Giro d’Italia in Israel

EINWURF: Der Sport und seine Gesten

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

Fr, 04. Mai 2018

Radsport

Der Giro d’Italia ist ein Denkmal im Radsport. Dieses steht für den hohen Respekt und die Wertschätzung des Rennens, das seit mehr als 100 Jahren existiert. Leider aber ist der Sport von der strapaziösen Krankheit befallen, das "immer schneller, immer weiter" ins Groteske zu treiben. Ein Umstand, der dem Giro von Freitag an einen Auftritt in Israel beschert. Als Erste der drei großen europäischen Rundfahrten startet der Giro außerhalb Europas – ausgerechnet in einem Krisengebiet. Wer jetzt an eine edle Geste des Veranstalters gegenüber Israel und dem dort gerade gefeierten 70. Jahrestag denkt, ist auf dem Holzweg. Solche Gesten sind im Sport zwar gerne gesehen, aber so selten wie Schneefall im Sommer. Es sei denn, es wird mit Geld nachgeholfen. Und da kommt Sylvan Adams ins Spiel. Adams ist ein kanadischer Milliardär und Radsportfreak, der vor zwei Jahren nach Israel eingewandert ist. Den Giro hat er seinen neuen Landsleuten jetzt quasi zum Einstand geschenkt. Sehr zur Freude des italienischen Veranstalters, der sofort Parallelen zwischen den Heiligen Städten Jerusalem und Rom erkannte, wo der Giro – entgegen aller Tradition – nach drei Wochen enden wird. Eigentlich ist Mailand das Ziel, aber sei’s drum. Was macht man nicht alles, wenn Geld sprudelt und Egoismen befriedigt werden? Vor so viel Großherzigkeit verneigt sich auch die israelische Politik, die zusammen mit den Planern aber Mühe hatte, die im Ostteil Jerusalems lebenden Palästinenser nicht zu provozieren. Dass am zweiten Tag unweit des Gaza-Streifens geradelt wird, fördert im italienischen Außenministerium zwar Unterarmnässe. Alles sei aber geregelt, verlautet aus Tel Aviv, wo über die Anzahl der Sicherheitskräfte das Mäntelchen des Schweigens gedeckt wird. Vermutlich hat man beim Addieren der Soldaten und Personenschützer Kopfweh bekommen. Relativ harmlos nimmt sich da Tag drei aus, wenn es durch die Wüste nach Eilat ans Rote Meer geht. Meteorologen warnen zwar vor über 40 Grad Hitze. Aber so ist halt Gigantismus: Regeln der Vernunft werden außer Kraft gesetzt und man überlässt jenen das Sagen, die sich dank dicker Geldsäckel als tolle Macher präsentieren dürfen. Hallo, Mister Adams. Dass sich die 220 Radler aus 22 Teams bei dem zum historischen Moment ausgerufenen Spektakel "etwas unwohl fühlen", wie der Deutsche Tony Martin einräumt: geschenkt. Die sollen ja auch strampeln und nicht nachdenken.