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07. Februar 2012
Sotschi klotzt mit Superlativen
Für 24 Milliarden Euro stampft Russland die bislang teuersten Winterspiele aus dem Boden / Proteste der Umweltschützer verhallen.
Der neue Bahnhof in Sotschi steht zu 70 Prozent, das Eissportzentrum und das olympische Dorf sollen im Sommer schlüsselfertig sein. Mit der Montage der Seilbahnen, die zu den alpinen Wettkampfstätten im neuen Wintersportzentrum Rosa Chutor in Krasnaja Poljana – einem malerisch in den Bergen gelegenen Skiparadies – führen, wurde ebenfalls schon begonnen. Die meisten Wettkampfstätten sind fertig. Am Samstag tragen die alpinen Skirennfahrer in Rosa Chutor erstmals einen Weltcup aus.
Die Pisten – so viel steht bereits fest – gehören zu den besten in Europa. Weniger zufrieden äußerten sich Trainer und Aktive über die Loipen. Das Gefälle ist teilweise sehr stark. Die Sprungschanzen wiederum sollen vom Feinsten sein. Präsident Dimitri Medwedew persönlich hatte auf Tests aller Wettkampfstätten vor der Abnahme durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) bestanden. Er und Premier Wladimir Putin, der um die Vergabe der Spiele wie ein Löwe gekämpft hatte, lassen sich zudem wöchentlich über die Fortschritte unterrichten. Bisher läuft alles nach Plan, einige Fristen werden sogar vorzeitig erfüllt. Ein Chaos wie im Vorfeld der Sommerspiele von Athen 2004 ist in Sotschi nicht zu befürchten. Obwohl die Startphase wenig ermutigend war und das Vorhaben gigantisch.
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Mr. Olympia – Vizepremier Dimitri Kosak – muss sich, als Medwedew ihn 2008 mit der Koordinierung der Vorbereitungen beauftragte, in etwa so vorgekommen sein wie Gott am ersten Schöpfungstag, als die Erde wüst und leer war. Vermüllte Strände, sowjetische Service-Mentalität, ganze Stadtviertel ohne Kanalisation, ein Stromnetz, das bei der geringsten Belastung zusammenbrach, hoffnungslos überfüllte Busse auf holprigen Straßen als wichtigstes Fortbewegungsmittel und ein verträumter Flughafen, nicht im mindesten gerüstet für den Ansturm von mehreren Millionen Touristen. So sah die "Perle der kaukasischen Schwarzmeerküste", wie Sotschi sich in rührend unbeholfener Eigenwerbung feierte, vor dem ersten Spatenstich für Olympia aus. Und eine ganze Weile danach noch viel schlimmer. Millionen Kubikmeter Erdreich mussten bewegt werden, um die Stadt olympiatauglich zu machen. Damals brauchte man sehr viel Phantasie, um sich staufreie Hochstraßen, ein Netz von elektrisch betriebenen Schnellbahnen zwischen Stadt und Wettkampfstätten und olympische Objekte mit Barrierefreiheit vorstellen zu können. Ein Wort, das die meisten Bewohner von Sotschi vor Olympia gar nicht kannten. Doch längst haben die futuristisch anmutenden Computer-Simulationen konkrete Gestalt angenommen. Abstriche werden an dem Prestigeprojekt nicht gemacht, koste es, was es wolle. Es kostet viel. Derzeit ist von mehr als 24 Milliarden Euro die Rede. Nie zuvor verschlangen Winterspiele solche Summen.
Die hohen Kosten – böse Zungen behaupten, ein Teil des Geldes sei auch diesmal in dunklen Kanälen versickert –, Zwangsumsiedlungen von mehreren tausend Einwohnern, die nahe Grenze zu Georgiens abtrünniger Region Abchasien und irreversible Schäden für die Umwelt, vor allem in unberührten Bergregionen, hatten von Anfang an für massive Kritik an Sotschi als Austragungsort gesorgt. Die Generalauftragnehmer für den Bau der Wettkampfstätten, Bettenburgen und der Verkehrsinfrastruktur mussten sich dazu verpflichten, die Unesco-Empfehlungen zum Umweltschutz einzuhalten. Diese, lobte Koordinator Kosak, seien sehr viel ausgewogener als die von nichtstaatlichen Umweltschutzorganisationen. Sie würden sich "einzelne Probleme, die bei der baulichen Erschließung unvermeidbar sind, herauspicken und aufblasen". Umweltaktivisten mussten zwar Fortschritte einräumen, die Maßnahmen gehen ihnen jedoch nicht weit genug.
Und dann gibt es da noch ein Problem, das nicht nur der russische Staat, sondern auch die Zivilgesellschaft weitestgehend ausblendet. Die alpinen Wettkämpfe finden dort statt, wo sich 1864 nach dem Großen Kaukasuskrieg tausende kriegsgefangene Tscherkessen – die Ureinwohner der Region – in eine mehrere hundert Meter tiefe Schlucht stürzten, um der Deportation ins Osmanische Reich zu entgehen. Georgiens Parlament erkannte die Tragödie 2011 als Völkermord an. Der 150. Jahrestag fällt mit der Eröffnung der Spiele zusammen. Russland plant daher eine Wiederholung der historischen Siegesparade. Mit historischen Uniformen und Waffen am historischen Standort – dem Schauplatz des Dramas. Auf Proteste von Organisationen der heute über die ganze Welt verstreuten Tscherkessen reagierten bisher nicht einmal internationale Menschenrechtsgruppen.
Autor: Elke Windisch
