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15. August 2012

"Im Schwarzwald gibt es hervorragende Köpfe"

BZ-Interview mit Alfons Hörmann, dem Präsidenten des Deutschen Ski-Verbands, über Wintersport und eine Deutschland-Premiere diese Woche in Hinterzarten.

  1. Martin Schmitt wird nach seinen Kniebeschwerden in Hinterzarten diese Woche noch pausieren. Er holt sich derzeit bei Continentalcup-Springen die nötige Wettkampfhärte. Foto: SEEGER

  2. „Wir bemühen uns intensiv um das Frauenskispringen“, sagt DSV-Präsident Alfons Hörmann. Foto: Seeger

HINTERZARTEN. Die kleine Schwarzwaldgemeinde Hinterzarten erlebt diese Woche eine Deutschland-Premiere. Beim Sommer-Grandprix der Skispringer auf bewässerten Kunststoffmatten werden Frauen und Männer hierzulande erstmals gemeinsam antreten. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Ski-Verbands (DSV), setzt auch in anderer Hinsicht mehr denn je auf den Standort Schwarzwald. Wie er ihn in den nächsten Jahren erhalten und stärken will, fragte vor dem Grandprix BZ-Redakteur Andreas Strepenick.

BZ: Herr Hörmann, als Sie im Jahr 2005 erstmals zum Präsidenten des DSV gewählt wurden – wie war da Ihr Verhältnis zu den Wintersportlern im Schwarzwald?
Hörmann: Damals naturgemäß noch etwas weniger intensiv als jetzt. Als ehemaliger Präsident des bayerischen Skiverbands, hatte ich mich schwerpunktmäßig auf die Region Bayern zu konzentrieren. Das liegt in der Natur unserer Struktur. Aber das heißt ja nicht, dass ich den Schwarzwälder Kollegen nie begegnet wäre. Aus meiner Sicht war das Verhältnis damals schon gut, und das hat sich in den vergangenen Jahren erfreulicherweise noch intensiviert.

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BZ: Nur kurze Zeit nach Ihrem Amtsantritt verlor Titisee-Neustadt allerdings seinen Status als Austragungsort für Weltcups im Skispringen. Können Sie uns aus heutiger Sicht noch einmal erklären, warum das so war?
Hörmann: Ich sehe das heute so wie damals. Wir hatten in den Gesprächen mit den betroffenen Partnern, beginnend mit dem Internationalen Ski-Verband (FIS), den Medien und den Sponsoren eine relativ deutliche Stimmungslage für andere Weltcuporte festgestellt. Vereinzelt wurden auch Stimmen gegen Titisee-Neustadt laut. Das hatten wir in einer ausgewogenen Gesamtabstimmung im DSV dann wahrzunehmen. Wir mussten diesen Wünschen Rechnung tragen. Wir waren nicht Treibende, sondern Getriebene.

"Kaum eine Region hat

grundsätzlich so viel Potenzial

wie der Schwarzwald."

BZ: Aus heutiger Sicht: Hat der Skiverband Schwarzwald (SVS) damals Fehler gemacht?
Hörmann: In keiner Weise. Der SVS stand in dieser Angelegenheit auch nicht
an erster Stelle. Bei der Austragung von Weltcups haben wir es zuallererst mit den Veranstaltern, Bürgermeistern und Organisationskomitees vor Ort zu tun. Der SVS hat seinerzeit verständlicherweise die Schwarzwälder Interessen vertreten. Mehr kann er nicht tun. Er hat die Dinge stets vernünftig gehandhabt.

BZ: Hat der Deutsche Ski-Verband Fehler gemacht?
Hörmann: Ich kann keinen erkennen. Und um noch einmal auf die Vertreter des Skiverbands Schwarzwalds zurückzukommen: Sie haben da einige hervorragende Köpfe. Ich denke nur an den SVS-Präsidenten Stefan Wirbser, der auf ebenso unorthodoxe wie kreative Weise für die Interessen Ihrer Region kämpft. Aber auch der Schwarzwälder Manfred Kuner, der jetzt im Aufsichtsrat der DSV-Marketing-GmbH sitzt, liefert hervorragende Ideen und bereichert unsere Arbeit.

BZ: Wie kam es nun, dass Titisee-Neustadt im Dezember 2013 doch wieder einen Weltcup im Skispringen ausrichten darf?
Hörmann: Diejenigen, die vielleicht vor Jahren eher contra Titisee-Neustadt argumentierten, haben nun wieder ein etwas anderes Bild. Ich hatte das ja auch damals immer wieder in Interviews deutlich gemacht: Es handelte sich nicht um eine endgültige Entscheidung, die für alle Zukunft Gültigkeit hat. Es gibt kaum gesetzte Orte in der Welt, bei denen gesagt wird: Da wird in die eine oder andere Richtung definitiv nie mehr etwas passieren. Von Jahr zu Jahr wird der Weltcup-Kalender neu strukturiert. Titisee-Neustadt hat sicher auch durch die Bereitschaft, in der Zwischenzeit nicht die Flügel hängen zu lassen, sondern mit großem Engagement Continental-Cup-Wettbewerbe zu veranstalten, wertvolle Pluspunkte gesammelt. Es fand insgesamt eine sehr schöne und sportorientierte Aufarbeitung statt. Das Ganze wurde nicht unbedingt über die Medien oder öffentliche Auftritte von Bürgermeistern gelöst. Lassen Sie uns jetzt das Beste aus der Situation machen. Der Weltcup 2013 ist auch ein Dankeschön für die Arbeit der vergangenen Jahre.

BZ: Wechseln wir vom Winter zum Sommer. In Hinterzarten werden Skispringerinnen und Skispringer zum ersten Mal in gemeinsamen Teams vom Bakken gehen und um den Sieg kämpfen. Was bedeutet diese Premiere für Ihren Verband?
Hörmann: Das ist eine sehr schöne Konstellation und eine Perspektive für die Zukunft. Wir bemühen uns intensiv um das Frauenskispringen und darum, dass es ins Rampenlicht kommt. Die Entwicklung dort ist im Übrigen ein Beweis dafür, dass auch im Sport nichts beständiger ist als der Wandel. Wie hoch der Stellenwert des Frauenskispringens ist, ersehen Sie auch daran, dass wir in Andreas Bauer dort einen der besten deutschen Trainer überhaupt zum Chef gemacht haben.

BZ: Deutschland stellt ein sehr starkes Frauenteam. Könnte es sein, dass Sie auch deshalb auf die Frauen setzen, weil die internationale Leistungsdichte dort im Augenblick noch verhältnismäßig gering ist? 2014 dürfen Frauen im russischen Sotschi erstmals um olympisches Gold kämpfen, ein bis zwei Medaillen könnten für Deutschland dabei herausspringen.
Hörmann: Wir haben unsere Erfolgsaussichten nie danach definiert, dass bei den Wettkämpfen vielleicht nur wenige Athleten an den Start gehen. Die Entwicklung im Frauenskispringen verläuft so wie in jeder anderen Sportart, die sich im Aufbau befindet. Das Thema wird sich durch Olympia 2014 in eine völlig neue Dimension entwickeln, davon sind wir felsenfest überzeugt.

BZ: Die FIS sieht in Hinterzarten schon seit drei Jahrzehnten eine Art Labor. Viele Neuerungen im Skispringen werden dort zunächst im Sommer getestet, bevor sie dann bei den Weltcups im Winter auf Schnee umgesetzt werden. Beispiele sind die K.o.-Regel, die Windregel, die Gewichtsregel sowie Neuerungen bei den Anzügen und zuletzt bei den Bindungen. Genießt Hinterzarten auch in Ihren Augen eine Sonderstellung?
Hörmann: In diesem speziellen Punkt auf jeden Fall. Der Sommer-Grandprix findet zeitlich gesehen genau zur Halbzeit der Vorbereitung auf den Winter statt. Es ist der ideale Zeitpunkt, um materialtechnische und trainingstechnische Neuerungen zu beobachten und zu testen. Das gibt Hinterzarten einen besonderen Charakter.

BZ: Wenn wir Sie richtig verstehen, sehen Sie die Stärken des Schwarzwalds zuallererst im Skispringen und in der Nordischen Kombination. Welche Chance hat der alpine Rennsport noch in unserer Region?
Hörmann: Das steht und fällt mit der Frage, wie es der Region Schwarzwald und dem gesamten Bundesland Baden-Württemberg gelingt, stimmige Leistungssportkonzepte über die Regionsgrenzen hinweg zu entwickeln. Die Kräfte werden nun gebündelt, das ist genau der richtige Weg. Wir hegen die hoffentlich berechtigte Erwartung, dass in den nächsten Jahren leistungssportlich sowohl im alpinen als auch im nordischen Bereich noch einmal ein bisschen mehr kommt.

BZ: Genauer gefragt: Hat der DSV noch ein ernsthaftes Interesse daran, am Ahornbühl in der Feldbergregion eines Tages wieder alpine Weltcups auszurichten?
Hörmann: Das würde ich nicht ausschließen. Aber das Thema Weltcup steht auf der Agenda nicht ganz oben. Viel wichtiger wäre es, wenn sich eine professionelle Leistungssportstruktur im Bereich der Athleten entwickeln würde. Wettbewerbe im alpinen Bereich sind weltweit heiß umkämpft – nicht weniger umkämpft als Weltcups im Skispringen.

BZ: Sie hoffen auf neue Talente im alpinen Bereich. Im Biathlon kann der Schwarzwald sie bereits vorweisen. Wir nennen nur die Namen Simon Schempp, Benedikt Doll, Miriam Behringer und Helena Gnädinger. Kann der Stützpunkt Biathlon im Schwarzwald weiter ausgebaut werden, wenn nun immer mehr junge Athletinnen und Athleten aus Baden-Württemberg dort erfolgreich ausgebildet werden und nach oben vorstoßen?
Hörmann: Kaum eine Region hat grundsätzlich so viel Potential wie der Schwarzwald. Wir freuen uns, wenn dort ebenso wie aus anderen Regionen Baden-Württembergs immer mehr Talente ihren Weg machen. Vergleichen Sie das einmal mit den langjährigen Skisportbastionen Thüringen und Sachsen. Dort schrumpft die Bevölkerung, es gibt immer weniger Kinder. Dort weht uns aus demografischer Sicht gewaltiger Gegenwind ins Gesicht. Wenn wir es im Süden, in den Alpen und in den Mittelgebirgen, nicht mehr schaffen, Talente zu finden: Wo sollen dann die Stars von morgen noch herkommen?
"Der Skisprung-Weltcup in

Titisee-Neustadt 2013

ist auch ein Dankeschön."


BZ: Bei den Menschen im Schwarzwald genießt der Skisport nach wie vor einen hohen Stellenwert. Doch auch dort schreitet der Klimawandel unbestreitbar voran. Es gibt in der Tendenz immer weniger Schnee. Wo sehen Sie den Wintersport im Schwarzwald in drei Jahrzehnten?
Hörmann: Nicht allzu weit entfernt von dem, was wir heute haben. Wir beschäftigen uns schon sehr lange mit dem Thema. Wir hatten zuletzt sehr gute Schneebedingungen. Allerdings verschiebt sich die Wintersaison in der Tendenz nach hinten. Im Dezember gibt es häufig zu wenig Schnee. Dafür finden Sie zumindest in den Alpen selbst im April noch hervorragende Verhältnisse vor. Auch die Technik entwickelt sich. Beschneiungsanlagen arbeiten mittlerweile auf einem sehr hohen Niveau und werden vernünftig und naturnah eingesetzt. Wenn mich jemand fragt, ob in 20 oder 30 Jahren noch Wintersport betrieben werden kann, antwortete ich mit einem klaren und eindeutigen Ja.

ZUR PERSON: ALFONS HÖRMANN

Der Präsident des Deutschen Ski-Verbands hat nicht nur eine erfolgreiche Karriere als Funktionär im Wintersport absolviert. Er machte sich auch als Unternehmer in der Baustoffbranche einen Namen. Von 1998 bis 2010 war 52-Jährige Vorstandsvorsitzender des Ziegelherstellers Creaton. Derzeit leitet er als Geschäftsführer die Hörmann Holding GmbH – einen Konzern, der mit 4000 Mitarbeitern in 13 Ländern unter anderem Ingenieurdienstleistungen, Sicherheitstechnik und Kommunikationsanlagen anbietet. Im Jahr 2011 erzielte die Hörmann-Gruppe einen Gesamtumsatz von rund 650 Millionen Euro.  

Autor: str

Autor: str