Oberstdorf

Richard Freitag Zweiter beim Auftakt der Vierschanzentournee

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Sa, 30. Dezember 2017 um 22:19 Uhr

Skispringen

Kamil Stoch (Polen) hat das erste Springen der Vierschanzentournee in Oberstdorf vor Richard Freitag für sich entschieden. Die drei Springer aus dem Schwarzwald hatten dagegen einen schwarzen Tag.

Vor 25.000 Zuschauern in der ausverkauften Arena am Schattenberg dominierte das von Stefan Horngacher aus Titisee-Neustadt gecoachte Team aus Polen erstaunlich eindeutig den ersten von vier Wettkämpfen zum Jahreswechsel 2017/2018. Doppel-Olympiasieger Stoch aus Zakopane, der schon die Tournee des vergangenen Winters für sich entscheiden konnte, stand nach 126 Metern im ersten Durchgang im Finale mit 137 Metern den mit Abstand weitesten Flug des Tages. Sein Landsmann Dawid Kubacki schob sich mit 126,5 und 129 Metern überraschend noch auf Rang drei vor.
Vierschanzentournee, Stand nach 1 von 4 Springen:
1. Kamil Stoch (Polen) 279,7 Punkte
2. Richard Freitag (Aue) 275,5
3. Dawid Kubacki (Polen) 270,1
4. Stefan Kraft (Österreich) 262,8
5. Stefan Hula (Polen) 259,2
6. Junshiro Kobayashi (Japan) 257,1
7. Anders Fannemel 255,3
7. Johann Andre Forfang (beide Norwegen) 255,3
9. Markus Eisenbichler (Siegsdorf) 255,1
10. Andreas Wellinger (Ruhpolding) 254,0

Der Österreicher Stefan Kraft, Führender nach dem ersten Durchgang, scheiterte dagegen mit seinem Versuch, gleich den Auftaktwettbewerb wieder zum klassischen und bei Tourneen so oft gesehenen "deutsch-österreichischen Duell" zu entwickeln. Kraft hatte zwar mit 132 Metern stark vorgelegt, landete im Finale aber schon nach 119 Metern an – ein schwerer Schlag auch für die österreichischen Fans. Kraft blieb Rang vier. In der Gesamtwertung ist damit allerdings noch alles möglich für ihn vor dem Neujahrsspringen am Montag in Garmisch-Partenkirchen.

Freitag wahrt Chance auf Gesamtsieg

Das gilt erst recht für den 26 Jahre alten deutschen Tournee-Favoriten Richard Freitag. Bei Dauerregen, ständig wechselnden Winden und immer neuen Unterbrechungen bewies er starke Nerven und eine Klasse-Form. Der Weltcup-Führende geht mit gerade einmal 4,2 Punkten Rückstand auf Kamil Stoch in den Neujahrswettbewerb. Das ist nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Mit 128,5 und 127 Metern erreichte er in beiden Durchgängen Platz zwei und trotzte dabei beide Male auch dem Rückenwind, der vielen Springern schwer zu schaffen machte am Samstag.

Andreas Wellinger zum Beispiel. Die Nummer zwei im Team des Deutschen Ski-Verbands erlebte einen bitteren ersten Augenblick in Oberstdorf. Der so grandios in die Saison gestartete Allgäuer vom SC Ruhpolding erwischte im ersten Durchgang nicht nur besonders widrige Windbedingungen, sondern hatte am Sprungtisch auch nicht den besten Augenblick seiner Karriere.

Auf karge 115 Meter segelte der 22-Jährige und ließ den Kopf hängen, denn im Hinblick auf die Gesamtwertung der Tournee war dieser verpatzte Sprung schon eine erste Vorentscheidung. Als 17. ging Wellinger ins Finale, konnte sich dort immerhin auf 123 Meter verbessern – aber Rang zehn vor dem zweiten Springen in Garmisch-Partenkirchen lassen ihn in der Gesamtwertung schon ein gutes Stück weit zurückfallen. "Es war heute extrem schwierig zu springen mit dem Wind, und der Regen hat es nicht einfacher gemacht", sagte Wellinger.

Für den hoch gehandelten und im Weltcup auf Rang vier platzierten jungen Norweger Daniel André Tande war’s ein Tag zum Vergessen. Er hat seinen Tournee-Traum schon in Oberstdorf ausgeträumt. Der 23-Jährige landete nach 116,5 und 122,5 Metern lediglich auf Platz 20. Sein um ein Jahr jüngerer Landsmann Johann André Forfang konnte sich nach 114,5 Metern in Durchgang eins immerhin noch auf 126,5 Meter und Rang sieben steigern. Dass ein Norweger die Tournee gewinnt, erscheint freilich schon jetzt eher unwahrscheinlich.

Schwarzer Samstag für die drei Schwarzwälder

Auch die drei Schwarzwälder in Oberstdorf erlebten einen eher schwarzen Samstag beim Auftaktwettkampf der Tournee. David Siegel, der Youngster vom SV Baiersbronn, musste den Anfang machen bei Winden, die mal von hinten, mal von vorn und mal überhaupt nicht kamen. Dabei hatte der 21-Jährige vom Trainingszentrum Hinterzarten die große Chance, zwei Jahre nach seinem ansprechenden Tournee-Debüt den nächsten Akzent seiner Karriere zu setzen.

Der 16. der Qualifikation vom Freitag ("das war jetzt ein gelungener Auftakt") hätte den früheren Seriensieger Gregor Schlierenzauer aus Österreich sogar im K.o.-Duell bezwingen können. Auf 116,5 Meter flog der 53-malige Weltcupsieger, der nach Sinnkrise und Kreuzbandriss mit aller Macht wieder an einstige Glanzzeiten anknüpfen will. Das war machbar für Siegel.

Doch kaum saß er auf dem Happle-Balken, musste er schon wieder runter – zu wild gebärdete sich der Wind. Dann durfte der Schwarzwälder ein zweites Mal in die Startposition rutschen – nur um gleich darauf abermals zurückgerufen zu werden. Siegel, eigentlich nervenstark und die Ruhe selbst, schien das ganze Rauf-und-Runter dermaßen zu verunsichern, dass er seinen Sprung im dritten Versuch verpatzte. 105,5 Meter trugen ihn auf Platz 38, er verpasste das Finale.

Genauso erging es Andreas Wank, dem Team-Olympiasieger der Winterspiele im russischen Sotschi 2014 aus Titisee. Der 47. der Qualifikation machte es am Samstag nur geringfügig besser als am Freitag, scheiterte im K.o.-Duell klar an seinem deutschen Kollegen Karl Geiger (113 Meter). Sein Flug auf 109,5 Meter reichte aber auch nicht, um den Sprung ins Finale der besten 30 zu schaffen. Rang 33 hieß es für den Springer vom SC Hinterzarten am Ende. Es ist kaum vorstellbar, dass Bundestrainer Werner Schuster den 29-Jährigen in dieser Form in sein Weltcup-Team aufnimmt und ihm das Ticket für die Weiterreise nach Innsbruck (4. Januar 2018) und Bischofshofen (6. Januar 2018) schenkt.

Blieb Stephan Leyhe, der beständigste der drei Schwarzwälder aus der Trainingsgruppe in Hinterzarten. 109,5 Meter im ersten Durchgang waren auch nicht gerade das, was der 25-jährige Breitnauer sich von seinem Tourneestart erträumt hatte. Er schaffte es damit aber gerade so ins Finale und konnte sich dort mit 125 Metern immerhin auf einen 24. Rang am Ende steigern.

Grandiose Stimmung in der Arena am Schattenberg

Ein Riesen-Kompliment war den 25.000 enthusiastischen Fans in der Arena am Schattenberg zu machen. Sie hielten stand im Sprühregen, der mal stärker, mal etwas schwächer vom Himmel rieselte, und die meisten verzichteten, weil sie lieber klatschten und Fahnen schwenkten, auch darauf, ihre Regenschirme aufzuspannen.

Die Stimmung im Stadion war so grandios wie seit vielen Jahren nicht. Die Fans sangen, bejubelten Außenseiter, erwiesen sich Gewinnern und Verlierern gegenüber als fair und gaben mehr als zwei Stunden lang alles, um zu einem guten Gelingen beizutragen. Richard Freitag belohnte sie am Ende mit Rang zwei – und der Chance, dass erstmals seit Sven Hannawald 2001/2002 endlich wieder ein deutscher Skispringer eine Vierschanzentournee gewinnen kann.

Gesamtweltcup der Männer nach 8 von 23 Wettbewerben:
1. Richard Freitag (Aue) 630 Punkte
2. Andreas Wellinger (Ruhpolding) 425
3. Kamil Stoch (Polen) 423
4. Daniel Andre Tande (Norwegen) 367
5. Stefan Kraft (Österreich) 342
6. Johann Andre Forfang (Norwegen) 291
7. Junshiro Kobayashi (Japan) 284
8. Markus Eisenbichler (Siegsdorf) 236
9. Dawid Kubacki (Polen) 221
10. Robert Johansson (Norwegen) 205
14. Karl Geiger (Oberstdorf) 174
18. Stephan Leyhe (Willingen) 110
23. Pius Paschke (Kiefersfelden) 72
32. Constantin Schmid (Oberaudorf) 35
42. David Siegel (Baiersbronn) 8
Für den Polen Kamil Stoch muss der Sieg beim Start der Vierschanzentournee in Oberstdorf nicht unbedingt ein gutes Omen sein. Seit 1992 holten sich nur neun von 25 Auftaktsiegern auch den Gesamterfolg.

Oberstdorf-Sieger und ihre Endplatzierung bei der Tournee:
1992/93 Christof Duffner (Schönwald) 6.
1993/94 Jens Weißflog (Oberwiesenthal) 2.
1994/95 Reinhard Schwarzenberger (Österreich) 16.
1995/96 Mika Laitinen (Finnland) n.b.*
1996/97 Dieter Thoma (Hinterzarten) 3.
1997/98 Kazuyoshi Funaki (Japan) Sieger
1998/99 Martin Schmitt (Furtwangen) 4.
1999/00 Martin Schmitt (Furtwangen) 3.
2000/01 Martin Schmitt (Furtwangen) 3.
2001/02 Sven Hannawald (Hinterzarten) Sieger
2002/03 Sven Hannawald (Hinterzarten) 2.
2003/04 Sigurd Pettersen (Norwegen) Sieger
2004/05 Janne Ahonen (Finnland) Sieger
2005/06 Janne Ahonen (Finnland) Sieger (mit Jakub Janda)
2006/07 Gregor Schlierenzauer (Österreich) 2.
2007/08 Thomas Morgenstern (Österreich) 2.
2008/09 Simon Ammann (Schweiz) 8.
2009/10 Andreas Kofler (Österreich) Sieger
2010/11 Thomas Morgenstern (Österreich) Sieger
2011/12 Gregor Schlierenzauer (Österreich) Sieger
2012/13 Anders Jacobsen (Norwegen) 2.
2013/14 Simon Ammann (Schweiz) 3.
2014/15 Stefan Kraft (Österreich) Sieger
2015/16 Severin Freund (Rastbüchl) 2.
2016/17 Stefan Kraft (Österreich) 6.
2017/18 Kamil Stoch (Polen) ?