Verrückter Wind, verrücktes Schießen

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 11. Dezember 2017

Biathlon

Je schwieriger die Bedingungen, desto besser schießt Weltcup-Biathlet Benedikt Doll / Ein Schwarzwälder Quartett im IBU-Cup.

BIATHLON. Biathlon ist eine verrückt-spannende Sportart – und manchmal sind auch die Leistungen der Athleten ein bisschen verrückt. Die ersten Weltcuprennen in Östersund (Schweden) waren für Benedikt Doll (SZ Breitnau) enttäuschend verlaufen und auch in der Tiroler Ortschaft Hochfilzen, wo er im Februar Sprintweltmeister geworden war, ging der erste Wettkampf in die Hose: Im Sprint knallte der Schwarzwälder beim Liegendschießen viermal vorbei, stehend kam ein weiterer Fehler hinzu. Alle fünf Schüsse im Liegendanschlag schlugen am Rand ein, zweimal rechts tief, dreimal links tief. "Da war irgendeine Unruhe drin", vermutete die ehemalige hochdekorierte deutsche Biathletin Magdalena Neuner. Doll war sauer auf "die Scheißscheiben, die einfach nicht umklappen". Er reihte sich auf Rang 47 ein mit 2:27 Minuten Rückstand auf den Sieger. Das Gemeine daran ist, dass man das Zeithandicap mit in das Verfolgungsrennen nimmt. Ein schlechter Tag im Sprint verhagelt gleich zwei Weltcuprennen.

Der Verfolger, als Dolls "Wiedergutmachungs-Rennen" bezeichnet, gelingt dem Schwarzwälder besser. Bei schwierigen Bedingungen – Schneetreiben und tiefer Strecke – verfehlt er nur vier der 20 Scheiben und verliert auf Sprint- und Verfolgungssieger Johannes Thingnes Boe (Norwegen), der drei Fehler schießt, nur 17 Sekunden. Doll verbessert sich von Rang 47 auf 27. Bei schwierigeren Bedingungen als im Sprint leistet sich Doll im Verfolger bei 20 Schüssen vier Fehler, im Sprint waren es fünf gewesen bei zehn Schüssen.

Der 27-Jährige von Sonnenhof in Breitnau hat aber noch eine Steigerung parat: Gestern beim Staffelrennen war der Wind am stärksten, die Fahnen hingen waagrecht in der Luft. Es wurden unglaubliche Fehlerserien geschossen und in der Strafrunde herrschte Hochbetrieb. Und was macht Doll, der von Erik Lesser (SV Eintracht Frankenhain) als Vierter losgeschickt wurde? Bei wilden Böen trifft er liegend alle fünf Scheiben. Stehend ist es wie bei allen anderen an diesem Tag ein einziger Kampf: Der Schwarzwälder braucht alle drei Nachlader, um die fünf Scheiben abzuräumen. Er kann die Strafrunde aber verhindern und übergibt als Vierter an Arnd Peiffer (WSV Clausthal-Zellerfeld). Schlussläufer Simon Schempp (SZ Uhingen) sichert der deutschen Staffeln den zweiten Platz hinter Norwegen. "Es war heute schwer zu treffen. Beim Stehendschießen greift der Wind am Körper an und je länger ich da stehe, desto mehr geht der Puls runter und dann fange ich an zu wacklen", sagt Doll nach dem Rennen. Das Lachen in seinem Gesicht war zurück, seine Leistung in der Staffel wird ihm Mut und Selbstvertrauen geben für das letzte Weltcuprennen in diesem Jahr vom 14. bis 17. Dezember in Annecy-Le Grand Bornand (Frankreich).

Beim IBU-Cup in Lenzerheide (Schweiz) waren Annika Knoll (SV Friedenweiler-Rudenberg), Christin Maier (SC Urach), Janina Hettich (SC Schönwald) und Roman Rees (SV Schauinsland) am Start. Für Rees hatte die Saison beim ersten IBU-Cup in Sjusjoen (Norwegen) witterungsbedingt schlecht begonnen, in der Schweiz zeigte der B-Kader-Athlet, zu was er fähig ist. Den Sprint beendete der 24-Jährige als Neunter (ein Schießfehler), tags darauf im Verfolgungsrennen (drei Schießfehler) war er als Zwölfter bester deutscher Starter.

Die drei Biathletinnen aus dem Schwarzwald überzeugten in der zweiten internationalen Liga ebenfalls. Christin Maier beendete in ihrer ersten Saison bei den Frauen den Sprint auf Rang 18. "Mit dem Rennen bin ich sehr zufrieden. Die Grundlage für mein gutes Resultat war das fehlerfreie Schießen. Beim Laufen haben ich mich hinten raus noch etwas schwer getan, aber vom Gefühl her ist meine Form ansteigend", sagt die 21-Jährige, die einen Tag später im Verfolgungsrennen mit fünf Schießfehlern den 33. Platz belegt.

Mit Rang 28 war Annika Knoll die beste des Schwarzwälder Trios im Verfolger von Lenzerheide. Sie haderte: "Wir haben heute alle ein paar Fehler zu viel geschossen und läuferisch wollt’s bei mir noch nicht ganz so hinhauen wie im Training."

Tags zuvor im Sprint war sie nach einem fehlerfreien Schießen 24. geworden. "Ja, das war ein ordentlicher Start, vor allem, dass ich zweimal null geschossen habe. Im Laufen hoffe ich, dass meine Form nun von Rennen zu Rennen besser wird", sagt die 24-Jährige.

"Das war ein ordentlicher Start mit zweimal null

beim Schießen."

Biathletin Annika Knoll
Janina Hettich, die wie Maier erstmals bei den Frauen startet, hatte sich im Sprint als 21. ins Klassement eingereiht. "Von meiner Laufzeit bin ich ehrlich gesagt ziemlich überrascht, weil ich mich gar nicht so gut gefühlt habe. Wir hatten super Bedingungen, sowohl am Schießstand und auch auf der Strecke. Mich ärgert allerdings ein bisschen, dass der letzte Schuss danebenging." Im anschließenden Verfolgungsrennen verfehlte sie fünf der 20 Scheiben und belegte den 30. Platz.