Plötzlich in der Weltspitze

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Di, 19. Dezember 2017

Skispringen

Skispringerin Ramona Straub vom SC Langenordnach feiert mit Rang vier beim Weltcup in Hinterzarten ihren bislang größten Erfolg.

SKISPRINGEN. Diese Frau hat wahrlich die Ruhe weg. Und in der liegt ja bekanntlich die Kraft. Die innere Ruhe, die sie auszeichnet, kam Ramona Straub auch nicht in einer Situation abhanden, die bei vielen anderen Nervenflattern ausgelöst hätte. Die Skispringerin vom SC Langenordnach blieb beim Heim-Weltcup in Hinterzarten gelassen. Das brachte ihr in der Konsequenz die beste Weltcup-Platzierung ihrer Karriere ein. Dass sie Rang drei um läppische 0,2 Punkte verpasste nahm die 25-Jährige entspannt.

Die Ausgangssituation war nicht optimal für die B-Kaderathletin. Den Weltcup-Auftakt in Lillehammer (Norwegen) hatte sie trotz nahezu gleichwertiger Leistungen beim Abschlusslehrgang dort verpasst, weil Bundestrainer Andreas Bauer zwei jüngeren Kolleginnen den Vorzug gegeben hatte. Beim Lillehammer-Triple konnten sich gleich drei Springerinnen des Deutschen Skiverbands (DSV) mit zwei Platzierungen unter den ersten Acht für die Olympischen Spiele im Februar in Pyeongchang (Südkorea) qualifizieren. Zudem schaffte Gianina Ernst (SC Oberstdorf) mit einem achten Platz als bestes Ergebnis die halbe Olympia-Norm. Starten dürfen beim Saisonhöhepunkt vier Springerinnen pro Nation.

Ramona Straub, die im Weltcup zuvor zweimal Fünfte und zweimal Sechste war, startete in Hinterzarten bei null. Für die Hochschwarzwälderin ging es darum, sich mit einer guten Leistung im Einzelspringen weitere Weltcup-Starts zu sichern. Nur dann kann sie sich bis zum Stichtag 21. Januar für ihre erste Olympia-Teilnahme qualifizieren. Die Qualifikation am Freitag für das Einzelspringen am Sonntag bedeutete keine Hürde für die Sportsoldatin. Mit ihrem Sprung auf 96,5 Meter schaffte sie es auf ihrer Trainingsschanze als Zwölfte noch vor Olympiasiegerin Carina Vogt (SC Degenfeld) locker ins Feld der 40 Teilnehmerinnen.

Auch der Probedurchgang am Sonntag lief gut: 97,5 Meter brachten die Langenordnacherin auf Rang sieben. Im ersten Wertungsdurchgang lieferte Ramona Straub dann mit der frühen Startnummer zwei eine Vorlage, an der sich die Konkurrentinnen reihenweise die Zähne ausbeißen sollten. Ihre 101,5 Meter, ein Sprung nahe an der Perfektion, wie sie sagte, konnten nur die Nummer eins und zwei der Weltcupwertung, Teamkollegin Katharina Althaus (SC Oberstdorf) und Maren Lundby (Norwegen) überbieten. Straub lag bei Halbzeit auf Rang drei, so weit vorn wie noch nie im Weltcup.

Lächelnd begrüßte sie ihren kleinen Neffen Jonas unter den Zuschauern. "Ich wusste gar nicht, wann ich hochgehen soll" zur Schanze, weil sie im Finale noch nie so spät an der Reihe war, erzählte sie später schmunzelnd. Sie hielt sich dann an Katharina Althaus, die als Zweitplatzierte direkt nach ihr an der Reihe war. Bei vielen hätte die hervorragende Ausgangsposition wohl den Druck verstärkt, vielleicht gar lähmende Angst ausgelöst, mit einem missglückten Sprung alles zu versemmeln. Nicht aber bei Ramona Straub: "Relativ entspannt" habe sie die Pause verbracht beim gemeinsamen Warten mit Carina Vogt in einer der beiden deutschen Hütten, erzählte sie glaubwürdig und grinste dabei schelmisch. "Man denkt erst im Nachhinein", verriet sie zwischen vielen Gratulationen.

Die Langenordnacherin, moralisch unterstützt und angefeuert von Familie und Skiclub-Mitgliedern, behielt ihre Nerven im Griff. Bei ihrem Sprung auf 97,5 Meter war sie "nicht pünktlich" am Schanzentisch, analysierte sie selbstkritisch. Landestrainer Rolf Schilli, der sie seit ihrer Rückkehr vom Stützpunkt Oberstdorf im Sommer betreut und dabei "Zuckerbrot und Peitsche" einsetzt, wie er augenzwinkernd behauptete, bestätigte das. Weil die Japanerin Sara Takanashi, jahrelang das Maß der Dinge im Frauenskispringen, sich auf 100 Meter gesteigert hatte, fiel Ramona Straub auf Rang vier zurück.

Dennoch war sie glücklich über ihr bestes Weltcup-Ergebnis, ebenso wie Schilli, der einen Tag Näharbeit in die Änderung ihres Sprunganzugs investiert hatte, Wettkampfchef Michael Lais, der manchmal ebenfalls mit ihr trainiert, und Andreas Bauer. Der Bundestrainer sicherte ihr Starts bei den kommenden Weltcups in Rumänien und Japan zu. Dort kann sie wieder angreifen – in aller Ruhe.