Mit Sik Mik auf den Roßkopf

Susanne Gilg

Von Susanne Gilg

Fr, 07. September 2018

Mountainbike

Was ein Weltcup-Downhillteam mit einer zupackenden Bremse aus Freiburg zu tun hat.

MOUNTAINBIKE. Die Schlammspritzer sind auf der schwarzen Ordenstracht kaum sichtbar. "Allez, allez", ruft Schwester Marie, als die Australierin Tracey Hannah, die für das Polygon-UR-Team startet und in diesem Jahr als Dritte den Gesamtweltcup im Downhill abgeschlossen hat, an ihr vorbeirauscht. "Das ist einfach so aufregend, wenn sie Sprünge zeigen", sagt die Nonne, als sie sich an einem Seil im Steilhang entlanghangelt, um nicht im Matsch wegzurutschen. Aus der Nähe von Taizé ist sie nach La Bresse gekommen, um die weltbesten Mountainbiker beim letzten Weltcup der Saison anzufeuern. Es ist nicht nur ein Bad im Schlamm, es ist auch ein Bad in der Menge, das die Downhiller auf dem rutschigen Kurs in La Bresse nehmen.

Tausende sind an die Strecke gekommen, nach 2011 ist der kleine Skiort in den Vogesen in diesem Jahr wieder Weltcup-Station für die Downhiller. In Frankreich begeistert nicht nur die Tour de France die Massen, auch Mountainbiker lösen regelrechte Begeisterungsstürme aus. "Die Weltcups in Frankreich sind immer toll, ich mag es, in Frankreich Rennen zu fahren", sagt der 34 Jahre alte Mick Hannah, der ältere Bruder von Tracey Hannah, für den es die 17. Weltcupsaison gewesen ist.

"Ich dachte, die Deutschen sind da entspannter."

Kopfschütteln löst dagegen die in Baden-Württemberg geltende Zwei-Meter-Regel aus, von der Mick Hannah und Fabien Cousinié zwei Tage später zum ersten Mal hören. "Ich dachte, die Deutschen sind da entspannter", sagt Fabien Cousinié, Teammanager des Polygon-UR-Teams, als er sich zusammen mit Mick Hannah in Merzhausen in der Werkstatt von Trickstuff an eine Werkbank lehnt. Das Freiburger Unternehmen stattet das Downhill-Team seit zwei Jahren mit der Bremse "Direttissima" aus. Nach dem Weltcup in La Bresse hat das Unternehmen um Geschäftsführer Klaus Liedler das Polygon-UR-Team nach Merzhausen und zu einer Ausfahrt auf den Roßkopf eingeladen – verbunden mit der Abfahrt auf dem Borderline-Trail.

Für das Team steht jetzt noch die Weltmeisterschaft dieses Wochenende in Lenzerheide an, bevor die "Off-Season" beginnt, in der Skitouren, Motocross, Enduro, Surfen oder Laufen angesagt sind. Für Mick Hannah, der noch mit einer Verletzung an der Hand zu kämpfen hat, geht damit eine nicht ganz leichte Saison zu Ende. "Daher bin ich froh über meinen zwölften Platz in La Bresse", sagt er. "Die Mechaniker haben bei solchem Wetter wie in La Bresse viel mehr Arbeit, aber dieses Wetter kommt vor allem den älteren Fahrern mit mehr Erfahrung zugute", sagt Hannah, der auch auf den Namen "Sik Mik" hört.

Seine zehn Monate alte Tochter Miya erkundet in der Werkstatt von Trickstuff gerade eine Kiste mit Bremssätteln. "Es ist schön, dass meine Frau und meine Tochter gerade bei mir sind", sagt der Australier, der in Colorado lebt und seine Familie während der Saison, die vorwiegend in Europa stattfindet, selten sieht. Seine vier Jahre jüngere Schwester Tracey fährt für das Polygon-UR-Team bei den Frauen Erfolge ein, ist im Weltcup seit einigen Jahren vorne mit dabei und steht häufig mit Rachel Atherton und Tahnée Seagrave auf dem Podium. An diesem Tag hat sie eine Magenverstimmung und kann nicht mit auf den Roßkopf radeln.

Im Hof des Gasthauses Schützen, wo das Team in Freiburg übernachtet, schrauben die Mechaniker noch an den Bikes der Marke Polygon, mit denen sie auf den Roßkopf fahren wollen. Mick Hannah nimmt Töchterchen Miya auf den Arm, dreht eine Runde mit ihr über den Parkplatz. Jede andere Mutter wäre wahrscheinlich etwas besorgt gewesen, aber Micks Frau Kim weiß, dass ihre Tochter auf dem Arm des bikenden Papas sicher ist. Seinen Vollvisierhelm, den Rennanzug und das Downhill-Bike hat er an diesem Abend gegen ein Enduro-Bike getauscht, unter dem Helm ist ein Grinsen sichtbar.

Zusammen mit dem Trickstuff-Team und Mitgliedern des Freiburger Mountainbikevereins geht es an der Dreisam entlang und dann hinauf zum Roßkopf. Mick Hannah legt ein Tempo vor, bei dem jeder Marathonfahrer ins Schwitzen geraten würde. "Wir machen im Training wahrscheinlich viel mehr Uphill als Downhill", sagt er. "Es ist eines der großen Vorurteile, dass Downhiller ausschließlich bergab fahren." Die Geschwindigkeit, auf die es bei Downhill-Rennen auch ankommt, trainiert der 34-Jährige beim Motocross. Sein Rezept: "Hart an den eigenen Fähigkeiten arbeiten, geduldig sein und hin und wieder die eigene Komfortzone verlassen." Auf den Roßkopf hinauf verlässt er seine Komfortzone nicht – auch nicht, als es zu nieseln beginnt. "Das ist doch kein Problem, das bisschen Regen – es ist einfach eine andere Stimmung", findet er. Die Abfahrt auf der Borderline gefällt ihm: "Das ist ziemlich cool, dass es sowas in direkter Nähe zur Stadt gibt – würde ich hier wohnen, wäre ich hier öfter."

"Wir wollten was Individuelles, das gleichzeitig kräftig ist"

Öfter hier unterwegs ist das Team von Trickstuff, das in Merzhausen die Bremse konstruiert und baut, auf die das Team um Fabien Cousinié vertraut. "Ich hatte vorher nie von Trickstuff gehört", sagt Mick Hannah. Teammanager Cousinié, der in Frankreich auch eine Werbeagentur hat, hatte einen Test in einem Bike-Magazin gelesen, war neugierig geworden. "Wir wollten was Individuelles, das gleichzeitig kräftig ist", sagt er. "Das ist die beste Bremse, die ich je hatte", fügt Mick Hannah hinzu, der sie bei der WM in Val di Sole 2016 zum ersten Mal getestet hat.

"Direttissima ist ein Begriff aus dem Alpinismus, der die direkte, gerade Linie hinauf zum Gipfel und wieder herunter bezeichnet. Für solch extreme Anforderungen ist unsere Bremse ausgelegt", erklärt Trickstuff-Chef Klaus Liedler bei einem Abendessen mit dem Team im Schützen. Für ihn und seine Belegschaft liefert die Kooperation mit dem Downhill-Team wertvolle Erkenntnisse, die "Direttissima" wird auf den Weltcupstrecken und im Training extremsten Bedingungen ausgesetzt: "Als Topteam im Downhill-Worldcup belasten Mick, Tracey und Co. das Material weitaus stärker als man sich das im Hobbybereich vorstellen kann. Zum einen wird wesentlich mehr gefahren, vor allem aber bedeutend härter. Da treten Probleme auf, die wir sonst nicht feststellen und beheben könnten", sagt Liedler. Auch im Cross-Country-Bereich bremsen Sabine Spitz oder der Schweizer Florian Vogel mit der "Piccola" aus Merzhausen, der kleinen Schwester der "Direttissima". Auch das Trek-Team um Rachel und Gee Atherton ist mit Bremsbelägen der Freiburger auf den Downhillstrecken der Welt unterwegs. Wenn in Lenzerheide die Saison zu Ende geht, wird auch das Trickstuff-Team an der Strecke stehen, die Fahrer des Polygon-Teams anfeuern und technisch unterstützen.