"Der Stolz überwiegt"

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 26. Februar 2018

Olympische Spiele

Das deutsche Eishockey-Nationalteam unterliegt erst in der Verlängerung Russland im hoch dramatischen Olympia-Finale mit 3:4 und kehrt mit Silber heim .

GANGNEUNG. Sie gaben alles, sie kämpften, und für ein paar Minuten schienen sie schon Gold in Händen zu halten: Doch dann unterlagen die deutschen Eishockey-Cracks in einem olympischen Finale, an das man sich noch lange erinnern wird, Russland doch noch mit 3:4 (0:1, 1:0, 2:2, 0:1) nach Verlängerung. Nun kehren sie mit Silber zurück nach Deutschland. Millionen Fans begeisterten sich in der Heimat für ihre überragende Leistung im ganzen Turnier. "Der Stolz überwiegt", sagte Bundestrainer Marco Sturm.

Nur kurz hatte die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) am Freitagabend nach dem unglaublichen 4:3-Erfolg über Kanada den Einzug ins olympische Finale gefeiert. Zum ersten Mal überhaupt erreichte ein deutsches Eishockey-Team ein Spiel um Gold und ging nun, zwei Tage später, im Hockey Centre von Gangneung am Japanischen Meer mit der Absicht aufs Eis, auch ein letztes Mal alles zu geben gegen die sogenannten Olympischen Athleten aus Russland – die von Oleg Znarok trainiert werden, der einst auch das Trikot des EHC Freiburg trug (siehe Gesicht des Tages).

"Die Jungs sind hungrig", erklärte DEB-Sportdirektor Stefan Schaidnagel vor der Partie voller Optimismus, und Franz Reindl, der Präsident des Verbands, war sich ganz sicher: "Die Spieler werden alles tun. Sie wollen auch den letzten Schritt gehen."

Sie trafen am Sonntagmittag koreanischer Zeit auf eine Sbornaja, die ihren Gegner zunächst erkennbar unterschätzte. "Russland wird gewinnen", sagte Wladimir, Freund und Kollege aus Moskau, vor dem Eröffnungsbully. "Russland muss gewinnen", bekräftigte er nach dem zweiten Drittel, schien sich da aber schon nicht mehr ganz sicher zu sein. "Ich habe keine Ahnung mehr, wer hier gewinnt", meinte der 28 Jahre alte Internet-Reporter aus der russischen Hauptstadt dann sichtlich konsterniert, als Jonas Müller die DEB-Cracks kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit mit 3:2 (57. Minute) in Front gebracht hatte. Alles, wirklich alles hatten sie bis dahin getan: gekämpft, sich in Schüsse geworfen, Gegenspieler gecheckt. Gold war zum Greifen nahe – zumal Russland die letzten zwei Minuten in Unterzahl spielen musste. Doch 55 Sekunden vor dem Ende rettete sich der nunmehr neunmalige Olympiasieger mit einem Treffer von Nikita Gussew in die Overtime. Kirill Kaprisow machte das Glück der Russen dann perfekt.

"Rassia, Rassia", hatten weit über tausend russische Fans in der Halle die ganze Partie über skandiert, "Russland, Russland", und es dauerte sehr lange, bis dann auch die "Deutschland, Deutschland"-Rufe etwas lauter wurden. Die Sympathie der koreanischen Fans gehörte klar der DEB-Auswahl. Die Deutschen sind in Südkorea sehr beliebt, die Russen weniger.

Bis unmittelbar vor dem Ende des ersten Drittels hatte sich Sturms Team dem druckvollen Angriffsspiel des Rekord-Weltmeisters erfolgreich entgegengestemmt und die Partie ausgeglichen gestaltet, bevor Wiatscheslaw Woinow eine halbe Sekunde vor Schluss einnetzen konnte. Im zweiten Durchgang glückte Felix Schütz der Ausgleich zum 1:1 (30.), bevor im Schlussdrittel Nikita Gussew (54.) erstmals für Russland traf.

Man konnte aber gar nicht so schnell schauen, wie das DEB-Team zurückschlug: Dominik Kahun glich kaum zehn Sekunden später zum 2:2 aus. Hätte Sturms Team dann Müllers 3:2-Führung über die Zeit gerettet, wäre aus Deutschland zumindest für einen Tag Eishockey-Deutschland geworden.

"In ein paar Tagen werden

wir verstehen, was wir

geleistet haben für das Land."

Kapitän Marcel Goc
Die DEB-Auswahl konnte trotzdem stolz sein auf das Erreichte. "Es ist hart für uns", sagte Bundestrainer Sturm. "Wir waren nah dran." Doch seine Cracks bringen nun Silber mit nach Deutschland, das zähle schließlich auch. "Der Stolz überwiegt", erklärte der Chefcoach: "Ich bin einfach nur happy, dass die Jungs die Medaille mit nach Hause nehmen."

Verteidiger Christian Ehrhoff erinnerte an die Gesamtleistung in Gangneung. "Wenn wir auf das gesamte Turnier zurückblicken, dann können wir unglaublich stolz sein auf das, was wir hier erreicht haben." Der Ex-Schwenninger Marcel Goc wird wohl noch eine ganze Weile brauchen, um das Geschehen bei den Winterspielen zu ordnen. "In ein paar Stunden, in ein paar Tagen werden wir verstehen, was wir geleistet haben für das Land und für das Eishockey."

Das Programm der Spieler war auch nach dem Finale noch sehr eindrucksvoll. Zusammen mit Verteidiger Ehrhoff, dem Fahnenträger des deutschen Teams, fuhren sie zur Abschlussfeier ins Olympiastadion von Pyeongchang, um dort mit dem langjährigen Spieler der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL einzulaufen. Im Anschluss wollten sie im Deutschen Haus feiern, und das nicht zu knapp.

Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, bat sie vorsorglich, schon einmal ihr Gepäck mitzunehmen. Denn am Montagmorgen um fünf Uhr früh südkoreanischer Zeit sollte der Bus das Team zum Flughafen Incheon westlich von Seoul bringen. Für elf Uhr vormittags war dann der Abflug nach Deutschland geplant.

Schon am Tag vor dem Finale hatte DEB-Präsident Reindl bei einer Pressekonferenz im Deutschen Haus eine erste Bilanz zu den Ereignissen in Südkorea gezogen. "Es ist einfach gigantisch für das deutsche Eishockey, was die Mannschaft hier leistet", sagte Reindl der Badischen Zeitung. "Auch nüchtern betrachtet ist das eine Sensation."

DEB-Sportdirektor Schaidnagel würdigte die Arbeit des Cheftrainers. "Marco Sturm hat in jedem Spiel seine Ruhe, seine Contenance bewahrt." Er sei ihm zusammen mit seinen Helfern gelungen, die Mannschaft auf jeden Gegner akribisch einzustellen. Team, Betreuer, Trainerstab: Sie alle hätten sich bei den Spielen in Gangneung zu einer "eingeschworenen Einheit" entwickelt. Schaidnagel hofft, dass die Ereignisse in Südkorea nun auch dem Eishockey-Sport in ganz Deutschland einen Impuls geben werden. "Der Erfolg ist jetzt in aller Munde", sagte er. "Diesen Schwung müssen wir mitnehmen für die Eishockey-Familie in Deutschland."