"Schnee war etwas komplett Neues"

sid

Von sid

Fr, 09. Februar 2018

Olympische Spiele

INTERVIEW mit Pita Taufatofua, der bislang erst zwölf Wochen auf Skiern stand und nun bei den Olympischen Spielen antritt.

PYEONCHANG. Pita Taufatofua war 2016 in Rio Taekwondo-Kämpfer, in Südkorea ist Tongas Fahnenträger im Skilanglauf am Start. Im Interview mit dem Sport-Informationsdienst (sid) spricht der 34-Jährige über das Training in Pfullendorf, seine erste Begegnung mit Schnee und dicke Kleidung.

BZ: Herr Taufatofua, bei Olympia 2016 sind Sie als geölter Fahnenträger aus Tonga weltberühmt geworden...

Taufatofua: Ja, das war ganz lustig, oder?

BZ: Was werden Sie am Freitag anziehen?

Taufatofua: Sehr dicke Kleidung, damit es so warm wie möglich wird. Ich habe eben nachgeschaut: Es soll minus 18 Grad werden. Und ich will beim Rennen ja noch lebendig sein. Mein Körper ist dann ohnehin steif genug, wenn ich vorher auch noch erfriere, wird das kaum helfen.

BZ: Warum Wintersport?

Taufatofua: Bis ich 30 Jahre alt war, hatte ich noch nie Schnee gesehen. Das war etwas komplett Neues für mich. Für mich geht es immer um Herausforderungen. Was ist das Schwierigste, das ich mir vorstellen kann? Skilanglauf ist ziemlich schwierig.

BZ: Und kalt...

Taufatofua: Aber ich liebe die Natur. Als ich das erste Mal Schnee gesehen habe, wusste ich, wie schön das sein kann. Und dieses Winterwunderland mit all den Bäumen kann ich Arbeitsplatz nennen, mein Büro.

BZ: Wo steht dieses Büro?

Taufatofua: In Deutschland, in Österreich – wo auch immer gerade Schnee liegt. Gelernt habe ich in Pfullendorf. Die ersten Wochen habe ich da auch gewohnt.

BZ: Und seither leben Sie dort?

Taufatofua: Nein. Ich stand in meinem Leben erst zwölf Wochen auf Ski. Vier davon in Pfullendorf, und die restlichen bei den verschiedenen Wettbewerben.

BZ: Sie haben einen deutschen Trainer, Thomas Jacob.

Taufatofua: Ja. Ich habe Thomas von Anfang an gesagt: Ich habe kein Geld. Aber ich verspreche dir, dass du bei Olympischen Spielen einlaufen wirst. Er meinte: Okay, das ist mein Traum, seit ich 16 bin. Da wusste ich: Okay, jetzt muss ich liefern.

BZ: Wann haben Sie das erste Mal echten Schnee gesehen?

Taufatofua: Vor ein paar Jahren. Mein Bruder Chris hat mich zu weißen Weihnachten nach Chamonix in Frankreich eingeladen. Ich habe gesagt: Nein, an Weihnachten sollte es warm sein, mit Kokospalmen und Angeln. Aber ich bin trotzdem hingefahren.

BZ: Wo leben Sie normalerweise?

Taufatofua: Vor allem in Australien, in Brisbane. Aber ich war vergangenes Jahr natürlich auch oft in Tonga.

BZ: Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie gesagt haben, dass Sie zu Olympischen Winterspielen möchten?

Taufatofua: Meine Familie kennt mich und weiß, dass ich sehr spontan bin. Ich hatte diese große Idee, aber keinen Plan. Aber sie wusste auch: Wenn ich ein Ziel habe, dann erreiche ich das."

BZ: Und womit verdienen Sie Ihr Geld?

Taufatofua: Ich habe das ganze letzte Jahr geopfert. Ich bin jeden Morgen aufgestanden, um es zu den Olympischen Spielen zu schaffen. Dafür habe ich auf alles verzichtet: Ein Angebot aus Hollywood, Model-Verträge und mehr.

BZ: Hollywood?

Taufatofua: Ja, es gab ein paar Angebote als Schauspieler, aber auch für eine Dokumentation. Ach, Hollywood läuft ja nicht weg. Und nach diesen Winterspielen erst recht nicht.

BZ: Und was haben Sie früher gemacht?

Taufatofua: Als Sozialarbeiter mein Geld verdient. Ich habe obdachlosen Kindern geholfen, die depressiv waren, sich aus dieser Situation zu befreien. Das war für viele Jahre mein Job.

BZ: Was gibt Ihnen Kraft für diese Olympischen Spiele?

Taufatofua: Ich habe kein magisches Talent, keine besondere Technik. Aber wenn ich eines habe, dann Glaube. Ich glaube an den großen Mann da oben. Ich bin in den vergangenen Wochen Berge hinunter gepurzelt und oft von der Strecke abgekommen. Aber wenn man Ziele hat und dafür kämpft, dann schafft man alles.

Pita Taufatofua wurde in Australien geboren und wuchs in Tonga auf. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro trat er als Taekwondokämpfer an und war Fahnenträger seines Landes. 2017 ging er bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften im Skilanglauf an den Start. Als Langläufer erfüllte er im Januar 2018 die Olympianorm.