Der Zackenbezwinger aus Breitnau

Erhard Goller

Von Erhard Goller

Fr, 15. Juni 2018

Mountainbike

Matthias Bettinger, Mitfavorit auf den DM-Marathontitel, erklärt den BZ-Lesern, was die Ultra-Biker am Sonntag auf harten Steigungen und fiesen Wiesen erwartet.

MOUNTAINBIKE. Matthias Bettinger aus dem Kirchzartener Lexware-Team hat 2012 den Black-Forest-Ultrabike-Marathon gewonnen. Der Breitnauer kennt auf seinem Lieblingskurs fast jeden Streckenmeter. Bei der 20. Auflage des Ultrabike, bei dem am Sonntag auch die Marathon-DM ausgetragen wird, zählt der Hochschwarzwälder zum Favoritenkreis. Die BZ ist mit "Matze" vorab in Gedanken durch die 114 Kilometer der ultimativen Herausforderung im Hochschwarzwald geflogen. Bettinger erzählt unverblümt, wo im Kampf um die Medaillen die Knackpunkte warten.

Höhenprofile sind grafische Darstellungen, die mit der Wirklichkeit im Sattel nicht ganz übereinstimmen. "Es geht nicht vom Start weg gleich in den steilen Anstieg hinein. Bis Falkensteig geht es leicht ansteigend dahin", korrigiert Matthias Bettinger die Grafik. Ein Warm-Up gewissermaßen. Vermutlich wird da aber auch nicht getrödelt, denn es ist wichtig, eine gute Position zu haben, wenn es dann wirklich in den längsten Anstieg der Runde hineingeht. Der führt von Falkensteig bis zum Hinterwaldkopf. Rund zehn Kilometer geht es stramm bergauf, auf Schotter und teilweise sehr steil. Nach etwa 45 Minuten werden die Schnellsten nach rund 800 Klettermetern oben sein. Von der schönen Aussicht zum Feldberg werden die Profis kaum Notiz nehmen, aber schauen, wer noch übrig geblieben ist von den Konkurrenten.

Nix gewinnen, aber alles verlieren
"In den vergangenen Jahren sind da oben immer recht kleine Gruppen zusammen angekommen und es ist von hinten kaum noch jemand aufgefahren", erzählt Bettinger. "Kann sein, dass bei der Leistungsdichte der DM ein paar Leute mehr mit dabei sind", doch auf der anderen Seite könnten Schnellstarter, wie zum Beispiel der aktuelle deutsche Vizemeister Simon Stiebjahn, daheim im Neustädter OrtsteilLangenordnach, schon versucht haben, die Konkurrenz unter Druck zu setzen. "Am ersten Anstieg kannst du nix gewinnen, aber alles verlieren. Wenn du von der Spitze zu weit weg bist, kann es das im Kampf um die Medaillen schon gewesen sein". Über den kurzen Anstieg zur Lochrütte Fürsatz geht es wellig bergab nach Hinterzarten. Da wird wohl Tempo gemacht. "Nachgegeben hat da noch nie einer", weiß Bettinger. Untereinander wird vorne aber erst mal nicht viel passieren.


In Bärental wird noch nichts erlegt

In Hinterzarten wartet die erste Verpflegungsstation. Von hier geht es erst mal halbwegs flach weiter bis nach Titisee und an dem Touristen-Magneten auf der südöstlichen Seite entlang. Wenn der See hinter den Bikern liegt, geht es in den Anstieg nach Bärental hinauf. Der Bär wird dort wohl noch nicht erlegt. "Den Weg haben sie neu gemacht und er wird wohl besser rollen als bisher", so Matthias Bettinger. Für eine Attacke ist es jetzt, wir sind in Bärental erst bei Kilometer 43, wohl zu früh. Der Kenner weiß: Nach einer kurzen Erholungsphase auf dem Weg nach Altglashütten wartet ab dem Skilift eine Passage, die nicht rollt, aber richtig weh tun kann.

Im kleinsten Gang durch die Parabel

Man mag sich diese vielleicht zwei Kilometer lange Rampe als bärbeißiges Biest vorstellen, mit großen, scharfen Zähnen, so wie der grobe Schotter, der unter der Bereifung hin und her walkt. "Gefühlt sind das mehr als 20 Prozent Steigung. Der Anstieg ist wie eine Parabel, er wird immer steiler, man braucht den kleinsten Gang und oben raus zieht es sich", beschreibt Bettinger diese Passage, die im übrigen auch den höchsten Punkt des Ultrabike- Kurses bei 1234 Metern erreicht. Es folgt die Abfahrt nach Menzenschwand. Die beschreibt Bettinger als "rutschiger als der Rest", weil sandiger. Das heißt: aufpassen, dass man nicht aus der Kurve fliegt.

Ein mieses Schiebestück
Von Menzenschwand geht’s Richtung Bernau, über den Kaiserberg. Bei schlechtem Wetter kann hier ein Teil der Strecke zum Schiebestück werden. "Wenn man da absteigen muss, riskiert man, zurückzufallen", weiß Bettinger. Bis zum Bernauer Kreuz werde wohl im Kampf um den DM-Titel ein hohes Tempo gefahren, "aber im Grunde haben alle schon den letzten Anstieg im Hinterkopf". Die Abfahrt nach Todtnau ist schnell, auch hier ist Vorsicht geboten. Der Tross kommt zur Verpflegungsstelle bei Kilometer 75 und bereitet sich mental auf den ultimativen Killer-Anstieg vor. "Hier geht das Rennen erst richtig los", lehrt Bettingers Erfahrung. Zumindest wenn es um Titel und Medaillen geht.

In der Gasse der Begeisterung

Der Anstieg über Aftersteg zum Knöpflesbrunnen, mit einer ganz kurzen Unterbrechung in der Summe etwa acht Kilometer lang, ist legendär. An der "Alpe de Fidlebrugg" herrscht am Streckenrand Tour-de-France-Atmosphäre. "Hier wird das Feuer eröffnet", erklärt Bettinger zur Steigung, die durchschnittlich 22 Prozent aufweist, "man kann, lautstark angefeuert durch die Zuschauer, gar nicht anders als schnell fahren." Hat der Biker diese Hohlgasse der Begeisterung bergauf durchklettert, folgt das Kontrastprogramm. "Oben im Wald angekommen, ist alles auf einmal komplett ruhig. Man ist nur noch mit sich selbst beschäftigt". Mit den brennenden Beinen und natürlich den verbliebenen Kontrahenten.


Wo der Schweinehund bellt

Bis zum Haldenköpfle, vorbei am Notschrei, geht es wellig weiter. "Wenn am Notschrei das Klassement nicht gemacht ist, dann bleibt nur noch die Chance, in Hofsgrund die Entscheidung zu suchen", verweist Bettinger auf eine spezielle Passage. Eine "fiese Wiese", typisch für den Hochschwarwald, "federnd" und so gar nicht rollen wollend, stellt sich bergauf in den Weg. "Wenn du am Limit bist, dann ist das ziemlich zäh", erzählt Bettinger und man mag sich die Klangfarbe des innerlich bellenden Schweinehund lieber nicht vorstellen. Danach gibt’s am Rappeneck noch mal einen kurzen Gegenanstieg, der zwar schmerzt, aber eher das ist, was Mountainbiker einen "Zieher" nennen. Bevor es dann im Downhill nochmal ruppig wird, wenn man in den unteren Teil der Downhill-Strecke der Mountainbike-Weltmeisterschaft von 1995 kommt.

Die richtige Position für den Sprint

Falls die Helden der Waldwege da noch nicht einzeln unterwegs sind, ist noch mal Vorsicht geboten, wenn es durch den Campingplatz geht. "Da ist es eng und es kann sein, dass man auf Fahrer der Kurzstrecke trifft", so Bettinger. "Für die Einfahrt ins Stadion braucht man die richtige Position." Sofern es zu einem Sprint der Helden kommt. Wie wichtig eine gute Ortskenntnis ist, hat der Lexware-Biker am vergangenen Wochenende bei der Elsa-Bike-Trophy in der Schweiz erfahren, als seine drei Schweizer Konkurrenten die Zielanfahrt im Gegensatz zu ihm kannten, so dass dem Hochschwarzwälder nur Rang vier blieb. Seine eigene Strategie hat sich der 34-jährige Ex-Biathlet für die Heim-DM am Sonntag in Kichzarten zurechtgelegt. Aber die verrät er natürlich nicht.