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04. August 2012

"Laufen war für mich Krieg"

Der staatenlose Flüchtling Guor Marial aus dem Südsudan startet im Zeichen der olympischen Ringe beim Marathon, dabei wollte er eigentlich nie wieder laufen.

  1. Guor Marial darf nur in London starten, weil sein Mentor sich unermüdlich für ihn einsetzte und um Reisepapiere für ihn bettelte. Foto: AFP

LONDON. Rennen war für den Guor Marial früher alles, nur kein Spaß. Wenn er lief, dann meist um sein Leben. Für den kleinen Jungen aus dem Südsudan ging es nicht um Zeiten und Platzierungen – Panik war sein Antrieb, einfach am Leben bleiben. Dass es ihm gelungen ist, grenzt an ein Wunder. Dass er am letzten Tag der Spiele nun am Marathon teilnimmt, ist dagegen eine Geschichte, die zeigt, dass das oft knallharte olympische Geschäft manchmal auch menschliche Züge hat. Guor Marial kommt aus dem Südsudan, dem jüngsten souveränen Staat der Welt. Ein Staat, der andere Sorgen hat, als eine Mitgliedschaft im IOC zu beantragen. Der 28-Jährige darf trotzdem starten – unter der Flagge mit den fünf Ringen. "Dass ich hier dabei sein darf, ist ein Zeichen, dass Gott mir einen Weg zeigen will", sagt er.

Als Marial acht Jahre alt war, wusste er nichts von Olympischen Spielen. Und Gott war weit weg. Seine Familie gehörte zu der christlichen Minderheit im Süden des Sudan, der Bürgerkrieg tobte, acht seiner zehn Geschwister kamen grausam uns Leben. Guor hatte Glück und schnelle Beine. Wann immer es gefährlich wurde, rannte er weg. "Später habe ich es gehasst zu laufen", sagt er. "Rennen war für mich immer Krieg." Mit neun Jahren verschleppten ihn Nomaden, als er wieder einmal aus seinem Dorf geflüchtet war, weil es von sudanesischen Truppen beschossen wurde. Guor konnte aber weglaufen, als er Ziegen hüten sollte. Ein Jahr später verschleppte in die Armee, der kleine Guor wurde von einem Offizier wie ein Sklave in einem Arbeitslager gehalten. Auch hier konnte er nach einem Jahr wegrennen. Über Umwege schaffte es der Junge in die Hauptstadt Khartum zu einem Onkel. Einige Jahre ging es gut, dann wurde der Onkel verhaftet, ihm von der Polizei mit einem Gewehrkolben der Kiefer zertrümmert. Und Marial rannte wieder. Seine Odyssee endete 2001, nachdem er sich mit seiner Schwester bis Ägypten durchgeschlagen hatte, als anerkannter Kriegsflüchtling in den USA.

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Auf der Schule dort in Concord in New Hampshire erkannten sie schnell sein Talent. Aber der traumatisierte Jugendliche wollte erst nicht laufen, nie mehr. Ein Lehrer konnte ihn schließlich überzeugen. Meter für Meter lief sich Guor Marial seine geschundene Seele frei. Und hatte Erfolg. Marial bekam ein Stipendium an der Universität von Iowa und vor 13 Monaten beendete der studierte Chemiker in Minneapolis den ersten Marathon seines Leben in 2:14:32 Stunden, 28 Sekunden besser als die olympische Norm. Im Sudan wurde man auf ihn aufmerksam, wollte ihn nach London schicken. Aber für Marial war das kein Thema. Nie. "Damit hätte ich meine Leute betrogen", sagt er. "Zwei Millionen Menschen sind für unsere Freiheit gestorben, für den Sudan starte ich nicht." Aber für den Südsudan oder die USA konnte er auch nicht. Marial hat keinen Pass, gilt als staatenlos, weil er sein Land vor dessen Gründung verlassen hatte und in den USA noch nicht eingebürgert ist. Und selbst wenn es mit einem Pass aus seiner Heimat geklappt hätte – der Südsudan ist kein Mitglied des IOC.

Hier wäre die Geschichte eigentlich zu Ende. Aber es gab Hilfe für den jungen Mann, der sich bis dahin immer nur selbst helfen konnte. Brad Poore, ein Anwalt aus Kalifornien und begeisterter Marathonläufer, begann vor zwei Monaten einen Lobby-Dauerlauf für seinen Freund. Poore bettelte um Reisepapiere bei den US-Behörden, auf seine Initiative schrieb im Juli der Präsident der Hilfsorganisation Refugees International an IOC-Präsident Jacques Rogge. Sport sei ein Menschenrecht, hieß es in dem Brief. Eine britische Journalistin lancierte eine Online-Petition für Marial. Und am Ende zeigten die Granden des Weltsports Herz. Der Flüchtling darf unter der olympischen Flagge starten. Zuletzt gab es das 1992 bei den Winterspielen von Albertville. Damals traten die ehemaligen Sowjetrepubliken Russland, Ukraine, Kasachstan, Weißrussland, Usbekistan und Armenien als "Unified Team" unter der Fahne mit den fünf Ringen an, bei Siegerehrungen wurde die olympische Hymne gespielt.

Das IOC hat sein Flugticket bezahlt

Ob Marial am letzten Tag der Spiele nach seinem erst dritten Marathon auf der Prachtstraße The Mall diese Hymne hören wird, ist eher unwahrscheinlich. Der 28-Jährige arbeitet nachts in einem Heim für geistig behinderte Menschen. Tagsüber trainiert er so gut er kann auf dem Geländer der Universität in Arizona. "Das Training ist hart, aber nichts im Vergleich zu dem, was ich erlebt habe." Am Freitag kam er in London an. Das IOC hat sein Flugticket bezahlt, Marial hofft noch auf ein paar neue Laufschuhe und ein schmuckes Trikot. Über Verwandte mit Telefon hat er versucht, seine Eltern von seinem Start zu informieren. Selbst hat er seit Jahren nicht mit ihnen sprechen können, in dem kleinen Dorf gibt es weder Strom noch Wasser – Telefon schon gar nicht. Ob es klappt, weiß er nicht.

Sportlich wäre eine Medaille für Guor Marial eine Sensation, trotz einer Bestzeit von 2:12:55 Stunden. "Aber bei einem Mensch, der wie durch ein Wunder alles überlebt hat, ist alles möglich", sagt sein Mentor Brad Poore.

Autor: Jürgen Löhle