Der Mut zum Kärchern fehlt

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

Sa, 07. Juli 2018

Radsport

An diesem Samstag startet die 105. Auflage der Tour de France / Grünes Licht für Favorit Christopher Froome / Elf deutsche Fahrer.

FREIBURG. Natürlich ist er da. Der Radsport-Weltverband (UCI) hat Christopher Froome schließlich freigesprochen. Von wegen Doping! "Ich wüsste nicht, wie ich Froome hätte sanktionieren sollen", begründete UCI-Chef David Lappartient die Entscheidung, dem umstrittenen Briten den Start in Frankreich zu ermöglichen. Immerhin, so der Franzose Lappartient, habe die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in einem Schreiben an die UCI grünes Licht für Froomes Vorhaben gegeben, die Frankreich-Rundfahrt ein fünftes Mal gewinnen zu wollen. Die Untersuchung der Proben von Herrn Froome, so habe es in dem Brief geheißen, hätten keine Verletzung der Anti-Doping-Regeln ergeben. Freie Fahrt für Christopher Froome also.

Zehn Monate hatte das Tauziehen angehalten. Auf der einen Seite der von einem steten Grauschleier des Misstrauens umgebene Fahrer der ebenso mysteriösen Sky-Equipe, auf der anderen Seite die UCI und die Wada, die gebetsmühlenartig ihre Absicht verkünden, den Radsport endlich von seinem größten Laster befreien zu wollen. Zum Kummer vieler Fahrer im bunten Peloton kommen die beiden Institutionen dabei aber nicht so richtig voran. Die Kräfte der Lügen und des Vertuschens halten die Branche noch immer fest im Griff.

Bei der Spanien-Rundfahrt im vergangenen Jahr ermittelten die Dopingfahnder eine Konzentration von 2000 Nanogramm Salbutamol pro Milliliter im Blut des viermaligen Tour de France-Siegers aus Großbritannien. Das ist in etwa das Doppelte des von der Wada festgesetzten Grenzwertes – also eine ganz ordentliche Ladung. Aber Froomes Gesundheitspass weist ihn als Asthmatiker aus – weshalb er mit einer entsprechenden Ausnahmeregelung im Sattel sitzt. Einhalten muss er den Grenzwert aber gleichwohl. Eigentlich.

Die Arznei ist dafür da, den Spannungszustand der Bronchialmuskulatur zu senken, damit sich die Bronchien weiten. Übersetzt für den Laien heißt das, der "Patient" kann nach der Einnahme besser atmen, er bekommt mehr Luft in die Lungen, also auch mehr Sauerstoff. Viele Monate hat die UCI über dem Fall gebrütet. Zwar hieß es stets, man wolle die Akte Froome bis zum Start der Tour vom Tisch bekommen. Doch erst ein gewagter Schachzug der ASO, das sind die Veranstalter der Tour de France, hat die Sache dann derart beschleunigt, dass selbst die Fachwelt aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen ist.

ASO-Chef Christian Prudhomme hat nämlich vor ein paar Tagen verlauten lassen, dass er Froome nicht bei der Tour in die Pedale treten sehen möchte. Deshalb hat er den Titelverteidiger des Gelben Trikots ausgeladen – und sich dabei auf sein Recht als Veranstalter berufen. Froome sei als Doper ein schlechtes Vorbild und schade dem Sport, begründete Prudhomme seinen Schachzug.

Danach ging es gerade mal 24 Stunden, schon war Froome aller Sorgen ledig. Prudhomme musste zurückrudern. Der Freispruch durch die UCI veränderte alles – obschon er nach außen nicht detailliert begründet war. Hängen blieb nur, dass es nicht Froomes Fehler gewesen sei, er nichts dafür könne und er deshalb weiter als vorbildlicher Sportsmann gelte.

Dass der Großteil von Froomes Arbeitskollegen sauer war, sich manche Fahrer fürchterlich aufregten und den mit viel Versprechungen angetretenen David Lappartient verbal zum Teufel wünschten, nützte auch nichts mehr. Froome wird am heutigen Samstag mit der Startnummer eins von Noirmoutier-en-l'Île aus ins Rennen gehen. Und es käme sicherlich einer kleinen Sensation gleich, würde er nicht am 29. Juli als dann fünfmaliger Sieger in Paris über die Champs-Elysées fahren und dabei triumphierend grinsen.

Viele Beobachter werden dann wieder über den Radsport die Nase rümpfen und von einer kaputten Gemeinschaft reden. Es wird wieder die Forderung nach Schutzsperren für vermeintlich erwischte Betrüger laut werden – und auch die angeblich selbstheilenden Kräfte dürften wieder herbeigesehnt werden. Tun wird sich aber nichts, weil der Mut zu Kärcher-ähnlichen Reinigungen im Radsport – wie auch in anderen Sportarten – schlicht fehlt.

Schon während des Giro vor ein paar Wochen sind nicht wenige vom Glauben abgefallen. Mit dem Wunsch, auch einmal die Italien-Rundfahrt gewinnen zu wollen, war Froome auf dem Stiefel erschienen. Schon meinte die gutgläubige Radsportwelt, alles würde sich womöglich zum Besseren fügen, als der Sky-Kapitän zunächst Schwächen zeigte und den Kontakt zur Spitze verlor. Doch dann schienen auf der 19. Etappe plötzlich außerirdische Kräfte im Spiel, als der schmächtige Brite zu einer Flucht über 80 Kilometer ansetzte – und das Peloton in Grund und Boden fuhr. Im TV war schwärmerisch von "modernem Radsport" die Rede, dabei erinnerte es fatal an alte Zeiten. Froomes Demonstration und Sieg warfen eine Menge Fragen auf.

Zur Tour hat Froomes Sky-Equipe jetzt eigens Bodyguards mitgebracht, die ihren Kapitän schützen sollen. Der hat schon im vergangenen Jahr erfahren, wie es ist, als immer lächelnder Verdächtiger durchs Land zu strampeln. Froome ist quasi als radelnder Agent Provocateur unterwegs. Und wie die UCI diese Woche eindrücklich bewiesen hat, kann ihm ja tatsächlich keiner so richtig am Zeug flicken. Die darob frustrierte Galerie am Straßenrand erprobte sich darob in Selbstjustiz. Ein Becher Urin flog dem Mann in Gelb vor Jahresfrist entgegen. Eine verurteilungswürdige Tat, die in Reformkreisen aber auch schon mal als Notwehr gesehen wird.

23 000 Polizisten und Gendarmen sollen in diesem Jahr entlang der Straßen für Sicherheit sorgen. Ein Schutz, der zwar in erster Linie Attentate und politisch motivierten Terror verhindern soll, den vielleicht aber auch der in Nairobi geborene Froome zu schätzen weiß.

Zum Sportlichen: 2018 wird die La Grande Boucle (die große Schleife) mal wieder im Uhrzeigersinn gefahren. Vom Atlantik geht’s zunächst hinauf in die Bretagne, dann in Flachetappen und auf Kopfsteinpflaster in Richtung Nordosten. Auf derartige Ingredienzen greifen die Organisatoren gerne zurück – in Erwartung eines Spektakels, das die mutmaßlichen Favoriten in Schwierigkeiten bringen und Millionen vor den Fernsehschirmen fesseln soll. Danach geht es dann per Transfer mitten hinein in die Alpen, wo am 19. Juli mit der Auffahrt über 21 Kehren auf die legendäre Alpe d’Huez das vielleicht größte Spektakel im Radsport überhaupt ansteht.

Spätestens jetzt sollte das Gesamtklassement gut durchgeschüttelt sein und sich in einer ernstzunehmenden Rangfolge präsentieren. Auch Froome wird jetzt wohl vorne mit dabei sein, mit ihm Fahrer wie der Italiener Vincenzo Nibali, der Australier Richie Porte, die beiden Kolumbianer Nairo Quintana und Rigoberto Uran und – so hofft vor allem die Grand Nation – der Franzose Romain Bardet.

Die Entscheidung wird wohl

in den Pyrenäen fallen

Es ist indes gut möglich, dass die Entscheidung erst ein paar Etappen später in den Pyrenäen fällt. Die Berge an der Grenze zu Spanien sind nicht nur wunderschön, sie weisen auch ordentliche Rampen auf – und sind somit schwieriger zu fahren wie die zwar höheren, gleichwohl in aller Regel etwas flacheren Alpenpässe. Vor allem der 16. Tagesabschnitt nach Bagnères-de-Luchon hat es in sich. Ebenso der darauffolgende Tag, an dem das Etappenziel auf dem 2215 Meter hohen Col de Portet liegt. Am zweitletzten Tag darf sich das Feld dann noch im Zeitfahren üben, was angesichts der anstrengenden Kraxeleien an den Vortagen nicht gerade zu einer Erholung gereichen dürfte. Vor allem für die Klassementfahrer nicht, die auf diesen 31 Kilometern noch einmal "volle Pulle" geben müssen.

Auch wenn die Tour jetzt quasi kurz vor Paris ist, lohnt es sich an diesem Tag womöglich, noch einmal auf einen deutschen Fahrer zu blicken. Der Cottbuser Tony Martin ist erst am vergangenen Wochenende wieder deutscher Meister in dieser Disziplin geworden, die ihm auch schon Olympia-Silber und drei Weltmeistertitel eingebracht hat. Ist er dann noch im Rennen, dürfte der 33-Jährige mächtig motiviert sein, auf großer Bühne noch einmal ins Rampenlicht zu treten.

Seine vermutlich letzte Tour – es ist seine Zehnte – dürfte im Team Bora-hansgrohe Marcus Burghardt (35) unter die Räder nehmen. Als Edelhelfer für Weltmeister Peter Sagan kommt dem Sachsen dabei große Bedeutung zu.

Der in Freiburg lebende Simon Peschke ist einer der Routiniers in der Sunweb-Equipe – und immer mal für einen Husarenritt gut. Er hat 2015 schon einmal eine Tour-Etappe gewonnen, die eine schwere Bergfahrt nach Pra-Loup war. Und beim Giro im selben Jahr trug er für einen Tag das Maglia Azzurra, der textile Ausweis des besten Bergfahrers.

Rein auf Sprintankünfte wird sich das Trio Marcel Kittel, John Degenkolb und André Greipel konzentrieren. Alle drei gehören sie zu den Besten ihres Faches – und werden von den endschnellen Konkurrenten gefürchtet. In diesem Jahr sind die Drei jedoch noch nicht so richtig in Schwung geraten, weshalb es abzuwarten gilt, wie sich die Frankreich-Rundfahrt entwickelt. Ein Sieg zu Beginn weiß Kittel aus Erfahrung, "und es tritt sich hinterher fast von selbst".