihr nach mir, mit der Schaufel grabt ihr mich aus. Okay?" Außerdem sitze an jedem Rucksack an der linken Armschlaufe ein roter Griff, erklärt Speck. Zieht man ihn, öffnet sich mit einem Knall der Airbag. Bei 90 Prozent aller Lawinenabgänge sorge der dafür, dass der fortgerissene Skifahrer an der Oberfläche bleibe.

"Tiefschneefahren ist Inselhopping. Man fährt von einem sicheren Spot zum nächsten" Bergführer Samuel Speck

Mittelstation Stand, 2428 Meter über dem Meer. Höher geht es heute nicht, die Bergstation Titlis ist geschlossen wegen der Lawinengefahr. Hier unten, sagt Speck, sei es sicher, "wenn man sich an die Regeln hält". Er fährt voraus, ein paar Schwünge auf der Piste, die Ski kratzen laut übers Eis, dann biegt er ab. Weich und fluffig fühlt sich der Schnee neben der Piste an, die Ski gleiten lautlos hindurch. 30 Meter Abstand zum Vordermann ordnet der Bergführer an, das entlaste die Schneedecke, die nicht so leicht breche. Er verbietet Mulden, weil sich darin vom Wind verfrachteter Schnee sammelt, der leicht abrutscht. Außerdem steile Hänge. "Alles unter 30 Grad Hangneigung ist okay, da sind wir sicher." Er zeigt einen Trick, wie man mit dem Skistock die Hangneigung messen kann. Wenn Speck hält, dann immer auf kleinen Kuppen. "Tiefschneefahren ist Inselhopping", sagt er. "Man fährt von einem sicheren Spot zum nächsten." Unten angekommen verabschiedet sich der Amerikaner. Theorie sei nicht so sein Ding, sagt er, er wolle lieber auf eigene Faust los.

Vor der Mittagspause der Einkehrschwung. Aber nicht etwa zum verfrühten Glühwein, Speck ist hier, um Theorie zu vermitteln. Fünf Arten von Lawinen unterscheide das Lawinenforschungsinstitut, sagt er. Für Freerider seien Schneebretter am gefährlichsten, sie forderten 90 Prozent der Opfer. Eine gebundene Schneeschicht rutscht dabei auf einer älteren Schicht weiter unten in der Schneedecke ab und gleitet als Brett ins Tal. 90 Prozent der Lawinenopfer lösten ihr Brett selbst aus, sagt Speck.



Lockerschneelawinen, Gleitschneelawinen, Staublawinen – nicht zu vergessen die Nassschneelawinen, sagt Speck. Die entstehen vor allem im Frühling, wenn es taue oder Regen falle. Wer in so einer Lawine begraben sei, könne sich nicht mehr rühren. "Beton ist dagegen harmlos." Speck schaut in die Runde.

Am Mittwoch hat sich der Schnee weiter gesetzt, das Lawinenbulletin verkündet Gefahrenstufe 3. Speck will das Ausbuddeln üben. "Nach einer halben Stunde ist kaum noch jemand am Leben." Schreien, Überlegen, Notruf, das alles bringe erst mal wenig, sagt er. Wichtig sei es, die Leute zu finden.

Für eine Tiefschneeabfahrt kommen zwei von fünf Routen heute nicht in Betracht, Speck führt zum Laub. Einer nach dem anderen schlängelt sich an Felsen vorbei, hält an, schnappt nach Luft, die Beine brennen. Beim Fahren kann man aufs Dorf schauen, den Blick schweifen lassen, in der Ferne glitzert der Vierwaldstätter See, dahinter hebt sich der Schwarzwald aus dem Dunst. Unten, nach 1000 Höhenmetern, warten eine Rivella und Spaghetti Bolognese. Nie haben sie besser geschmeckt, Speck verabschiedet sich. Genug für heute, keine Dummheiten, warnt er zum Abschied.

Jetzt aufhören? Auf keinen Fall. Wer im Himmel war, will zurück. Also doch nochmal rauf, ein paar Fahrten auf der Piste, wie langweilig, also unter der Absperrung durch. Das Laub runter, die Gefahr nahe, niemand sonst mehr unterwegs, es war eine fixe Idee, die Gott sei Dank gut ausgeht. Im Tal drei Kreuze.