Der Alleskönner

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Fr, 13. April 2018

Mountainbike

Simon Stiebjahn zählt im Cross-Country, Sprint und Marathon zu den besten deutschen Mountainbikern – seine Vielseitigkeit ist einzigartig.

Die Vita

Der 28-Jährige kam im Krankenhaus in Titisee-Neustadt auf die Welt und ist in Langenordnach ("de’Orne") aufgewachsen, wo er auch heute noch wohnt. Er hat im Alter von sechs Jahren mit Fußball beim SV Hölzlebruck begonnen, zwei Jahre später kam Skilanglauf beim SC Langenordnach und parallel auch schon Radsport beim RSV St. Märgen dazu. Zur Schule gegangen ist er zunächst in Waldau und später hat er in Titisee-Neustadt das Abitur am Technischen Gymnasium gemacht. Parallel zum Radsport absolviert er derzeit ein Fernstudium "International Management" und möchte demnächst den Abschluss Bachelor of Arts machen. Zudem arbeitet er nebenher als Dienstleister für die Sauser Event GmbH und Stiebjahn wird wohl für das Bundesligarennen in Neustadt mit zwei weiteren Personen eine eigene Agentur gründen. Den Radsportverein (RSV) Hochschwarzwald leitet Stiebjahn seit 2017 als Vorsitzender. "Ich könnte mir vorstellen, dass ich später beruflich im Eventbereich tätig sein werde."

Der Sportler

Seit 2009 fährt Stiebjahn (1,80 Meter /69 Kilogramm) für das Mountainbike-Team Bulls. 2012 bekam er seinen ersten gutdotierten Vertrag im Radsport, parallel dazu war er damals auch noch bei der Bundeswehr. Seit der Saison 2015 ist er Vollprofi im Team Bulls. "Ich bin sehr glücklich, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte", sagt Stiebjahn. Im Nachwuchsbereich zählte er nie zu den Besten, "das war für mich Anreiz, weiter an mir zu arbeiten, denn ich wollte schon zu den Besten gehören." Er hat das Verlieren als Kind gelernt, trotzdem aber nie den Spaß am Mountainbiken verloren. Seine maximale Leistung bei der DM 2014 betrug bei einem Antritt im Endspurt 1714 Watt. Seine Internetseite: http://www.simon-stiebjahn.com

Die Erfolge

Stiebjahn wurde in der Altersklasse U 23 Marathon-Europameister und als Aktiver zweimal deutscher Marathon-Vizemeister. Er hat in den vergangenen vier Jahren die Bundesliga-Gesamtwertung im Cross-Country gewonnen. 2014 und 2017 war er Deutscher Meister im Sprint. Mit seinem Partner Tim Böhme wurde Stiebjahn 2014 Dritter beim Cape Epic in Südafrika, dem bedeutendsten Mountainbike-Etappenrennen der Welt. Die Vaude-Trans-Schwarzwald hat er im Zweierteam ebenso gewonnen wie die Folge-Veranstaltung Rothaus Bike Giro Hochschwarzwald in der Einzelwertung. Im vergangenen Jahr wurde er Dritter bei der Grand Raid in der Schweiz, die Mutter aller Marathonrennen ist mit 125 Kilometern und 5000 Höhenmetern sowie einer langen Tragepassage extrem schwierig. Stiebjahn ist der beste Alleskönner unter den deutschen Mountainbikern. "Bei einem Test wurde festgestellt, dass ich beide Muskelfasern habe, die für schnellkräftige Kontraktionen und auch die für Ausdauerbelastungen. Zudem reagiert mein Körper immer recht schnell auf spezifisches Training, beispielsweise für den Sprint", sagt der 28-Jährige.

Training

Stiebjahn hat keinen Coach und steuert sein Training seit Jahren selbst. Er hört auf seinen Körper und verbindet das mit Einheiten, auf die er Lust hat. "Ich habe lange mit Klaus Ketterer zusammengearbeitet. Anschließend hat mich der damalige Bundestrainer Frank Brückner gecoacht, da habe ich viele neue Sachen entdeckt, die mir auch guttun", sagt Stiebjahn. Er trainiert ohne Watt- und Pulsmesser und orientiert sich allein an seinem Körpergefühl. Die Hälfte der Trainingszeit absolviert er auf dem Rennrad, die andere Hälfte auf dem Mountainbike. In der Woche absolviert er fünf bis sechs Einheiten, im Schnitt kommen 17 bis 18 Trainingsstunden zusammen. Im Winter steht er viel auf den Langlaufski, Loipen aller Schwierigkeitsgrade liegen in nächster Nähe: "Skilanglauf ist ein sehr gutes Ganzkörpertraining", sagt er. Auch Stabilisationstraining forciert er in der kalten Jahreszeit, im Sommer sei dafür fast keine Zeit. Im vergangenen Jahr absolvierte Stiebjahn 880 Trainingsstunden aufgeteilt auf 280 Einheiten. Seine Trainingsempfehlung für ambitionierte Hobbybiker lautet: "Ich bin ein Verfechter von Krafteinheiten auf dem Rad. Es sollte ein gleichmäßiger Anstieg mit vier bis fünf Prozent sein, den man mit einem dicken Gang und einer Trittfrequenz von 50 bis 60 hochfährt. Meistens mache ich acht bis zehn Wiederholungen, die Belastungszeit variiert zwischen sechs und zehn Minuten."

Sportliche Ziele

Ein Highlight in diesem Jahr ist die deutsche Marathonmeisterschaft beim Ultra Bike in Kirchzarten. Zwei Tage zuvor wird im Dreisamtal auch der Deutsche Sprintmeister ermittelt, Stiebjahn will seinen Titel verteidigen, schränkt aber ein: "Es wird schwierig, beides zu verbinden, Sprint und Marathon. Mein Fokus liegt ganz klar auf der Marathon-DM." Die Marathon-Weltmeisterschaft in Auronzo di Cadore in Norditalien ist ebenfalls ein Saisonziel. "Es wird schwierig, die guten Ergebnisse aus der vergangenen Saison noch zu toppen, aber ich will sie auf jeden Fall bestätigen. Langfristig wäre es mein Traum, einmal eine WM-Medaille zu gewinnen und vielleicht auch mal ganz oben zu stehen", sagt er.

Ernährung

Während des Wettkampfs trinkt Stiebjahn ein Elektrolytgetränk (0,7 Liter pro Stunde) und nimmt alle 20 bis 30 Minuten ein Gel auf Öl- und Fettbasis zu sich. Es gibt auch Gels auf Zuckerbasis, der Langenordnacher hat jedoch herausgefunden, dass ihm die langkettigen Gels besser taugen. Vor den Wettkämpfen – am Vorabend und auch am Morgen, – isst er am liebsten Reis. "Mir wird nachgesagt, dass ich bei der Ernährung noch großes Verbesserungspotenzial habe. Es gibt Phasen, vor Saisonhöhepunkten beispielsweise, da achte ich auf meine Ernährung. Aber es gibt auch Phasen, da esse ich bei meinem Onkel in der Wirtschaft ein Cordon Bleu mit Pommes oder auf was ich sonst Lust habe."

Das Mountainbike

Das Bulls-Carbonrad, das er fährt, wiegt 9,1 Kilogramm. Ausgestattet ist das Rad mit edlen Shimano-XTR-Komponenten und einer elektronischen Elffach-Schaltung. Vorne ist eine Upside-Down-Gabel von Rockshox eingebaut. Alle Anbauteile sind aus Carbon. "Seit diesem Jahr fahren wir ein neues Reifensystem, das nennt sich procore: Es gibt einen äußeren und inneren Mantel. Der innere Mantel wird mit sechs Bar aufgepumpt und der äußere braucht nur noch 1,1 bis 1,2 Bar", erzählt Stiebjahn. Der äußere Reifen habe "einen sehr guten Grip" und durch den inneren Mantel gibt es keine Durchschläge mehr. Einziger Nachteil: Das neue Reifensystem wiegt zirka 200 Gramm mehr, "der Komfortgewinn ist aber deutlich spürbar". Ein vollgefedertes Rad ("Fully") ist Stiebjahn beim Cape Epic in Südafrika gefahren, weil der Untergrund dort sehr ruppig ist. Bei Rennen in Europa bevorzugt er das Hardtail wie eingangs beschrieben, das im Handel für 5999 Euro zu haben ist.