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26. Juli 2012

BZ-Serie (5)

Hinterzarten: So läuft das Training für das Mixed-Springen

Der Countdown läuft: Deutschlands beste Skispringerinnen trainieren in Hinterzarten für den ersten Mixed-Wettbewerb der Geschichte.

  1. Skispringerin Ulrike Gräßler ist eine Kandidatin für Olympia in Sotschi und gesetzt für den ersten Mixed-Team-Wettkampf im Rahmen des Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten. Foto: johannes bachmann

  2. Skeptisch: „Es läuft zäh“, gesteht Skispringerin Melanie Faißt. Foto: Johannes Bachmann

  3. Auf dem Weg zum Schanzentisch mit Selbstzweifeln im Rücken: Melanie Faißt hat das Vertrauen in ihre Flugkünste verloren. Foto: Johannes Bachmann

  4. Zwangspause: Katharina Althaus (links) stürzte beim ersten Trainingsflug in Hinterzarten und lädierte sich den rechten Knöchel. Foto: Johannes Bachmann

  5. „Frauen sind unheimlich akribisch, wenn sie von etwas überzeugt sind“, weiß Bundestrainer Andreas Bauer. Foto: Johannes Bachmann

SKISPRINGEN. So sieht er aus, der perfekte Wintersporttag in Hinterzarten: Sonne satt schon morgens um zehn. 25 Plusgrade, mindestens. Wind, der schläft. Hitze, die über sattem Grün im steilen Aufsprunghügel der großen Rothausschanze aufsteigt wie ein Heißluftballon und ein stationäres, fast mit Händen zu greifendes fettes Luftpolster bildet. So wie am Dienstag, gestern und heute. Drei perfekte Tage für Flüge im erdnahen Raum in einem sonst so frustrierend kühlen, nassen, windgepeitschten Sommer.

Laborbedingungen, die auf dem Weg zum erhofften Comeback natürlich ein Martin Schmitt nützt. Doch in diesen drei tollen Tagen ist der viermalige Skisprung-Weltmeister nur Randfigur, mag er auch noch so kühn als breites Sieger-V über den Hang schweben. Alle Aufmerksamkeit gilt Deutschlands besten Skispringerinnen, die sich unter Anleitung von Bundestrainer Andreas Bauer in Hinterzarten auf eine Premiere vorbereiten – den ersten Mixed-Wettbewerb der Skisprunggeschichte.

Eine Deutschland-Premiere wird es am Freitag, 18. August zum Auftakt des traditionsreichen Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten geben. Erstmals werden pro Nation zwei Männer und zwei Frauen in einem Nachtspringen (Start 20.30 Uhr) gemeinsam ein Team bilden. Hinterzarten ist seit mehr als 30 Jahren das wichtigste Freiluftlabor des Skispringens. Hier wurden alle Trends ausprobiert und verfeinert, die heute die Weitenjagd der Skispringer so attraktiv machen – etwa das K.o.-System. Doch jetzt kommt das französische Courchevel den rührigen Hinterzartenern um eine Woche zuvor – mit der Weltpremiere des Mixed-Wettbewerbs. Das ärgert OK-Chef Hermann Wehrle. Doch Ulrike Gräßler sorgt für Trost. "Unser Ziel ist Hinterzarten, ganz klar", sagt die 25-jährige Skispringerin des VSC Klingenthal: "Hier wollen wir uns zeigen. Hier ist alles perfekt. Ich freu’ mich unheimlich auf den Mixed-Wettbewerb."

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Und hier fliegt sie im Training einem Martin Schmitt davon. Die 100-Metermarke überspringt Gräßler, Vierte der Weltcup-Gesamtwertung des vergangenen Winters, an diesem Juli-Morgen mit Leichtigkeit. Allerdings mit ein bisschen mehr Anlauf als Herr S. Rund, kontrolliert, nahe am Idealbild wirkt ihre Flugkurve aus Sicht der interessierten Laien, die aus dem Auslauf hinaufschauen zum Schanzentisch.

Andreas Bauer, mehr als ein Jahrzehnt lang Skisprung-Disziplin-Trainer der Nordischen Kombinierer und seit April 2011 Frauen-Bundestrainer, weiß es besser. Hoch über dem Auslauf wacht der Oberstdorfer wie ein Greifvogel über jeden Bewegungsablauf. Doch statt nach Flugfehlern auf seinen Skispringerinnen herumzuhacken, verpackt Bauer seine Änderungswünsche in Diplomatie. Das, gibt er zu, habe er "nach so viel Männersport" erst lernen müssen. Verbindlich, partnerschaftlich ist Bauers Ton. "Uli, versuch’ mal gedanklich etwas weiter über den Vorbau rauszukommen", schlägt der Trainer per Walkie-Talkie vor. Gräßler versteht den Wink über Funk: "Ich werd’ also etwas steiler anspringen."

Nach jedem Sprung geht das so. Analyse vor Ort, Zwiesprache sofort. Andreas Bauer schätzt Gräßlers Gewissenhaftigkeit. "Wenn Frauen von etwas überzeugt sind, arbeiten sie akribisch und hochmotiviert." Mehr als 100 Mal sind Ulrike Gräßler und ihre Nationalmannschafts-Teamkolleginnen in diesem Sommer bei Trainingslagern im italienischen Predazzo und Einsiedeln (Schweiz) schon über grünen Matten abgehoben.

Jetzt also Hinterzarten. "Tolle Anlage", lobt Katharina Althaus. "Nur heute nicht für mich." Der erste Sprung des Tages ist für die 16-jährige Oberstdorferin auch ihr letzter. Sie verkantet bei der Landung, stürzt auf den bewässerten Kunststoffmatten und überdehnt sich die Bänder im linken Knöchel. DSV-Physiotherapeutin Juliane Strähle greift zu Eis und Tape und wickelt flink in pink. "Stylisch" findet Katharina den Verband. Der erste Ärger über den Sturz ist fast vergessen. "Ist eh’ eine alte Verletzung", sagt die 16-Jährige, "kein Problem, aber halt ärgerlich bei dem tollen Wetter".

Gäb’s für strahlendes Lächeln Medaillen, hätte Melanie Faißt (22) wohl Gold verdient. Fröhlich, ausgeglichen, lebensbejahend wirkt die WM-Neunte aus Baiersbronn, die in Freiburg lebt. Dabei hätte sie Grund, zu klagen. "Melli, und wie?" will Rolf Schilli, Bundes-Nachwuchstrainer der (männlichen) deutschen Skispringer wissen. "Zäh", sagt Faißt. Dieser Sommer ist nicht ihr Sommer. Während Gräßler und Anna Häfele (SC Willingen) auf der großen 90-Meterschanze ihre Form für den Sommer-Grand-Prix aufbauen, müht sich Faißt auf der 70-Meterschanze mit technischem Grundlagentraining. Zufrieden ist sie nicht. "Ich komm’ bis zu einem gewissen Punkt. Doch dann geht’s nicht weiter." Melanie Faißt zweifelt. Acht Wochen Grundausbildung bei der Bundeswehr haben die Sportsoldatin aus dem Rhythmus gebracht. Im April wurde sie am rechten Knie operiert. "Innenmeniskus", sagt Faißt. "Das musste halt sein."

Das hat sie gebremst. Doch aus der Flugbahn geworfen haben sie zwei Stürze in Oberstdorf. Die seien zwar glimpflich verlaufen ("na ja, der Arm hat geschmerzt"), aber seither habe sie kein Vertrauen mehr in ihr Flugkönnen. Vom Mixed-Wettbewerb in Hinterzarten will Melanie Faißt nicht mal träumen ("da sind Ulrike Gräßler und vier, fünf andere deutlich vor mir") und überhaupt könne es sein, dass sie ganz auf den Sommer-Grand-Prix verzichte. "Ich muss erst wieder zu mir selbst finden", sagt Melanie Faißt und ihr Lächeln gefriert.

Bundestrainer Andreas Bauer weiß am Faißts Nöte und rät zu Geduld. Doch Geduld braucht Zeit. Und die ist knapp. In 18 Monaten beginnen die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi. Erstmals mit Skispringerinnen. "Wir müssen jetzt richtig Gas geben bei der Kraft-Ausdauer und der Diagnostik", sagt Bauer. Seit klar sei, dass sich der olympische Traum erfüllt, sei das Frauenskispringen deutlich professioneller geworden: "Da gibt es jetzt einen Riesenleistungsschub."

Den spürt auch Ulrike Gräßler. "Wir wollen beim Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten zeigen, dass nicht nur Männer skispringen können."

Autor: Johannes Bachmann