Team Bora

Aufbruchstimmung im Tretlager

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

Di, 12. Dezember 2017

Radsport

Die in Schiltach ansässige Firma Hansgrohe verlängert im Rahmen der Teamvorstellung ihr Engagement beim Team Bora.

SCHILTACH. Es ist davon auszugehen, dass Lukas Pöstlberger derzeit auf Mallorca an seiner Form feilt. Dem Österreicher ist im Mai diesen Jahres ein ganz besonderer Coup gelungen. Der 25-Jährige gewann die Auftaktetappe des Giro d’Italia, eine der drei großen Landesrundfahrten für Radprofis. Für einen Tag durfte sich der gelernte Tischler daraufhin ins rosa Trikot kleiden, den textilen Ausweis des Gesamtbesten. Der Sieg ringt Pöstlberger noch heute ein verschmitztes Lächeln ab. Er war nämlich nicht geplant. "Aber dann hat sich da plötzlich eine Lücke aufgetan", schildert er die Situation rund 500 Meter vor der Ziellinie, "und dann hab’ ich halt draufghalten." Den Tag danach hat er "surreal" in Erinnerung. "Wenn du das rosa Leiberl anhast, wollen gefühlt tausend Menschen was von dir." Einen dritten und 15. Tagesrang hat der Österreicher dann auf dem Stiefel noch eingefahren, er wurde in der Endabrechnung 15. in der Punktewertung. Ein bisschen stolz ist er darauf.

Am vergangenen Donnerstagabend war Pöstlberger noch in Schiltach unterwegs. Nicht mit dem Fahrrad, zusammen mit seinen Teamkameraden war er bei Hansgrohe zu Gast. Der Hersteller sanitärtechnischer Produkte ist zusammen mit dem im bayerischen Raubling ansässigen Kochfeldabzüge-Hersteller Bora Hauptsponsor der gleichnamigen WorldTour-Equipe. In den großzügigen Räumen im Kinzigtal präsentierte sich das Team mit dem dreimaligen Weltmeister Peter Sagan an der Spitze und 24 weiteren Fahrern, darunter die Landesmeister aus Deutschland (Marcus Burghardt), Österreich (Gregor Mühlberger) und der Slowakei (Juray Sagan), erstmals der Öffentlichkeit.

Im schicken Ambiente seines Hauses verkündete Hansgrohe-Chef Thorsten Klapproth sogleich, dass man das Investment bei den Radlern "bis mindestens 2019" weiterführen werde. 2017 sei "ein tolles Jahr" gewesen, das man jetzt noch toppen wolle. Derzeit auf Platz acht der Achtzehner-Rangliste des Radsport-Weltverbandes (UCI) geführt, will sich die Mannschaft von Teammanager Ralph Denk weiter verbessern. Die Topposition hat man bei Bora-Hansgrohe im Visier. Jene Region, von der aus die Briten von Sky und die Belgier von Quickstep-Floors die Szene beherrschen.

Ein ambitioniertes Unterfangen, zu dem auch Pöstlberger seinen Teil dazu beitragen möchte. Man tut dem sympathischen Allrounder aus Vöcklabruck, der gerade seine erste Wohnung bezogen und die letzten Tage seines Urlaubes "so richtig genossen" hat, sicher nicht weh, wenn man ihn in die Schar der talentierten Helfer einsortiert. "Wer Peter Sagan in der Mannschaft hat, weiß, für wen er zu fahren hat", beschreibt er sein tägliches Brot. Gleichwohl weiß man im Team, dass Pöstlbergers Attacke auf der ersten Giro-Etappe nicht aus heiterem Himmel kam. Eine enorme Tempohärte zeichnet den Österreicher aus, was ihn für Fluchten aber auch fürs Zeitfahren prädestiniert. Mithin für höhere Aufgaben.

In Schiltach wird derweil von vier Musikanten ausdauernd getrommelt, "We are the Champions" von Queen schallt zudem durchs Gebäude. Von Scheinwerfern ins lichte Bild gesetzt tritt die neue Mannschaft auf die Bühne, gewandet in das neu designte schwarz-grün-weíße Trikot. Nur einer fehlt: Peter Sagan. Der König kommt zum Schluss, einzeln und auf dem ebenfalls neu gestalteten Rad sitzend. Die übliche Fragerunde mit dem Moderator beendet der schlitzohrige Sagan, noch bevor sie angefangen hat. Stattdessen schnappt er sich selbst das Mikrofon und plaudert munter vor sich hin. Sagan ist gut drauf, er macht seine Späßchen. Die Kameraden prusten und halten sich den Bauch. So kennen sie ihn, den großen Meister aus der Slowakei.

"Ein Pfundstyp", sagt auch Pöstlberger über seinen Kapitän, der weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit zuletzt ein Stück weit Genugtuung erfahren durfte. Die UCI nahm die gegen ihn ausgesprochenen Sanktionen zurück, die nach dem Zielsprint bei der vierten Etappe der Tour de France gegen Sagan ausgesprochen worden waren. Zu einem spektakulären Crash mit dem Briten Mark Cavendish war es kurz vor der Ziellinie gekommen. Ein Zusammenprall, der Cavendish einen Klinikaufenthalt einbrachte und Sagan eine Disqualifikation. Er durfte nicht weiterfahren. Absicht hatte man dem Weltmeister unterstellt. Ein Vorwurf, den die UCI jetzt, viereinhalb Monate danach, zurückgenommen hat. Auch Bilder hatten den unterstellten Vorwand nie eindeutig bewiesen.

Vor der Abreise ins Trainingslager versichert Pöstlberger noch, dass er sich "sehr aufs Radfahren und die neue Saison freut". Den Giro möchte er wieder fahren, schon der schönen Erinnerung wegen. Und dann, natürlich, ein paar der Frühjahrsklassiger in Benelux.

Nein, sagt er, die Schinderei von Paris-Roubaix sei seine Sache nicht. Ein Stück weit auch aus der Sorge heraus, ein Sturz auf den gefürchteten Kopfsteinpflasterpassagen könnte seiner Saison abträglich sein. Ins Visier genommen hat er vielmehr die Flandernrundfahrt. Ein sogenanntes Monument, eines der ganz großen Rennen also. Wer dort sein größter Konkurrent werden könnte? Logisch, Peter Sagen, der Teamkollege. "Gegen den ist ja eigentlich kein Kraut gewachsen", sagt Pöstlberger. Aber man weiß ja nie. In diesem Sinne: viel Spaß.