Hochschwarzwald

Himmel und Hölle beim Skisprung-Weltcup in Titisee-Neustadt

Peter Stellmach

Von Peter Stellmach

Mo, 11. Dezember 2017 um 08:39 Uhr

Titisee-Neustadt

Zwischen Bangen und Hoffen bewegte sich der Skisprung-Weltcup am Sonntag. Schnee und Wind sorgten für Ausnahmezustand im Skistadion. Die Helfer waren extrem gefordert, Aufsprung und Auslauf zu räumen.

Stundenlang wurde gearbeitet, gewartet und beraten, eine Absage stand im Raum, die Probedurchgänge wurden gestrichen. Um 17 Uhr dann doch der Start zum Einzelspringen. Nach dem Sieg der Norweger beim Teamwettbewerb am Samstag vor 5000 Fans erlebten 3500 unverdrossene Fans den deutschen Doppelsieg von Richard Freitag vor Andreas Wellinger (Fotos).

Anders als in früheren Jahren trugen die Startnummern den Aufdruck Hochschwarzwald. Das hat seinen Grund: Titisee-Neustadt als Zusatz wäre zu klein ausgefallen, deshalb verzichtete man darauf und schaute, dass der Name auffällig an fernsehkameragünstigen Stellen auftauchte: am Schanzentisch und am Springergate. Schade, dass sie am Radio wieder gern vom Weltcup in Titisee erzählten.

Treue Fans der Neustädter sind die Willinger in ihren orangefarbenen Anoraks. 22 waren da, darunter Präsident Thomas Behle: "Endlich können wir entspannt anschauen." Die Sauerländer sind vom 2. bis 4. Februar dran, Generalprobe vor den Olympischen Spielen. Behle gefällt die Mentalität der Neustädter, weil sie immer wieder etwas für ihren Weltcup tun, "sie kämpfen, die Anlage wächst".

Mit strahlenden Gesichtern zogen Mohamed und Lrazwan mit Jugendpflegerin Ida Sander durch das Skistadion. Mit blauen Müllsäcken und Greifern sorgten sie für Sauberkeit. Der 19-Jährige Mohamed kommt aus Libyen, wohnt an der Mozartstraße und spielt Fußball, der 18-jährige Lrazwan ist Tunesier, lebt in Schluchsee und hat ein Faible für Kickboxen. Skispringen? Sie strahlten.

Die Rotkreuzler wissen, wie man anderen hilft. 50 ehrenamtlich tätige Männer und Frauen teilten sich das Wochenende. Während sich die Fans mit Zwiebellook, Stadionwurst, dampfendem Glühwein und hüpfend vor dem Frost schützten, fingen es die Erste-Hilfe-Spezialisten aus Erfahrung klug an und standen auf isolierenden Styroporplatten. Auch die Feuerwehr wusste sich zu helfen. Stefan Beha hatte sich mit Mütze von oben bis zu den Augenbrauen und Schal von unten bis zur Nasenwurzel so eingemummelt, dass er sich von einem Kollegen an das Vermummungsverbot erinnern lassen musste.

Maschineschnee un e Pülverle druff...

Den Preis für die tollsten Fans, wenn es ihn gäbe, hätten sich einmal mehr die polnischen Zuschauer verdient gehabt. Ihre Idole hatten lange Chancen auf den Sieg, getragen vom Jubel aus dem Meer der rot-weißen Fahnen in XXL-Größe. Die deutschen Fans hatten Schwarz-Rot-Gold diesmal in eher bescheidenem Format dabei. Mitten unter den Polen Marcin Sliz mit seiner Familie, der aus der Nähe von Zakopane kommt, einer Hochburg des Skispringens, aber erstmals in Neustadt einen Weltcup erlebte. Er ist Soldat im multinationalen Eurokorps in Straßburg, und von dort ging es mit einem Bus in den Hochschwarzwald. Sliz war begeistert.

So viel Arbeit das Schanzenteam vor, zwischen und nach den Durchgängen hatte, um die Schanze fit zu halten nach wochenlanger Vorarbeit, so entspannt durften sie dem Teamwettbewerb am Samstag zuschauen. Die Anlage hätte nicht besser sein können. Generalsekretär Joachim Häfker und Schanzenchef Matthias Schlegel klatschten sich ab für den guten Job des Teams. Von Häfker kam der Spruch des Samstags: "Guck dir des emol a, Maschineschnee un e Pülverle druff, des gibt e super Führung". Gemeint war der harte, glatte Untergrund mit leichter Pulverschneeauflage und guter Skiführung für die Springer nach der Landung. Am Sonntag war alles anders...

Hey Glühwein! Joachim Schwär nahm Rufe wie diesen nicht als Beleidigung auf. Im Gegenteil, denn der Mann vom Skiclub Waldau zog als mobiler Ausschank durch das Stadion, zwölf Liter Heißgetränk auf dem Rücken, abgezapft zu 0,2 je Becher à 2,50 Euro. War leer, holte er Nachschub am Stand, das Geschäft lief gut. Ein Vereinskollege war mit Punsch für die jüngeren Fans auf Achse.

Dass der Empfang am Freitag ohne die Springer stattfindet, daran hat man sich gewöhnt. Diesmal war es doppelt schade, denn es hätte eine Ehrung angestanden. Stefan Kraft (Österreich) und Peter Prevc in Vertretung seines Bruders Domen (Slowenien) hätten als herausragende Springer des Vorwinters ausgezeichnet werden sollen. Dann unterbanden die Mannschaftsleitungen den Auftritt – Konzentration geht vor PR. Die Ehrung wird vor der Vierschanzentournee nachgeholt. Ist halt eine Nummer größer.

Ein mehrfaches Hoch auf die Helfer

Nicht vorenthalten, aber verkürzt sei das gegenseitige Loben widergegeben: Armin Hinterseh als Bürgermeister und als Präsident des Organisationskomitees dankte allen, die geholfen haben, das Flutlicht zu ermöglichen, dem Gemeinderat, den Sponsoren und dem Landessportverband für 700 000 Euro. Dessen vormaliger Präsident Dieter Schmidt-Volkmar, der Zuschuss war sein Geschenk an Neustadt, gewährt zum Abschied aus dem Amt, gab die Anerkennung zurück und sagte, das Geld sei sinnvoll eingesetzt worden. Wer sich als Veranstalter etablieren wolle, müsse Planungssicherheit haben, auch finanziell. Seine Nachfolgerin Elvira Menzer-Haasis bekräftigte, der LSV sei zuständig für den Leistungssport und den Erhalt hervorragender Sportstätten. Sie deutete an, dass Neustadt als Trainingsstätte an einen Bundesstützpunkt angegliedert werden und auf diesem Weg Geld für die Anlage bekommen könnte. Horst Hüttel, der sportliche Leiter beim DSV für die Nordischen Disziplinen, fasste sich kurz: Titisee-Neustadt ist wichtig für das Skispringen, es habe sich als Standort etabliert, und er gehe davon aus, dass das die nächsten Jahre so bleiben wird. Andreas Wellinger und Richard Freitag jedenfalls, die Vorflieger der deutschen Mannschaft, "kommen gerne hier her".

Das wird die 800 Helfer freuen, vor denen der Bürgermeister seinen Hut zog: Sie seien ein "unglaubliches Team", und es sei für ihn unvorstellbar, "dass es so etwas noch einmal gibt". Applaus und Jubel brandeten auf. Auch Menzer-Haasis war begeistert davon, "wie die Ehrenamtlichen das wuppen".

Prominente Gäste also. Unter ihnen auch eine Hoheit: Hanna Danner. Die 22-jährige Studentin ist nebenbei Weinprinzessin von Durbach. Mit güldner Krone im Haar präsentierte sie die guten Tropfen. Sie freue sich, einmal Skispringen live zu erleben, sagte sie mit heiterem Lächeln.

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