Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
23. Februar 2010 00:11 Uhr
Premiere
Olympische Schneekängurus: Skicross kommt an
Da hat sich schon so mancher Fernsehzuschauer verwundert die Augen gerieben: Skicross ist neu im Olympischen Programm. BZ-Redakteurin Martina Philipp war bei der Premiere dabei.
CYPRESS MOUNTAIN. Wolfgang Maier grantelt. "Also, für die Fairness muss da noch was gemacht werden." Der Sportdirektor des Deutschen Ski-Verbandes steht in der Sonne und ärgert sich darüber, dass Simon Stickl, die deutsche Skicross-Medaillenhoffnung, im Achtelfinale nur deswegen ausgeschieden ist, weil der Norweger Anders Rekdal direkt vor ihm stürzte. Als Heli Herdt Maiers Lamentieren hört, muss er kurz tief Luft holen: "Aber das Verlieren gehört doch bei uns dazu." Kaum hat der sportliche Leiter der deutschen Skicrosser zu Ende gesprochen, fliegt im Finale der Kanadier Christopher Delbosco durch die Luft und stürzt spektakulär. "Der hatte eine todsichere Medaille und jetzt liegt er auf der Nase. Das ist bei uns halt so", bemerkt Herdt.
Als erster Olympiasieger in der neu aufgenommenen Freestyle-Disziplin durfte sich der Schweizer Michael Schmid feiern lassen vor dem Österreicher Andreas Matt und dem Norweger Audun Groenvold. Drei Europäer vor einem Nordamerikaner, das läuft dem Deutschen Herdt im Moment ganz gut rein. Nicht nur, weil im Skicross die Musik eigentlich in Nordamerika spielt, wo neue Trendsportarten per se viel gefragter sind. Nein, vor allem weil Delbosco noch vor dem Rennen ein bisschen über die Europäer gelästert haben soll. Nach dem Motto: "Die haben vor solchen Rennen doch nur Angst und fahren lieber Riesenslalom." Simon Stickl nicht.
Werbung
Als der 22-Jährige aus Bad Wiessee an diesem Sonntag im Achtelfinale am Start steht, hat er nur eine Medaille im Skicross vor Augen. Er sei nicht ganz optimal aus dem Starthäuschen gekommen, wird er später sagen. Mit seinen drei Gegnern aus Jamaika, Kanada und Norwegen muss er die 1144 Meter lange, anspruchsvolle Piste mit ihren engen Kurven, spektakulären Sprüngen und Spitzkehren hinunter fahren. "Nur schubsen, schlagen und ziehen ist verboten", hatte Stickl vor dem Rennen grinsend erklärt und versichert: "Am Fernseher sieht es schrecklicher aus, als es ist."
Heli Herdt über die
Besonderheiten beim Skicross
Stickl ist Dritter nach dem Start, aber er bleibt an seinen Vorderleuten dran. Und kurz vor dem Ziel attackiert er. Das muss er, denn nur zwei von vier Startern kommen pro Lauf des Ski-Spektakels eine Runde weiter. Doch unmittelbar nach dem vorletzten Sprung stürzt der Norweger Anders Rekdal vor ihm. Stickl reißt es den linken Ski nach hinten weg, er dreht eine Pirouette, schafft es irgendwie, nicht zu stürzen, rast ins Ziel – und scheidet als Dritter aus. Als wenig später auf der Leinwand die Aufnahmen von Stickls Helm-Kamera gezeigt werden, geht ein ungläubiges Raunen durch die vollbesetzten Zuschauerreihen.
Dass er an diesem Tag für die spektakulärsten Bewegtbilder gesorgt hat, tröstet den Bad Wiesseer später gar nicht. "Ich hab grad zum Überholen angesetzt, da schmeißt es den hin", ärgert sich Stickl nach Platz 19. Aber das sei eben die Lotterie im Skicross, "ich bin ja noch jung". Das kann man über Martin Fiala nicht sagen. Mit 42 Jahren ist er der Senior im deutschen Team. War, genauer gesagt. Ihn ereilt das Aus in der selben Runde, als 31. beendet der ehemalige Skirennfahrer seine Skicross-Karriere. "Das war mein letztes Rennen."
Eine, die auch noch viele Rennen vor sich hat und hofft, dass Skicross seinen Platz bei Olympia auf Dauer sichern und die Popularität ihrer Disziplin steigern kann, ist Julia Manhard. Sie steht atemlos am Zieleinlauf. "Mir ist fast das Herz stehen geblieben, als ich gesehen habe, was da beim Simon passiert ist." Die 22-jährige Studentin und Junioren-Weltmeisterin von 2006 geht heute bei den Frauen an den Start. Respekt vor der anspruchsvollen Strecke hat sie nicht: "Sie dürfte nur auf keinen Fall länger werden, dann würde es gefährlich." Der Grund: Der Kurs mit seinen 19 Sprüngen sei sehr anstrengend und der Sieger müsse inklusive Trainings- und Qualifikationsfahrt sowie den K.o.-Runden sechs Mal den Parcours abfahren. Nun, Simon Stickl musste nicht ganz so oft ran, aber er ist sich sicher, dass er 2014 in Sotschi die nächste große Chance erhält und Skicross demzufolge im Olympiaprogramm bleiben darf. "Das merkt doch jeder, wie das ankommt."
Autor: Martina Philipp
