Auf dem Schirm

Matthias Konzok

Von Matthias Konzok

Do, 16. August 2018

Radsport

Albbrucker Radprofi Nico Denz setzt bei der Europameisterschaft seine überzeugende Saison fort.

RADSPORT. Eitelkeit ist bei Sportlern fehl am Platz. Gerade noch der Puls am Maximum und voller Adrenalin, werden sie völlig verausgabt vor die TV-Kameras gezerrt. Noch einmal schnell pudern? Den Schweiß wegwischen? Denkste. Als am Sonntag alle Blicke auf Nico Denz gerichtet waren, schien es, als wäre der 24-jährige Albbrucker gerade einen der berühmten Klassiker gefahren. Mit klassischem Regenwetter. Paris-Roubaix, schönes Kopfsteinpflaster, und der Dreck unzähliger Straßenkilometer im Gesicht, am Trikot, am ganzen Körper. Es passte alles zu einem Klassiker, auch das Streckenprofil, doch es war das Straßenrennen bei der Europameisterschaft in Glasgow. Auf der Brust der Bundesadler, das weiße Trikot leicht geschwärzt, sprach Denz vor den TV-Kameras über seinen Auftritt und Rang neun als bester Deutscher. Und über seinen Sturz.

Zwei Tage später ist Denz längst nicht mehr in Schottland. Der Rennkalender hat ihn umgehend auf den europäischen Kontinent zu seinem französischen Team Ag2r zurückgeführt: BinckBank Tour, das heißt sieben Tage durch die Niederlande und Belgien. Und Nico Denz zwischen Radsattel, Massagebank und Telefonat. Zweite Etappe, Rang 68 im Zeitfahren, bei 159 Startern. "Mit der Position kann ich nicht zufrieden sein", sagt Denz zunächst. Ein Mittelfeldplatz im Klassement, "das ist soweit in Ordnung", resümiert er kurz darauf. Einerseits drängt ihn sein Ehrgeiz nach einer besseren Platzierung. Andererseits weiß er: Er hat ein intensives EM-Rennen in den Beinen.

Wer sein Gesicht am Sonntagabend auf dem TV-Bildschirm sah, der hätte über Nico Denz wohl vieles gesagt. Aber kaum, dass er frisch ausgesehen habe. Doch diesen Eindruck hat er auf seine Kollegen gemacht, in der Spitzengruppe "waren die anderen am Anschlag", sagte ihm Oliver Naesen, sein belgischer Kapitän bei Ag2r. Die Radprofis haben ein Auge dafür, in welcher Verfassung sich die Konkurrenten befinden, wie geschmeidig sie sich noch bewegen und im Sattel sitzen.

Denz erhielt viel Lob, er habe ein "krasses, saustarkes Rennen" abgeliefert. Erst da sei ihm seine Leistung richtig bewusst geworden. "An sich ist es ein super Ergebnis", sagt Denz, stolz auf die Leistung sei er. Doch da ist noch der Hader. "Es ist mehr drin gewesen." Wäre da nicht der Sturz gewesen, etwa zehn Kilometer vor dem Ziel. Der Niederländer Maurits Lammertink kollidierte in einer Kurve mit der Straßenabsperrung, Denz versuchte auf der glitschigen Strecke auszuweichen, bremste – und rutschte weg. "Extrem bitter", sagt er. Nach dem Sturz setzte er alles daran, die Spitze einzuholen. "Wenn man einmal in der Gruppe ist, will man das ganz große Ding abschießen und denkt nur noch an den Sieg oder eine Medaille", sagt Denz. Als er den Anschluss fast geschafft hatte, "sind mir in der letzten Rampe die Lichter ausgegangen".

"Ich habe einen

wahnsinnigen Schritt

nach vorne gemacht."

Nico Denz
Ursprünglich sollte Denz gegen Ende des Rennens mit Roger Kluge und Rick Zabel die wichtigen Attacken abdecken. Doch diese blieben aus. So initiierte Denz eine Gruppe, "ich bin aber nicht voll in die Führung durchgefahren". Denn das deutsche Team hatte mit Sprintstar John Degenkolb ein heißes Eisen im Feuer. Das Loch zwischen den zehn Ausreißern und dem Hauptfeld wurde jedoch größer, "es waren alle wichtigen Teams dabei, darunter die absoluten Favoriten". Alsbald wusste Denz: Er fährt nun für sich. "Ich hatte mir einen Plan zurechtgelegt, wo ich attackieren will", erklärt er. Und: "So langsam bin ich im Sprint auch nicht."

Das Selbstvertrauen ist da, nicht erst seit der EM. "Das ist mit Abstand meine beste Saison", zieht der Albbrucker ein Zwischenfazit. "Ich habe das erste Mal das Gefühl, dass ich auf der Höhe bin." Nach einem durchwachsenen Sportjahr 2017 startete er im Januar bei der Tour Down Under, und "seit ich aus Australien zurück bin, läuft es". Drei Jahre nach seinem Sprung von den Amateuren ist Denz endgültig bei den Profis angekommen. Beim Giro d’Italia kämpfte er auf der zehnten Etappe als Ausreißer um den Sieg, wurde Zweiter. "Das war ein Achtungserfolg", sagt Denz, der seinen Status verbessert hat, bei Ag2r ("Mein Team weiß jetzt, was ich kann"), aber auch bei der deutschen Nationalmannschaft. Sie haben den jungen Profi auf dem Schirm.

Seine erste Grand Tour, die Vuelta im vergangenen Jahr, brachte Denz den erhofften Effekt. Die dreiwöchige Rundfahrt "ist wichtig, um das Grundniveau zu heben", sagte er im August 2017. "Der Motor wächst mit der Erfahrung und den Rennen" sagt er heute. "Dieses Jahr profitiere ich davon. Ich habe einen wahnsinnigen Schritt nach vorne gemacht." Zudem kann der Radprofi befreit auf die Strecke gehen. Sein Zwei-Jahres-Vertrag bei Ag2r läuft noch bis 2019, und im Winter hat er an der FH Riedlingen ein Fernstudium (Betriebswirtschaftslehre und Management) aufgenommen. "Es geht alles übers Internet", perfekt für Denz: "Ich kann von überall arbeiten." Das Studium bietet dem Profisportler eine Absicherung. Auch privat ist er rundum glücklich. "Es passt einfach alles."

Bei der BinckBank Tour sind die Erfolgsaussichten für Ag2r wohl eher überschaubar, "die Rundfahrt ist nicht auf uns zugeschnitten". Ohne Zeitfahrkönig oder Sprintexperten im Team bräuchte es dafür ein anspruchsvolleres Streckenprofil. Nach der Zielankunft am Sonntag im belgischen Geraardsbergen bleiben Denz drei Tage Pause, dann startet er bei der Deutschland-Tour. "Mein absolutes Highlight", sagt Denz. Vorrang genießen bei Ag2r natürlich die Kapitäne, aber "ich möchte mich auch zeigen", sagt Denz. Erst auf der Strecke, und danach wieder gerne im Fernsehen. Ganz egal ob mit ein bisschen Dreck im Gesicht oder nicht.